Von Peter Luley
Mit Kusslauten lockt die Bäuerin Emma ihre Schweine an, freudig folgt ihr das Borstenvieh. Eins greift sie sich heraus, liebkost und streichelt es – nur um dabei ein Schlachtermesser aus dem Heu zu ziehen und dem Tier die Halsschlagader zu durchtrennen. "Eins, zwei, drei, vier…", zählt die junge Landwirtin langsam, während die Sau in ihren Armen ausblutet. "Na, siehst du", sagt sie, "es tut nicht weh, hab ich dir doch versprochen."
Gleich mit der Eröffnungsszene von "Emmas Glück", der Verfilmung des Erfolgsromans von Claudia Schreiber, setzt Regisseur Sven Taddicken den Grundton für die nächsten anderthalb Stunden: so drastisch-derb wie einfühlsam, auch komisch, vor allem aber ohne Scheu vor Tragik. Wenn in der Folge ein sterbenskranker Gebrauchtwagenverkäufer bei einem Autounfall von der Straße fliegt, auf Emmas Grundstück landet und sie ihn weitgehend schrammenfrei aus dem Fahrzeug zieht, kommt noch ein märchenhaftes Element hinzu.
Das akzeptiert man hier jedoch genauso gern wie die etwas lehrbuchhaften Gegenschnitte, die zuvor die hochtechnisierte Untersuchung des Krebskranken im Kernspintomographen mit dem urtümlichen Ausnehmen des geschlachteten Schweins kontrastieren. So viel erzählerische Energie verströmt das kleine Kinostück (Buch: Claudia Schreiber und Ruth Thoma), dass Kritteleien wenig Chance haben.
Romeo und Julia auf dem Dorfe
Es geht um das Aufeinandertreffen zweier gesellschaftlicher Außenseiter mit sehr unterschiedlichen Problemen. Da ist zum einen die Titelheldin, die ihren vom Großvater geerbten Hof trotz Verschuldung allein und ganz nach ihrer Façon bewirtschaftet. Rückt der burlesk überzeichnete, hoffnungslos in sie verliebte Dorfpolizist mit Vollstreckungsbescheiden an, bringt Emma ihr Gewehr in Anschlag. Und wenn sie mit ihrem antiken roten Mofa losfährt, dessen Sattel wegen einer Unwucht so schön vibriert, lässt sie die Unwucht was mit sich machen und kommt vor lauter Ekstase schon mal vom Weg ab. Da mag man tatsächlich glauben, sie brauche keinen Kerl zum Glück.
Und dann der todgeweihte Autoverkäufer Max, der nach der Tumor-Diagnose die schwarze Kasse seines Chefs geklaut hat, um seine letzten Tage in Mexiko zu verbringen. Auf frischer Tat ertappt und mit einer gestohlenen Nobelkarosse auf der Flucht verunglückt, findet er sich in Emmas Bett wieder.
Skepsis gegenüber seiner resoluten Gastgeberin weicht nach einigen Reibereien bald Neugier und Sympathie – obwohl Emma ihn zunächst im Glauben lässt, das Schwarzgeld sei mit dem Autowrack in Flammen aufgegangen. Ausgerechnet er, der verzweifelte Einzelgänger, den ständig Würgkrämpfe schütteln, erlebt auf dem idyllisch heruntergekommenen Hof eine Phase der Geborgenheit und des – wenn auch nicht unbeschwerten – Glücks.
Leichtes Spiel trotz schwerer Themen
Getragen wird der laut Buchvorlage in Nordhessen spielende, im Bergischen Land gedrehte Film von seinem furiosen Hauptdarsteller-Duo: Aus dem mit Hinnerk Schönemann, Nina Petri und Martin Feifel durchweg exzellent besetzten Ensemble ragen Jördis Triebel als Emma und Jürgen Vogel als Max noch heraus – wobei die enorme Leinwandpräsenz der Kinodebütantin Triebel, 28, die größte Überraschung ist.
So selbstverständlich, als sei sie selbst auf einem Hof aufgewachsen, verkörpert die gebürtige Berlinerin ihren Part. Mit bemerkenswertem Mut zur Lotterigkeit – und gleichzeitig voll selbstbewusster Sinnlichkeit. Super sei es für sie als Schauspielerin gewesen, sagt sie, "dass es mal nicht darum ging, toll auszusehen, sondern dass ich Dreck unter den Fingernägeln hatte und mir die Achselhaare wachsen lassen konnte. Dass einfach egal war, wie ich aussehe."
Genauso glaubhaft schwärmt die preisgekrönte Bühnenmimin, Absolventin der Schauspielschule Ernst Busch, von der Arbeit mit den Tieren: "Vor Drehbeginn hatte ich immer die Chance, noch mal in den Stall zu gehen, mich da im Mist zu suhlen. Dadurch hat das wirklich so was Erdiges bekommen. Und dieser intellektuelle Kram, mit dem man sich beim Theater auseinander setzt, wo man dann so verkopft wird – diese Schwere war einfach weg."
Neue Heimat Kino
"Emmas Glück" bekräftigt den Eindruck, dass die Heimat- und Naturerzählung im deutschen Kulturbetrieb derzeit eine Neubelebung erfährt – von Florian Illies’ Provinzpreisung "Ortsgespräch" bis hin zur köstlichen Harzer Forstkomödie "Die Könige der Nutzholzgewinnung", die nächste Woche in den Kinos startet.
Dass es eine zunehmende "Sehnsucht nach Erdung" gibt, eine Hinwendung zu "greifbaren, natürlichen Dingen" kann sich auch Jördis Triebel vorstellen. Nur dass "Emmas Glück" am Ende auch einen ziemlich mutigen Kommentar zum Thema Sterbehilfe abgibt, möchte sie sie nicht so in den Vordergrund gerückt sehen: "Für mich war das einfach nur ein Bild für die Stärke der Figur und die Stärke der Liebe – sich von etwas zu verabschieden und, weil man jemanden liebt, etwas zu tun, das bis zum Letzten geht."
Es passt auf jeden Fall trefflich zu einem Film, der sich von der ersten Einstellung an ganz nah am Leben bewegt – und nah am Tod.
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