Von David Crossland und Daniel Haas
Den Touristen, die gestern in Reisebussen die historischen Highlights der Stadt abklapperten, blieb der Mund offen stehen: Vorm Berliner Dom flatterten riesige rote Banner mit Hakenkreuz, während Wehrmachtssoldaten zwischen den imposanten Säulen des Alten Museums Wache schoben. Dazu skandierte eine Hundertschaft "Sieg Heil!" zum Hitler-Gruß.
Erst auf den zweiten Blick sah man sie dann, die Film-Crew, die Catering-Busse und das Equipment. Entwarnung: Die Deutschen hatten sich nicht am Wochenende ins Vierte Reich verirrt. Das Szenario war jedoch gespenstisch genug, um eine Masse von Schaulustigen anzuziehen. Kein Wunder: Was gestern im historischen Zentrum Berlins gespielt wurde, hat es so in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht gegeben: eine Komödie über Hitler.
"Mein Führer - Die wirkliche Wahrheit über Adolf Hitler" heißt der Film, Regie führt Dani Levy, präsentiert wird ein humoriger Blick auf die letzten Tage des Nazi-Diktators und damit nicht nur eine Hitler-Parodie, sondern auch eine Persiflage jener hoch gelobten Führer-Darstellungen, mit der "Der Untergang" zum deutschen Erfolgsfilm wurde. Bernd Eichingers Großproduktion riskierte allerdings selbst den Tabubruch, indem er Hitlers menschliche Seite präsentierte.
Levy erklärte, er wolle seinen Film als "Gegensignal" gegen solche Filme verstanden wissen, die Hitler auf einen Sockel heben. Unterstützt wird das Projekt vom Medienboard Berlin-Brandenburg, das den Plot wie folgt zusammenfasst: "Hitler lebt und erzählt die Geschichte, wie er wirklich war - ein Schwächling, der es nur mit Hilfe des Juden Grünbaum an die Spitze brachte."
Mit der Entmonumentalisierung des Nazi-Herrschers, seiner Bloßstellung durch Humor, knüpft Levy an große Werke der Kinogeschichte an, allen voran Charlie Chaplins "Der Große Diktator" von 1940 und Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein" (1942). Chaplins Werk gilt bis heute als eine meisterhafte Analyse des Hitler-Regimes mit den Mitteln des Slapstick. Chaplins Hitler, entrückt mit der Weltkugel zu Wagner-Musik tanzend oder mit Mussolini um Aufmerksamkeit buhlend, gehört zu den kanonischen Figuren der Filmgeschichte.
Lubitschs Komödie half "den Potentaten im Kino mit den Mitteln des Theaters besiegen" (Hellmuth Karasek): In "Sein oder Nichtsein" studiert ein polnisches Bühnenensemble eine Satire über Hitler ein. Nach dem Einmarsch der Nazis werden die Schauspieler zu Akteuren des Widerstands und inszenieren eine rasante Verwechslungsfarce mit den Besatzern.
Allerdings liegen zwischen diesen Glanzstücken des Hollywoodfilms und Levys Projekt nicht nur mehrere Jahrzehnte, sondern auch die Erkenntnisse der Geschichte. Als Lubitschs und Chaplins Filme erschienen, war das ganze Ausmaß des Nazi-Terrors noch nicht bekannt. Beide Regisseure erklärten später, sie hätten ihre Komödien niemals gedreht, wäre ihne die Barbarei der Hitlerschen Massenvernichtungsmaschine in vollem Umfang bewusst gewesen.
Im Angesicht eines unvergleichbaren Verbrechens ist die satirische Erzählung problematisch, das beweist auch die Aufnahme von Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1997). Dem Oscar-Preisträger wurde vorgeworfen, er würde den Zuschauern am Ende seiner Holocaust-Geschichte ein Gefühl von Rührung und Erleichterung verschaffen - eine Kritik, die übrigens auch Steven Spielberg übte, der selbst nach seinem Drama "Schindlers Liste" unter Kitsch- und Trivialiserungsverdacht geraten war.
Es wird spannend sein zu sehen, wie Levy mit diesen dramaturgischen und darstellungstechnischen Fragen umgehen wird - das kulturelle Klima jedenfalls scheint dafür momentan günstiger denn je. Noch bis vor kurzem wäre eine deutsche Hitler-Komödie unmöglich gewesen. Mit dem allmählichen Aussterben der Kriegsgeneration, mehr als 80 Prozent der heute lebenden Deutschen wurden nach 1941 geboren, wird auch die Sicht auf die Vergangenheit distanzierter - eine Haltung, die der Betonung der tiefen, nach wie vor gültigen moralischen Verantwortung für den Holocaust nicht widerspricht.
Vor allem in den Medien wurden Tabus gebrochen worden. Da werden die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg genauso thematisiert wie die Massenvertreibungen aus den ehemaligen Ostgebieten; auf das intime Hitler-Porträt in "Der Untergang" folgte im Fernsehen der Blockbuster "Dresden", der das Elbflorenz als Opfer sinnloser Zerstörung zeigte.
Kein Wunder also, dass man trotz der "Bild"-Zeitungsmeldung "Swastika-Schock in Berlin" gelassen blieb. Der Präsident des Zentralrats der deutschen Juden, Paul Spiegel, kommentierte nüchtern: "Helge Schneider und Dani Levy sind in der Lage, das Thema mit dem nötigen Feingefühl anzugehen."
Am Drehort selbst gaben weniger Feingefühl, als Ironie und Amüsement den Ton an. Steve Krause, ein amerikanischer Student, wurde kurzerhand für die Massenszene verpflichtet. "Ich muss aufpassen, dass ich nicht loslache", sagte der Amerikaner, der von einem Mitarbeiter des Filmteams mit einer heißen Schokolade für den Dreh geködert wurde. Der holländische Tourist Louw Hekkema konnte zu Beginn seinen Augen nicht trauen: "Ich dachte, hier geht eine Demonstration der extremen Rechten über die Bühne", sagte er überrascht. "Ich glaube, es ist heute in Deutschland kein Problem mehr, so einen Film zu machen."
Unter den Berlinern selbst sorgte die Inszenierung für ein historisches Echo: Ein Rentner erklärte, er habe Hitler vor dem Alten Museum schon einmal eine Rede halten hören, vor 65 Jahren: "Wir Berliner kamen hierher und haben gejubelt", sagte der Mann, der namentlich nicht genannt werden wollte. "Ich verstehe nicht, warum man über Dreharbeiten an diesem Ort wütend sein sollte. Das ist nun mal Teil unserer Geschichte."
Fotos: Erik Seemann
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