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15.01.2006
 

Schwules Kino

Zwei Cowboys bringen noch keinen Segen

Von Ulf Lippitz

Am Montagabend werden die Golden Globes verliehen. Als Favorit gilt der schwule Western "Brokeback Mountain". Kritiker glauben bereits an eine Renaissance des schwulen Kinos - aber sie könnten sich irren.

So sehen preisverdächtige Konflikte aus: Ein Cowboy kämpft um die Liebe zu einem anderen Cowboy, ein schwuler Schriftsteller um das Vertrauen eines Schwerverbrechers, ein Transsexueller um die Achtung seines Sohnes. Bei den Golden Globes, den alljährlich verliehenen Kinopreise der in Hollywood residierenden Reporter der Auslandspresse, wird bei der 63. Vergabe am Montagabend die Regenbogenflagge gehisst. Nie zuvor waren homosexuelle Themen so prominent vertreten wie in diesem Jahr. US-Kritiker sehen mit Blick auf die Verleihung der Oscars am 5. März bereits die "Gay Oscars" heraufziehen.

Oscar-Favorit "Brokeback Mountain" (mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal): Gegen den Rat der Agenten
AP

Oscar-Favorit "Brokeback Mountain" (mit Heath Ledger und Jake Gyllenhaal): Gegen den Rat der Agenten

Für die Golden Globes ist Ang Lees Cowboy-Romanze "Brokeback Mountain" sieben Mal nominiert. Für das Biopic "Capote", die Transsexuellen-Geschichten "Transamerica" und "Breakfast on Pluto" gehen ihre jeweiligen Darsteller Philip Seymour Hoffman, Felicity Huffman ("Desperate Housewives") und Cilian Murphy ins Rennen - als homo- respektive transsexuelle Film-Charaktere.

Die reine Quantität legt nahe, dass das Homo-Kino massenkompatibel geworden sei. Ein Trugschluss. Das so genannte Queer Cinema ist im Arthouse-Bereich gefangen. Keiner der Filme stammt aus großen Studios, die Stoffe wurden zum Teil über lange Zeit hinweg entwickelt. Allein Ang Lee wartete sieben Jahre auf die Realisierung von "Brokeback Mountain". Kein Schauspieler traute sich, die Hauptrollen anzunehmen. Heath Ledger und Jake Gyllenhaal übernahmen sie 2004 ausdrücklich gegen die Empfehlungen ihrer Agenten. Dabei sah es Mitte der neunziger Jahre gut aus für schwule Stoffe. Jonathan Demme inszenierte 1993 "Philadelphia", Tom Hanks mimte darin einen homosexuellen, an Aids erkrankten Anwalt und erhielt dafür einen Oscar. In der Komödie "In and Out" (1997) stritten sich Kevin Kline und Tom Selleck darüber, welche Merkmale einen Schwulen ausmachen. Zu mehr als Achtungserfolgen hat es allerdings nicht gereicht. Heute spielen schwule oder lesbische Charaktere zumeist die zweite Geige im Figuren-Reigen Hollywoods - als gute Freunde, kompetente Stil-Berater und liberale Hintergrundtapete.

Seit der Jahrtausendwende schlägt das gesellschaftliche Herz Amerikas rechts. Die Wahl des Republikaners George W. Bush zum Präsidenten der USA und die Nachwehen der Terroranschläge förderten ein wertekonservatives Klima, in dem nur die Ehe von Mann und Frau als gewünscht galt. Bush stellte sich 2004 gegen die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften.

Republikaner sind es auch, die am schärfsten gegen Filme wie "Brokeback Mountain" wettern. In der Mormonenhochburg Salt Lake City im Bundesstaat Utah nahm der Multiplex-Mogul Larry H. Miller Lees Film aus dem Programm seiner Kette. Die Christian Film & Television Commission, eine einflussreiche Beratergruppe, nörgelte an den Golden-Globe-Nominierungen herum, weil sie angeblich nicht den Markt widerspiegeln. Sprecher Ted Baehr beschied Lees Film darüber hinaus "ausgesprochen langweilig" zu sein - und stellte die rhetorische Frage: "Wollen Sie, dass Ihre Tochter sieht, wie zwei Cowboys Sodomie treiben?"

