Von Bert Rebhandl
Utz Rachowski, ein Mann in mittleren Jahren mit grauem Bart, weiß, "wie ein Tag in einer Zelle aussieht". Dieses Geheimnis hat er aus der DDR mitgebracht. Rachowski hat gesessen, weil er den Mund aufgemacht hat. Heute geht er gelegentlich in Schulklassen und erzählt davon, dass die DDR harsch mit Menschen umging, die das System zu kritisieren wagten. Jedes Mal, wenn er mit dem Zug an einem großen Ziegelgebäude vorbeifährt, denkt er unwillkürlich daran, wie schnell man daraus ein Gefängnis machen könnte. Wer darin die Rolle der Aufseher übernehmen würde, das mag er sich gar nicht ausmalen.
Utz Rachowski ist eine von mehreren Hauptfiguren in dem Dokumentarfilm "Jeder schweigt von etwas anderem", mit dem Marc Bauder und Dörte Franke die DDR als Regime der Repression in Erinnerung rufen. Es geht um drei Familiengeschichten. Im Film sieht man, wie Rachowskis Töchter versuchen, mit Hilfe von Gedichten ihres Vaters besser zu verstehen, was damals im Überwachungsstaat geschehen ist. Anne Golin und ihr Sohn Sebastian wollen nach Möglichkeit einfach in der Gegenwart leben. Das Ehepaar Matthias und Tine Storck und ihre halbwüchsigen Kinder teilen das Geheimnis mit Utz Rachowski. Sie wurden in den achtziger Jahren von der BRD "freigekauft".
Ihnen allen ist eines gemeinsam: Noch heute, viele Jahre nach der Wende, werden sie ihre Erinnerungen nicht los. Wie denn auch, wenn man einmal im Zentrum eines "Zersetzungsmaßnahmenplans" gestanden hat, wie Anne Golin. Das ganze private und berufliche Umfeld der Frau war von der Stasi akribisch in ein Diagramm eingetragen worden, jede Person wurde auf diesem großen Faltblatt zu einem potentiellen Verräter. Anne Golin trug ihren kleinen Sohn auf dem Arm, als sie in Zwickau 1982 auf offener Straße verhaftet wurde. Die Trennung von dem Kind, das ihr während des Gefängnisaufenthalts weggenommen wurde, hat sie bis heute nicht verarbeitet.
Sebastian wollte vor der Kamera offensichtlich keine Stellungnahme abgeben – erst ganz am Ende ist er kurz zu sehen, aus der Ferne gefilmt, in einem Gespräch mit seiner Mutter. Er raucht, und wenn man will, kann man eine Unruhe in seinem Blick erkennen, die das heimliche Leitmotiv des Films ist. Anne Golin räumt selbst an einer Stelle ein, dass "irgendetwas" in ihr "Opfer geblieben ist". Sie hat den "Puppenstubenfaschismus" nach außen unbeschadet überstanden, heute führt sie Besucher durch das Kanzleramt in der neuen Mitte Berlins. Doch das Erbe des Totalitarismus wird sie nicht los.
Keine Freiheit in der "Scheißzone"
Unweigerlich steht der Dokumentarfilm "Jeder schweigt von etwas anderem" in einem Dialog mit den Spielfilmen, die das Bild von der DDR geprägt haben. Die Tochter der Familie Storck hatte "Goodbye, Lenin" zwar nicht wirklich ernst genommen, sich aber auch keine weiteren Gedanken über das Land gemacht, in dem ihre Eltern leben mussten. Die DDR wird allmählich historisch. Während aber die Spielfilme eher gnädig darauf zurückblicken oder eine skurrile Alltagskultur hervorheben, geben sich Marc Bauder und Dörte Franke nicht mit einzelnen guten Menschen (wie in dem Erfolgsfilm "Das Leben der Anderen") oder mit Spreewaldgurken ("Goodbye, Lenin") zufrieden.
Dem evangelischen Pfarrer Matthias Storck hilft sein Glaube: "Ich möchte nicht, dass mein Lebensthema so was Dunkles ist", sagt er. Schon sein Vater war Pastor, er hatte sich von der Staatssicherheit einschüchtern und in Dienst nehmen lassen. Sein Name ist noch in den Talar eingestickt, den Matthias Storck bei der Arbeit trägt. Die Kinder der Storcks sind schon im Westen geboren worden, die ehemalige Systemgrenze verläuft gewissermaßen mitten durch die Familie, weil die Teenager nicht sofort verstehen, worum es geht, wenn die Eltern sich wieder einmal lautstark über ehemalige DDR-Bonzen echauffieren.
Selbst ein so populärer Politiker wie Gregor Gysi steht in den Augen der früheren Regimekritiker für den Stasi-Staat. Frau Golin würde bei einer Begegnung mit ihm die Straßenseite wechseln, und ihre Aggression für sich behalten. Freunde von früher wechseln umgekehrt heute die Straßenseite, wenn sie Anne Golin sehen - sie fühlen sich peinlich an ihre eigene Mitläuferrolle erinnert. Ein Beteiligter an dem Verfahren in Zwickau hat später den unverfrorenen Satz gesagt: "Ich habe ja eigentlich das Gleiche gedacht, aber ich konnte mich ja nicht so äußern, sonst wäre ich auch im Gefängnis gelandet." Anne Golin war eingesperrt worden, weil sie gesagt hatte, dass es "in der Zone beziehungsweise in der Scheißzone keine Freiheit" gebe.
Dieser Befund, wie er in einer Stasi-Akte fein säuberlich mitgeschrieben wurde, nicht zu verschweigen, ist das Verdienst dieses Films. Die totalitäre DDR droht heute hinter einem populärkulturellen Bild von einem Staat als Kleinbürgerparadies ohne Urlaubsfreiheit zu verschwinden. Marc Bauder und Dörte Franke arbeiten dagegen an, indem sie ihre Protagonisten sprechen lassen. Sie mischen sich nicht ein. Sie konstatieren nur. "Jeder schweigt von etwas anderem" findet in den Familienkonstellationen der Menschen, die sich für den Film zur Verfügung gestellt haben, ausreichend Material für eine Geschichte der DDR, die in ihrer lakonischen Unversöhnlichkeit heute schon wieder subversiv erscheint.
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