Von Bert Rebhandl
Die Freiwillige Feuerwehr ist in einem Ort wie Zühlen in der Ruppiner Heide eine wichtige Institution. Wenn auf der Straße ein Unfall passiert, kommt die Feuerwehr zuerst, dann erst die Rettung und die Polizei. Viel passiert nicht in diesem Dorf mit zweihundert Einwohnern - vielleicht sechs, sieben Einsätze im Jahr. Trotzdem müssen sich die Feuerwehrmänner regelmäßig weiterbilden. Sie fahren dann in die nächste größere Stadt, treffen die Kollegen aus anderen Orten, und erfahren die neuesten Möglichkeiten der Rauchbekämpfung. Am Abend wird gefeiert und getrunken, und auch ein wenig getanzt.
Für Markus (Andreas Müller) ist diese Schulung eine rare Gelegenheit, seine kleine Welt zu verlassen. Daheim in Zühlen lebt er zufrieden vor sich hin. Er arbeitet als Schlosser, abends sitzt er mit seine Frau Ella bei Tisch, und sagt irgendwann: "Ich würde alles für dich tun."
Von diesem großen Versprechen der Liebe erzählt Valeska Grisebach in ihrem Film "Sehnsucht". Wenn die Frauen nach der Chorprobe zusammensitzen, dann erzählen sie einander, wie zwischen einem Paar der Funke übergesprungen oder ein "Großbrand" ausgebrochen ist. Aber erst der Tod macht die Liebe so richtig "romantisch". Ella erzählt Markus die Geschichte von Romeo und Julia – eine große Liebe, ein großes Missverständnis, eine große Tragödie.
Das ist nicht der Tonfall von Valeska Grisebach. Sie sucht vielmehr das dramatische Potential in der ruhigen Alltäglichkeit. Die Szene der größten Ausgelassenheit in "Sehnsucht" hat Markus am Abend nach der Feuerwehrschulung. Er tanzt allein zu "Feel" von Robbie Williams – "I got too much life running through my veins". Am nächsten Morgen wacht er neben der Kellnerin Rose (Anett Dornbusch) auf. Er kann sich nicht erinnern, was passiert ist. Statt aber das Weite zu suchen, sitzt Markus am Nachmittag schon bei den Eltern von Rose im Garten, trinkt Sekt, und erscheint keineswegs als ein ungewöhnlicher Gast.
Laiendarsteller aus der Region
Diese Selbstverständlichkeit charakterisiert den ganzen Film. Valeska Grisebach erzählt eine Geschichte, die sich so oder so ähnlich wohl tagtäglich zuträgt. Sie verleiht dem Geschehen aber eine ganz individuelle Note, weil alle drei Hauptfiguren mit einer ungewöhnlichen Ernsthaftigkeit agieren. Die sprechen zwar eine konventionelle Sprache der Liebe, aber mit ihren Blicken und vor allem mit ihrem Schweigen sind sie "ohne Arg", wie es in einer untergegangenen Sprache der Liebe heißen würde.
Sie sind keine Figuren in einem (klein)bürgerlichen Drama, sie sind zugleich ganz authentisch und in hohem Maß konstruiert, befreit von einer trivialen Psychologie und hingegeben an einen existenziellen Ernst, der manchmal als Empfindsamkeit erscheint (wenn Ella mitten in der Chorprobe scheinbar grundlos zu weinen beginnt), und manchmal eine tragikomische Auflösung findet (wenn Rose aus der Umarmung mit Markus vom Balkon fällt).
Mit den Namen der drei Hauptdarsteller Andreas Müller, Ilka Welz und Anett Dornbusch beginnt "Sehnsucht". Valeska Grisebach hat sie – wie schon viele Schauspieler in ihrem Debüt "Mein Stern" - eigens für diesen Film gesucht und gefunden. Wie auch die meisten anderen Darsteller stammen sie aus der Region, in der Zühlen liegt. Das Dorf spielt im Prinzip sich selbst, die Freiwillige Feuerwehr sowieso.
Zeitgemäße Form des Tragischen
Dabei bleibt aber alles ausgespart, was im Heimatfilm oder in den Boulevardmedien das Leben in einer kleinen Gemeinschaft immer wieder ausmacht: Tratsch, Intrige, Neid. Stattdessen wirkt die Gemeinschaft ein wenig wie aus der Welt gefallen. Das nahe Berlin erscheint unendlich fern. Die Geschichte der DDR ist nur in einigen Gebäuden noch erkennbar. Die Transformation nach 1989, die in anderen Kommunen zu traumatischen Ereignissen geführt hat, spielt in Zühlen keine Rolle. Anders als in Andres Veiels Film "Der Kick", der mit seiner Rekonstruktion eines Gewaltverbrechens in Potzlow in vielerlei Hinsicht ein negatives Pendant zu "Sehnsucht" ist.
Dabei ist es keineswegs eine Idylle, die hier entworfen wird. Was zwischen Markus, Ella und Rose geschieht, kommt einer zeitgemäßen Form des Tragischen ziemlich nahe – einer notwendigen Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten, von denen beide richtig sind. Markus versucht, dieser Situation (und der Sehnsucht der beiden Frauen nach seiner Präsenz) gerecht zu werden. Es überrascht nicht, dass er diesen Konflikt nicht nach außen trägt, sondern mit sich selbst ausmacht.
Der Titel "Sehnsucht" gilt am Ende wohl der Form dieser Geschichte selbst: Valeska Grisebach entdeckt für das deutsche Kino einen Realismus des Wünschens. Sie findet genau jene Stimmung, in der das Glück ganz nah ist, und zugleich unerreichbar, und in der Gemeinschaft möglich ist, und der Einzelne doch allein bleibt.
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