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29.08.2006
 

Tom Cruise

Glanz und Elend des Monomanen

Von Jenny Hoch

Nachdem das Filmstudio Paramount Pictures Tom Cruise rausgeworfen hat, muss sich der Schauspieler mit einem schlechteren Deal und neuen Geschäftspartnern zufriedengeben. Braucht Hollywood seine Stars nicht mehr?

Hollywood hat ein großes Herz. Großmütig verzeiht es in regelmäßigen Abständen die kleineren und größeren Sünden seiner Stars - zumindest wenn es sich um menschliche Verfehlungen aus dem allgemein abgesegneten Klatschspalten-Kanon handelt: Ehebruch, Alkoholismus, Diebstahl, Drogenmissbrauch. Alles kein Problem, solange der Star reumütig Abbitte leistet und Besserung gelobt. Mel Gibsons jüngste antisemitische Ausfälle unter Alkoholeinfluss, Ben Afflecks Drogengeschichten, Winona Ryders Klaustreifzüge, Charlie Sheens sexuelle Eskapaden - alles vergeben und vergessen.

Kino-Querulant Cruise: "Nicht hinnehmbar"
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REUTERS

Kino-Querulant Cruise: "Nicht hinnehmbar"

So etwas kann schließlich jedem passieren. Die Öffentlichkeit darf sich an den Ausfällen delektieren oder darüber echauffieren, ohne dass die Projektionsfläche, die jeder Prominente bietet, in irgendeiner Weise beschädigt würde. Im Gegenteil, er sorgt damit bei seinen Fans für ein gewisses kathartisches Moment und steigt für einen kurzen Moment von seinem Olymp in die Niederungen des Lebens hinab.

Anders Tom Cruise. Er überspannte den Bogen mit seinem bizarren Verhalten und kassierte dafür vergangene Woche prompt die Quittung. Nach 14-jähriger Zusammenarbeit setzte ihn das Filmstudio Paramount Pictures kurzerhand an die Luft. Der greise Chef des Mutterkonzerns Viacom, Sumner Redstone, warf Cruise "kreativen Selbstmord" vor und sprach deutliche Abschiedsworte: "Sein Verhalten in letzter Zeit war für Paramount nicht hinnehmbar."

Auf dem Sprung ins Lächerliche

Was hatte Cruise verbrochen? Zunächst einmal kanzelte er seine Schauspieler-Kollegin Brooke Shields öffentlich dafür ab, dass sie wegen ihrer Wochenbett-Depression Antidepressiva schluckte. Unmoralisch und eine "Naziwissenschaft" nannte der Scientology-Anhänger die Psychologie und warb gleichzeitig immer aggressiver für die umstrittene Sekte. Im SPIEGEL ging er sogar soweit zu behaupten, Scientology biete das einzige erfolgreiche Drogenentziehungsprogramm der Welt an.

Dann begann seine Liaison mit der Jungschauspielerin Katie Holmes und damit Cruises Profilierung als großer Exzentriker des Medienbetriebs. Bei der "Oprah Winfrey Show" hüpfte der sonst so beherrschte Schauspieler wie ein Derwisch auf dem Sofa herum. Er wollte damit seine glühende Liebe zu Katie glaubhaft machen - doch die Darbietung geriet eher zum Beweis seines mangelnden schauspielerischen Talents.

Ausfälle dieser Art hätte man in Hollywood vielleicht sogar als amüsant verbucht, doch Cruise machte sich mit seinen immer extremer werdenden Äußerungen selbst zum Outsider: So stieß seine angebliche Forderung nach einer "stillen Geburt" streng nach den Regeln von Scientology, bei der die Mutter keinen Laut von sich geben darf, auf Befremden. Kurz vor der Geburt servierte Cruise eine delikate Neuigkeit: Er ließ die angeekelte Öffentlichkeit wissen, er werde die Plazenta der Mutter essen. Gerüchte über eine angebliche Gehirnwäsche seiner Verlobten hielten sich nachhaltig, worauf Fans der Schauspielerin die Initiative "Free Katie" ins Leben riefen, um sie aus den Fängen des unheimlichen Stars zu befreien.

