Von Thomas Winkler
Noch hat Isabel Coixet nicht den Status eines Alfred Hitchcock erreicht. Eine filmische Marotte aber, die des Altmeisters würdig wäre, hat die spanische Regisseurin bereits entwickelt. Hitchcock tauchte in jedem seiner Filme für einen kurzen Augenblick als Statist auf, Coixet mag in ihren nicht auf eine Szene in einem Waschsalon verzichten. "Das ist wohl eine Obsession von mir", erklärt sie im Interview. Dort, wo Menschen ihre dreckige Bekleidung abladen und bisweilen auch mehr, entstehe "eine unheimliche Intimität." So steht also der Waschsalon als Signatur des Schaffens von Coixet, die in ihren Filmen immer wieder in die intimsten Details des menschlichen Daseins vordringt.
"Das geheime Leben der Worte" bildet da keine Ausnahme. Der Film erzählt von Hanna, die in einer namenslosen Fabrik mit stoischer Teilnahmslosigkeit einer nicht näher bezeichneten Tätigkeit nachgeht. Vor der Außenwelt schützt sie eine Hörschwäche. Wenn Hanna ihr Hörgerät ausschaltet, wird auch der Filmton zu einem weit entfernten Grundrauschen, und der Zuschauer schwebt mit der Protagonistin durch seelenlose Arbeitsabläufe, taucht ein in ein Leben, das erloschen wirkt. Jeden Abend wickelt Hanna in ihrer aseptischen, nahezu leeren Wohnung ein neues Stück Mandelseife aus dem Cellophan. Es ist der einzige Luxus, den sie sich gönnt. Hanna, so viel wird schnell klar, ist ein Mensch, der sein Leben nicht mehr leben will, aber noch nicht einmal einen Grund zum Selbstmord findet.
Einige seltsame Begebenheiten später wird es Hanna auf eine Bohrinsel verschlagen, die momentan außer Betrieb ist. Dort soll sie Josef pflegen, einem bei einem Unfall schwer verletzten Arbeiter, der nicht transportfähig ist und vorübergehend sein Augenlicht verloren hat. Souverän befolgt sie die Anweisungen des Arztes, wechselt Bandagen, setzt Spritzen. Wir erfahren: Hanna ist eigentlich gelernte Krankenschwester.
Zwischen dem blinden Patienten und seiner wortkargen Pflegerin entsteht eine vorsichtige Beziehung. Er flirtet, sie schweigt. Er flachst, sie lächelt. Er gesteht ihr ein Geheimnis, seine Ängste, sie hört zu. Schließlich beginnt Hanna selbst zu sprechen und erklärt, wann und wie sie ihr erstes Leben verloren hat und warum sie kein zweites findet. Sie wird Josef ihre Wunden zeigen, die physischen und die psychischen, die vernarbten und die, die niemals verheilen werden.
Es ist der Krieg, der diese Wunden geschlagen hat, einer der Bürgerkriege auf dem Balkan. Coixet habe eine Zeit lang geradezu besessen alles über diese Kriege gelesen, gesehen und gesammelt, erzählt die 46-Jährige. "Je mehr ich über diesen Krieg erfahren habe, desto weniger habe ich ihn verstanden". Sie hat für das spanische Fernsehen eine Dokumentation über die dänische Organisation gedreht, die sich um die seelischen Spätfolgen der Opfer der Balkankriege kümmert. In "Das geheime Leben der Worte" setzt sie dieser Organisation ein Denkmal.
Der Krieg im Film könnte dennoch jeder beliebige Krieg sein. "Das geheime Leben der Worte" ist ein Antikriegsfilm, obwohl keine einzige Sekunde Krieg zu sehen ist. Coixet hat es nicht nötig die Leinwand in Rot zu tauchen, Leiber zu zerfetzen oder Feuerwerk zu veranstalten, um die Folgen des Krieges zu zeigen. Man kann sie in diesem Film trotzdem sehen, vor allem aber kann man sie hören, spüren und empfinden.
Ohne herausragende Darsteller wäre dieses Unterfangen wohl leicht ins Kitschige abgeglitten. Tim Robbins gibt der vorzugsweise liegenden und mithin undankbaren Rolle des Josef eine physische Präsenz. Die größte Last aber schultert Sarah Polley, die als Hanna mit ihrer Mimik den gesamten Film zu tragen hat, seine Geschichte und seine Botschaft, seine Absicht und seinen guten Willen. "Hanna ist ein Opfer der Zeitläufe", sagt Coixet, "aber zugleich liegt auf ihr auch das ganze Gewicht der Geschichte." Denn Hanna muss nicht nur verarbeiten, was sie erlebt hat, sondern zudem verkraften, dass sie es überlebt hat – ähnlich wie die Überlebenden des Holocausts, die sich selbst nicht vergeben konnten, dass es ihre Liebsten waren, die umkamen, und nicht sie selbst.
Coixets Leistung ist es, dass sie dieses Leiden ohne Pathos in Szene setzt, und in klaren Bildern, mit feinen, einfühlsamen Dialogen - in dem Wissen, "dass der Raum zwischen den Worten oft viel mehr erzählt als die Worte selbst". In gewisser Weise, sagt die Regisseurin, sei der Film "auch mein Wunschdenken: Ich hoffe, dass Menschen, die durch diese Tragödie gegangen sind, eine Chance haben, wieder zu leben."
Vier Goyas, die wichtigsten Preise der spanischen Filmindustrie, hat Coixet für "Das geheime Leben der Worte" gewonnen, für den besten Film, die beste Regie, das beste Drehbuch und die beste Produktion. Ihr großes Talent hatte sie schon vorher bewiesen: In "Mein Leben ohne mich" (2003) bereitete die Protagonistin, wiederum gespielt von Sarah Polley, ihre Familie ohne deren Wissen auf ihr eigenes Ableben vor. In "Was ich Dir noch nie erzählt habe" (1996) ließ sie eine wundervolle Lily Taylor nach einem Selbstmordversuch langsam ins Leben zurückkehren. Auch diese Filme zeigten - trotz ihrer eher düsteren Sujets - neben beeindruckender Sensibilität einen feinen Sinn für Humor.
Hollywood hat bei Isabel Coixet schon öfter angerufen, aber bislang hat die Regisseurin immer Nein gesagt: "Die Drehbücher sind einfach zu schlecht. Außerdem müsste ich mir meine Schauspieler aussuchen dürfen, meine Geschichten erzählen und meinen Standpunkt behalten dürfen. Ich müsste meine Freiheit behalten dürfen." Sie zitiert ihren Kollegen Alan Rudolph: Sie mögen mein Auge, sagt sie, aber sie mögen nicht, was ich sehe. So wird Isabel Coixet wohl nie ein Hitchcock werden. Dafür aber ist sie längst schon die Meisterin ihres ganz eigenen Fachs.
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