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16.06.2006
 

"American Dreamz"

Zwischen Qaida-Camp und Casting-Bühne

Von Christian Buß

Die Regie-Brüder Chris und Paul Weitz ("American Pie") sind die Pädagogen des amerikanischen Popcorn-Kinos. Mit ihrer überdrehten Showbiz- und Terrorparodie "American Dreamz" landeten sie einen weiteren Volltreffer - und ihren ersten Flop an der US-Kinokasse.

Was wäre die Welt ohne die USA? Im Kino gäbe es kein Popcorn, und in der Wüste erklängen keine Broadway-Melodien. Eigentlich wurde der junge Taliban-Kämpfer Omar (Sam Golzari) darauf trainiert, gegen diese Formen des amerikanischen Kulturimperialismus zu Felde zu ziehen. Aber was soll er machen - er liebt nun mal die "A Chorus Line"-LP, die er aus dem Hause seiner Eltern retten konnte, bevor es von den Amis im Kampf gegen den Terror niedergebombt wurde.

Szene aus "American Dreamz" (mit Hugh Grant, 2.v.l.): Islamistischer Schläfer und ehrgeizige Blondine
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DPA

Szene aus "American Dreamz" (mit Hugh Grant, 2.v.l.): Islamistischer Schläfer und ehrgeizige Blondine

Im Ausbildungslager macht sich der Dschihadi mit dem nächtlichen Abspielen der immer gleichen Revuenummern keine Freunde, und am nächsten Morgen verpatzt er dann den Lauf durch den Hindernisparcours. Martialisch maskiert sollten die Kämpfer eigentlich für eines dieser Schreckensvideos posieren, die über arabische Fernsehsender in Umlauf gebracht werden. Aber mit einem wie Omar lässt sich eben keine Angst verbreiten. Deshalb belobigt man den freundlichen Broadway-Fan lieber weit weg - als Schläfer zu reichen Verwandten nach Kalifornien.

Amerika ist nun mal das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, selbst für schläfrige Islamisten. Weshalb der tanz- und gesangsvernarrte Taliban über Umwege doch noch Gelegenheit erhält, seinen Beitrag zum heiligen Krieg zu leisten: In der Casting-Show des süffisanten Mr. Tweed (Hugh Grant) kommt Omar unverhofft zu einem gemeinsamen Auftritt mit dem um Publicity ringenden US-Präsidenten (Dennis Quaid), den er nun nach Ansicht seiner islamistischen Ausbilder gefälligst während eines Selbstmordattentats in die Luft zu sprengen hat.

Zwischen Qaida-Camp und Casting-Bühne liegen in "American Dreamz" nur ein paar mit arabischem Akzent jubilierte Broadway-Melodien. Eine Klamotte, die den Bogen von der Terrorshow zum Showterror à la "Popstars" spannt - ist das erlaubt? Auf jeden Fall, meinen die Brüder Chris und Paul Weitz. Sie sind die Pädagogen des amerikanischen Popcorn-Kinos. Zwar geht ihnen meist der subversive Irrwitz der Farrelly-Brüder ("Verrückt nach Mary") ab, dafür schlummert bei ihnen unter Körperausscheidungen und rabiatem Klamauk stets eine gewisse therapeutische Substanz.

In der Pennäler-Posse "American Pie", die im Gegensatz zu anderen Filmchen des Genres frei von Misogynie und Minderheiten-Bashing war, plädierten Chris und Paul Weitz zum Beispiel für einen unverkrampften Umgang mit der Sexualität ("Liebe Pubertierende, es ist völlig in Ordnung, wenn ihr Geschlechtsverkehr mit einem Apfelkuchen simuliert"). In die romantischen Komödie "Reine Chefsache", die vom Verdrängungswettbewerb in einer Werbeagentur erzählt, schmuggelten die Brüder ein gehöriges Maß an Kapitalismuskritik.

Und in ihrem neuesten Werk, offensichtlich von "Dr. Seltsam" und "Saturday Night Live" inspiriert, knöpfen sich die beiden nun den heimatlichen Showbetrieb vor. Natürlich ist "American Dreamz" keine Analyse der US-Entertainmentindustrie geworden, und gelegentlich verzettelt sich die Dramaturgie in den vielen Seitensträngen der Geschichte.

Dafür wird recht unterhaltsam der allgegenwärtig von den Medien ausgeübte Zwang, etwas "darzustellen", ins Visier genommen. Denn als Gegenpart zum selbstvergessen swingenden Taliban Omar, der die amerikanische Unterhaltungskultur so rein und ungebrochen verinnerlicht hat, baut man eine ehrgeizige Blondine (Mandy Moore, die weihwasserblauäuigste Prinzessin aller Hollywood-Highschoolromanzen) auf. Die heißt Sally Kendoo, erinnert frappierend an Britney Spears und tritt gegen Omar in dem Casting-Spektakel an. Ihre Maxime lautet: Du bist, was Du vorgibst zu sein.

Zu dieser gnadenlosen Make-Believe-Strategie gehört auch, dass Britney-Lookalike Sally ihren eigentlich schon abservierten Freund wieder für die eigene Karriere einspannt: White-Trash-Simpel William (Chris Klein) war zwar erst aus verschmähter Liebe als Marine in den Irak gegangen, kam aber ein paar Tage mit einer Schramme als hoch dekorierter Kriegsveteran zurück. Das ist unheimlich telegen. Nun wird er als Verlobter und wagemutiger Antiterror-Kämpfer in die Komplettinszenierung eingebaut.

Dass sich am Ende ausgerechnet dieser strahlende All-American-Guy aus Eifersucht vor laufenden Kameras in die Luft sprengt, während Omar mit seinen eigenwilligen Broadway-Interpretationen die Herzen der Fernsehzuschauer erobert, ist dann wohl die rabiat-subversive Pointe, die das US-Publikum der Entertainment-Parodie a wenigsten verzeiht: In den USA landeten die Popcorn-Pädagogen Weitz mit "American Dreamz" ihren ersten Flop.

Hierzulande darf man sich umso mehr über die nicht immer ganz geschmackssichere, aber stets schmissige kulturenübergreifende Terrorrevue amüsieren. Dance, dance, dance, Mr. Taliban!

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