Die Kontroverse schürt indes das Interesse. Nach wie vor zeigen amerikanische Kinos "Brokeback Mountain" nur in begrenzter Kopien-Zahl, knapp 500 Kopien sind über das Land verteilt. Trotzdem kommt er auf einen fast drei Mal so hohen Besucherschnitt wie das Fantasy-Spektakel "Der König von Narnia", der mit mehr über 3500 Kopien läuft und eine Empfehlung Ted Baehrs ist - wegen der Anspielungen auf die christliche Leidensgeschichte.

Woher rührt das Interesse, wenn das Klima doch geradezu kontraproduktiv scheint? Ganz einfach: Das Homo-Kino ist erwachsen geworden, es ist der Pubertät entstiegen und hat seine Geschichten vom Coming-Out in dutzenden Varianten ausgeschöpft. Es entdeckt neue spannende Stoffe - und provoziert damit.

So testet das Queer Cinema im Independent-Bereich aus, welche Themen relevant sind - für Minder- wie für Mehrheiten. Die Filmemacher stoßen dabei auf universale Gefühle: Wenn Felicity Huffmann als transsexueller Vater mit dem Sohn streitet, spüren Hunderttausende Eltern die zermürbenden Konflikte nach. Philip Seymour Hofmann mimt einen Truman Capote, der an seiner Arbeit zerbricht. Heath Ledger markiert den starken Cowboy, der das richtige Leben im falschen sucht. Die Filme stellen die Sexualität ihrer Helden nie in Frage, sie elaborieren vielmehr ihre Auswirkungen auf den Alltag.

Tabu-Brüche wie bei "Brokeback Mountain", der die Macho-Welt des Westerns auf den Kopf stellt, sind dabei natürlich erwünscht und werden forciert. Sie bewirken aber auch, dass manche Filme gnadenlos vom Publikum gemieden werden. Der Underground-Filmer Gregg Araki bewies in seinem Jugend-Drama "Mysterious Skin", dass man das heikle Thema Pädophilie poetisch, gefühlvoll und bildgewaltig auf Zelluloid bannen kann. Resultat: Kaum ein Kino hat den Film gezeigt. In Deutschland traute sich im vergangenen Dezember nur das schwul-lesbische Filmfestival "Verzaubert", es seinen Besuchern zuzumuten.

Risiken haben in Hollywood keine Fürsprecher. Wer heute wagemutige Stoffe umsetzen will, geht zum Fernsehen. Dort hat sich eine neue Erzählkultur etabliert, die schwule Reflektionen berücksichtigt und mit Serien wie "Six Feet Under" oder "Queer As Folk" Erfolge feiert. So lange sich daraus jedoch kein kommerziell ausschlachtbarer Trend abzeichnet - wie die Aids-Debatte in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren -, zückt kein Film-Studio das Scheckbuch. Vor dem Hintergrund der schwindenden Besucherzahlen werden die auf Rendite bedachten Unterhaltungs-Konglomerate wohl in Zukunft sogar noch vorsichtiger und vorhersehbarer agieren.

Unabhängige Filmemacher sind daher darauf angewiesen, mit wenigen Mitteln so originell wie möglich zu arbeiten - und selbst nach der Produktion muss ihr Atem länger sein. Der "Transamerica" zum Beispiel wurde bereits vor einem Jahr in der schwul-lesbischen Teddy-Sektion der Berlinale gezeigt. Regisseur Duncan Tucker erhielt in Berlin den Teddy-Preis für den besten Film. Erst nach einigen weiteren Festival-Auszeichnungen kaufte ein Verleih den Film und brachte ihn im Dezember in die US-Kinos. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten läuft er nun mit begrenzter Kopienzahl von sechs Stück. Das ist keine Renaissance des schwulen Kinos, eher ein zaghafter Neuanfang.

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