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05.09.2006
 

"Snakes on a Plane"

Kobra, übernehmen Sie!

Von David Kleingers

"Snakes on a Plane" war schon Kult, bevor der Action-Streifen mit Samuel L. Jackson überhaupt ins Kino kam - dank skurriler Internetaktionen der Blogger-Szene. Aber wie ist eigentlich der Film, der jetzt auch in Deutschland anläuft?

Gerne erinnert man sich an Preston Sturges' Komödienklassiker "The Lady Eve" aus dem Jahr 1941, in dem Henry Fonda als braver Junggeselle mit Forscherambitionen einer charmanten Hochstaplerin – gespielt von Barbara Stanwyck – ins Netz geht. Unvergessen bleibt dabei auch eine Schlüsselszene, in der Fonda ein Buch mit dem wunderschönen Titel "Are Snakes Necessary?" liest.

Sind Schlangen notwendig? Nun, sie sind nachweislich unverzichtbar für unser Ökosystem - haben aber dennoch einen miesen Leumund. Spätestens seit der Bibel stehen die schillernden Kriechtiere wahlweise für Sex oder Tod, gerne auch für beides zusammen, in jedem Fall aber für das Verderben schlechthin.

Eine absolute Attraktion sind sie dagegen für eine imposante Webgemeinde, die seit Monaten den Kinostart von "Snakes on a Plane" herbeisehnt. Kaum kursierte der entwaffnend simple wie tolldreiste Titel des Horrorreißers in spe, fabulierten Blogger und Administratoren in einer Kreativoffensive ein absurdes Paralleluniversum rund um das ebenso hanebüchene Szenario und seinen Star Samuel L. Jackson zusammen.

Jackson wird als FBI-Agent Neville Flynn mit eben dem konfrontiert, was der boulevardeske Schlagzeilentitel verspricht. Während Flynn einen Kronzeugen von Hawaii nach Los Angeles überführen will, werden er und die übrigen Passagiere an Bord des Linienflugs Opfer eines heimtückischen Anschlags, respektive eines hinreißend hirnschwachen Plots: Um den Zeugen zu töten, haben Gangster gleich Hunderte Giftschlangen jedweder Couleur im Jet ausgesetzt. Hoch über den Wolken bahnen sich die bissigen Schleicher ihren Weg in die Kabine, was für unerwünschtes In-Flight-Entertainment sorgt.

Wie sehr nun die Aussicht auf diesen flotten Katastrophenschwank die Fantasie findiger Trash-Apologeten beflügelte, lässt sich eindrucksvoll im Netz nachvollziehen.

Schlangenbeschwörer im Cyberspace

Wer etwa die Pionierseite "Snakes on a Blog" besucht, bekommt neben amüsanten Einlassungen des Autoren eine repräsentative Übersicht der übrigen Webtribute. Das Spektrum reicht hier von selbstgestalteten Trailern und parodistischen Drehbuchszenen bis hin zu aufwändigen Analysen der Schlangenmetaphorik in "Snakes on a Psychoanalytic Interpretation". Mit ihrer ironischen Verehrung machten sich die digitalen Schlangenbeschwörer das Filmprojekt zu eigen, verspotteten liebevoll die Prämisse eines ausgewiesenen B-Films und adelten sie zugleich.

Überrascht vom fremdgenerierten Hype reagierte die verantwortliche Warner-Tochter New Line Cinema äußerst hellsichtig und übernahm kurzerhand nicht nur den Gestus, sondern auch gleich ganze Inhalte aus der Fanprosa. So schmückt sich die fertige Produktion stolz mit dem popkulturellen Mehrwert, den ihr die kostenlosen Multiplikatoren im Internet beschert haben.

Der Verleih freut sich also über unbezahlbare PR, die Internetkünstler über die beispiellose Berücksichtigung ihrer Ergüsse und die Kinos auf lauter angefixte Zuschauer, die, ganz kirre von der Crosspromotion, endlich die Schlangen im Flugzeug sehen wollen.

Nur die Kritik ist geplagt, muss sie doch das multimediale Phänomen vom eigentlichen Film unterscheiden. Letzterer scheint nur noch ein Appendix der "Snakes"-Saga zu sein, den es aus dem ganzen Mediengewusel herauszulösen gilt.

Hat man ihn dann schließlich vor Augen, dann freut man sich über einen dramaturgischen Schnellschuss, der B- und C-Filmlegenden wie Roger Corman und Samuel Z. Arkoff zur Ehre gereicht hätte – auch wenn sie nie im Leben so viel gutes Geld in Schauspieler oder kunstvoll animierte Schlangen investiert hätten.

Mit beachtlicher Verve kannibalisiert Regisseur David R. Ellis die latexgesättigten Creature-Filme der Fünfziger ebenso wie den naturalistischen Ökohorror der Siebziger, als mit Vorbildern wie "Frogs" (1972), "Piranha" (1976) und "Kingdom of the Spiders" (1977) Angst vor der Fauna geschürt wurde. Die Altersfreigabe ab 16 ermöglicht zudem genügend eklige Auftritte der Titelhelden, und bei ihrem drastischen Zubeißen wird von der Penetration bis zur Kastration jede sexuelle Symbolfunktion der Schlange explizit durchdekliniert.

Terrortherapie für die Touristenklasse

Mit dem farbenfroh verzierten und nicht selten frei erfundenen Giftgewürm im Gepäck düst der Film auf Autopilot von einer Katastrophe zur nächsten und vergisst dabei auch nicht die eherne Regel der "Airport"-Filmschule: Wenn das Flugzeug sinkt, steigt die Moral.

Da braucht es nur ein paar eindringliche Worte von Samuel L. Jacksons Über-Air-Marshall – "I've had it with these motherfucking snakes on this motherfucking plane" – und schon verwandelt sich die zuvor durch Dünkel und Vorurteile geteilte Besatzung in eine solidarische Schicksalsgemeinschaft. Es ist vornehmste Eigenschaft des Katastrophenfilms, dass zur Rettung erst die Rassen- und Klassengrenzen fallen müssen.

Dieses "United we stand"-Mantra hat das Genre schon immer transportiert, doch natürlich wird auch die ideologische Fracht von "Snakes on a Plane" auf etwaige Spuren des 11. Septembers durchleuchtet. Aber selbst wenn die mittels gezielt eingesetzter Duftstoffe angestachelten Schlangen stellvertretend für die ultimativen Schläfer stehen könnten und der Film ihnen bisweilen den heimtückischen Vorsatz menschlicher Mörder attestiert, sollte die Suche nach Bedeutung nicht die Bodenhaftung verlieren.

Denn das konkret therapeutische Angebot des Films für die Touristenklasse ist ebenso plan und offensichtlich wie sein Titel: Wer mit fauchenden Tatzelwürmern ringt und nebenbei ein vollbesetztes Flugzeug sicher nach Hause bringt, braucht den Terror nicht zu fürchten. Manchmal sind Schlangen eben notwendig, um alltägliche Schrecken vergessen zu machen.

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