Bilder von Tochter Suri gibt es bis heute nicht, was die Spekulationen noch zusätzlich anheizte. Vielleicht existiert das Baby gar nicht und alles entpuppt sich als PR-Gag? Während die Fotografenmeute zähnefletschend auf den ersten Schuss wartete, ließ die Starfotografin Annie Leibovitz, die jetzt als erste und einzige Fotografin doch Zugang zu dem Phantombaby bekam, verlauten, das Shooting mit Cruise habe sie fast in den Wahnsinn getrieben.

Von "Top Gun" zum Flop-Mann?

Das alles ist Gift fürs Image und kann in dieser hohen Dosierung tödlich wirken. Cruise ist für die Öffentlichkeit vom bewunderten Star mit kleineren Macken zum unberechenbaren Querulanten geworden. Noch schlimmer ist - zumindest in den Augen der Studiochefs - die Tatsache, dass der Star durch seine Eskapaden längst nicht mehr das ökonomische Zugpferd ist, als das er so lange gegolten hat. Vorbei die goldenen Zeiten, als Cruise-Filme noch als 100-prozentige Erfolgsgaranten an der Kinokasse galten. Zwar hat der Star im laufe seiner Karriere bislang satte 2,5 Milliarden US-Dollar am Box Office erwirtschaftet, sein letzter Film "Mission Impossible III" aber schnitt vergleichsweise bescheiden ab. Für Paramount scheinbar Grund genug, die Zusammenarbeit zu beenden.

Der Schauspieler und seine Geschäftspartnerin Paula Wagner haben inzwischen Investoren gefunden, die die gemeinsame Produktionsfirma finanziell unterstützen werden. Aber die "Los Angeles Times" bezifferte den Betrag mit "weniger als drei Millionen Dollar" im Jahr. Damit sollen die Bürokosten der Firma gedeckt werden. Im Gegenzug werden die Investoren, unter anderem der Besitzer des US-Footballteams "Washington Redskins", an der Finanzierung von Filmprojekten beteiligt. Ein schaler Deal: Von Paramount hatten sie bisher angeblich jährlich rund zehn Millionen Dollar erhalten. Ein Insider, der nicht namentlich genannt werden möchte, lästert in der "Los Angeles Times": "Das klingt sehr nach Plan C, vielleicht sogar nach Plan D."

Abgelaufene Sternstunden

Ist der Fall Cruise ein Vorzeichen dafür, dass Stars in Hollywood ausgedient haben? Den Studio-Bossen scheint mittlerweile jeder Vorwand recht, um Stars, die nicht mehr profitabel sind, loszuwerden. Im Moment formiert sich in den USA eine immer größer werdende Bewegung aus Ökonomen und Marketingexperten, die dem bis dato uneingeschränkt gültigen Star-System mit wissenschaftlichen Studien zu Leibe rückt. In einem Bericht der "New York Times" kommentiert Jehoshua Eliashberg, Management-Professor an der Universität von Pennsylvania, den Rauswurf von Tom Cruise: "Es ergibt ökonomisch keinen Sinn, ihm so viel Geld zu zahlen."

Außerdem sei Hollywood, heißt es in dem Bericht weiter, gar nicht so abhängig von seinen Stars wie angenommen: Schließlich werde die Liste der kommerziell erfolgreichsten Filme von "Shrek 2", "E.T." und "Star Wars" dominiert - alles Filme ohne Superstars. Abraham Ravis, Betriebswirtschafts-Professor an der Rutgers University, kommt in einer Studie jedenfalls zu dem Ergebnis: "Es gibt keine statistische Korrelation zwischen Stars und Erfolg."

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