Von Nina Rehfeld
Wundersames Amerika: In George W. Bushs Amerika, das von "wiedergeborenen Christen" regiert wird, erschütterte erst kürzlich ein schwerer Skandal das öffentliche Kinderfernsehen, als in einer Sendung eine Familie mit zwei Müttern abgebildet wurde. Vor gut einem Jahr schrieben die Bürger von elf Bundesstaaten, darunter das sonst so tolerante Oregon, ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen in ihren Verfassungen, während die großen Kirchen Homosexualität offensiv als Geisteskrankheit "therapieren". Ausgerechnet hier drängen nun zwei schwule Cowboys neben John Wayne auf den Sockel Amerikas liebster Westernhelden. Darf das wahr sein?
Als europäischer Bedenkenträger rechnete man mit Aufruhr, Protest, wenn nicht gar Revolution als Regisseur Ang Lee im Dezember - Familienzeit! - seine Verfilmung einer Kurzgeschichte von Annie Proulx auf die Leinwand brachte. Bei Ennis Del Mar und Jack Twist, den Hauptfiguren in "Brokeback Mountain", wird zwar nicht geschmust, sondern gerauft, der Sex ist hart und wortlos, und sogar ihr leidenschaftlicher Kuss beim Wiedersehen nach Jahren ist voller körperlicher Aggressivität. Aber dennoch: Amerikas maskuline, Identität stiftende Ikone schlechthin, der Cowboy, soll plötzlich eine Schwuchtel sein? Leinwand-Sex mit Schafen schien weniger explosives Potential zu haben.
Aber es geschah... nichts: Gerade mal ein einziger Kinobesitzer im Mormonenstaat Utah, der zufällig auch Eigner des erfolgreichen Basketballteams Utah Jazz und damit irgendwie prominent ist, weigerte sich, den Film zu zeigen. Keine Theaterkette boykottierte das Stück, keine Massenproteste störten die Vorstellungen. Sogar Amerikas mächtige Familienverbände wie "Focus on the Family" und die "American Family Association", die ihre Existenzberechtigung aus ihrer Wächterfunktion über "kulturellen Schmutz" ziehen, schwiegen, angeblich, um dem Film nicht zu unnötiger Skandal-Publicity zu verhelfen.
"Seien Sie sich im Klaren, dass Sie die Klappe halten müssen"
Unterdessen strömten mitten im amerikanischen Südwesten, der Heimstatt der Cowboy-Kultur, wo Autos von der Größe eines Bauwagens und der Zugkraft eines LKWs allgegenwärtige Symbole von Mannbarkeit sind und die Kerle sich das Recht vorbehalten, ihre Waffen auch in Bars zu tragen, Scharen von Stetsons und Boots ins Kino. Ob in Waco, Texas oder Prescott, Arizona - auch in Kleinstädten, wo jeder jeden kennt, sind die "Brokeback"-Vorstellungen hierzulande schon vormittags voll.
In den Metropolen demontierte man sich derweil humorvoll selbst. Larry David, Co-Autor der Serie "Seinfeld" und einer der cleversten Komiker der USA, veröffentlichte in der "New York Times" einen Leitartikel darüber, warum ihn keine zehn Pferde in den Film kriegen. "Ich bin für homosexuelle Ehen, homosexuelle Scheidungen, für homosexuelles dies und das. Ich will nur nicht mit ansehen, wie sich zwei Hetero-Männer allein auf der Prärie ineinander verlieben, küssen, umarmen, Händchen halten und was sonst noch", schrieb er Anfang Januar. "Wenn zwei Cowboys, Ikonen der Männlichkeit, die 100-prozentige Männer sind, dem erliegen, welche Chance habe ich dann noch, ich viertel bis halber Mann?"
Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Autor Leonard Pitts Jr. nannte "Brokeback Mountain" in seiner landesweiten Kolumne "den Furcht erregendsten Film aller Zeiten", zumindest für heterosexuelle Männer. Und MSNBC druckte auf seiner Website für diese gar gleich "The straight dude's guide to "Brokeback'" ab, verfasst vom homosexuellen Autoren Dave White. Auszüge: "Seien Sie sich im Klaren, dass Sie die Klappe halten müssen" - schließlich wisse jeder, dass der Kerl, der am lautesten sein Desinteresse an dem Film bekundet, heimlich schwul ist. Oder: "Es gibt weniger als eine Minute Sex - auch wenn das die längsten 60 Sekunden Ihres Lebens sein könnten."
"Looks kinda brokeback to me"
Echte Cowboys gucken sich landauf, landab die schwulen Film-Cowboys an und sind hingerissen von der großen Liebesgeschichte. Männer machen öffentlich Witze über ihre unterschwellige Homophobie. Und die Promi-Zeitschrift "People", die sich sonst um nichts anderes schert als die Affären, Diäten und Bad-Hair-Days der Hollywood-Prominenz, veröffentlicht eine vierseitige Story über schwule Cowboys - auf der echten amerikanischen Prärie. Fehlt nur noch, das George W. Bush den Film öffentlich empfiehlt.
Der Präsident hat "Brokeback Mountain" jedoch noch nicht gesehen, wie Amerikas Rancher-in-Chief vergangene Woche auf eine neugierige Frage an der Kansas State University gestand: "Ich kann mit Ihnen über die Viehzucht plaudern, aber ich habe den Film nicht gesehen. Ich habe aber davon gehört." Prompt werden diese Worte nun als neues Zeichen der Isolierung Bushs vom Volk gewertet. Denn "Brokeback Mountain" hat die US-amerikanische Alltagskultur in knapp zwei Monaten schier durchtränkt. Wer den Film nicht kennt, kann nicht mitreden.
Der verzweifelte Satz, den Jake Gyllenhaal seinem Filmpartner Heath Ledger entgegenschleudert - "I wish I knew how to quit you!" - ist zum geflügelten Wort geworden. Zuletzt druckte das Wochenmagazin "Time" ihn zu einer Karikatur, in dem ein Politiker mit einem Lobbyisten in Cowboymontur tanzt. Und der Cartoonist Aaron McGruder, dessen Comicstrip "Boondocks" landesweit in mehr als 350 Zeitungen erscheint, machte aus dem Wort "Brokeback" kürzlich ein Adjektiv samt "Anweisung für den Alltagsgebrauch". Darin verteidigt der Großvater von McGruders jungem schwarzen Helden Huey seine Umhängetasche mit den Worten: "Das ist kein Handtäschchen! Es ist eine Herrentasche, sehr männlich!", woraufhin Huey zurückgibt: "I don't know, Granddad - looks kinda brokeback to me." Soll heißen: Sieht ganz schön schwul aus.
Ewig ernste Sinnsucher mahnen nun bereits das Coming-uut der ersten männlichen A-Stars Hollywoods an. Wird Tom Cruise seine Hochzeit mit Katie Holmes absagen und, wie die Fernsehserie "South Park" das vor einigen Wochen in einer herrlich komischen Episode durchspielte, aus dem sprichwörtlichen Schrank kommen? Werden die "Washington Post" oder CBS verborgene Dokumente über das geheime Liebesleben John Waynes ans Licht bringen? Am Ende zeichnet sich hier gar ein kultureller Befreiungsschlag von Amerikas stets so angestrengter Männlichkeit ab. Yeehaw!
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