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28.09.2006
 

"World Trade Center"

American Seifenoper

Von Andreas Borcholte

Ausgerechnet Oliver Stone, der große Unbequeme des US-Kinos, schenkte Hollywood einen Erbauungsfilm, der die Wunden des 11. Septembers kräftig einbalsamiert. "World Trade Center" ist eine rührende Saga über die Sehnsucht nach Amerikas verlorenem Traum.

Die ersten 20 Minuten von "World Trade Center" sind hervorragend, der Rest leider nicht. Aber das ist vielleicht eine sehr europäische und abgeklärte Sichtweise. Der nach "Flug 93" zweite Hollywood-Film über den 11. September beginnt in der gemütlichen Idylle eines amerikanischen Vororts. John McLoughlin, gespielt von Nicolas Cage, legt im Morgengrauen seine Uniform an. Er guckt nach den Kindern, er küsst seine Frau zum Abschied. Es ist ein Tag wie jeder andere. McLoughlin ist ein erfahrener Beamter der Port Authority Police, die für die Sicherheit der Südspitze Manhattans zuständig ist. Auf seiner Fahrt in die City sieht man die Türme des World Trade Centers aus seinem Autofenster heraus. Der Radiomoderator kündigt strahlenden Sonnenschein an. Nur der Zuschauer weiß, dass die Idylle trügt.

Szene aus "World Trade Center" (mit Nicolas Cage): Mittelstand unter Druck
Paramount Pictures

Szene aus "World Trade Center" (mit Nicolas Cage): Mittelstand unter Druck

Als wenig später im Financial District die Erde bebt, ahnt McLoughlin, dass etwas Großes, etwas Monströses geschehen sein muss. Man sieht es an der Panik in Cages Blick - und man liest es in den besorgten Gesichtern seiner Untergebenen, mit denen er einen Bus besteigt, der die Polizisten an den Ort der Katastrophe bringen soll. Die hektische Fahrt gleicht einer Reise ins Herz der Finsternis. Je näher der Rettungstrupp den rauchenden Türmen des World Trade Centers kommt, desto größer das ungläubige Entsetzen. Unter den Beamten ist auch der junge und ehrgeizige Polizist William Jimeno. Er hat sich freiwillig für die Mission gemeldet, schon jetzt beginnt er, es zu bereuen.

Oliver Stone erspart dem Zuschauer in diesen ersten Minuten seines Films nichts. Er zeigt die wie Schnee herumwirbelnden Papiere, die aus dem geborstenen Türmen quellen und einen irrealen Straßenbelag bilden. Er zeigt umherirrende Menschen mit aschfarbenen Gesichtern und Wunden von Trümmerteilen. Es ist Krieg in Manhattan, Amerika wird attackiert. Als sich die Männer in einem Nebengebäude des World Trade Centers mit Ausrüstung versorgen, hört man dumpfe Geräusche auf dem Dach. Es sind die grausigen Aufprallgeräusche von Leichen. Zu sehen sind sie nicht, genauso wenig wie Augenblicke später das Zusammenstürzen der Türme. Es gibt Bilder, denen selbst Hollywood nichts mehr hinzuzufügen hat. Man hat sie hundertfach im Fernsehen angeschaut, sie laufen zu diesem Zeitpunkt längst vor dem inneren Auge ab. Die Leinwand bleibt sekundenlang schwarz.

McLoughlin und Jimeno haben in dem Inferno aus Lärm, Staub, Trümmern und Feuer überlebt. Eingekeilt und schwer verletzt harren sie ihrer Rettung, nicht ahnend, dass sich draußen gerade die ganze Welt für immer verändert hat. Ab hier ist "World Trade Center" kaum mehr als ein beliebiger Katastrophenfilm über ein Grubenunglück – das Wunder von Manhattan. Denn Oliver Stone, der ewige Querulant, der sich so gerne den amerikanischen Traumata widmet und sie in der Vergangenheit oft mit aufklärerischem Furor und politischer Brisanz sezierte, beschränkt sich darauf, mit ruhiger Hand und schwellendem Pathos die - authentische - Geschichte einer Rettung aus den Trümmern der Türme nachzuerzählen. Eine amerikanische Seifenoper.

Die zunehmende Sorge der Ehefrauen von McLoughlin und Jimeno (Maria Bello und Maggie Gyllenhaal), die daheim im gemütlichen Vorort ebenso ahnungslos sind wie ihre Männer unter den Trümmern des World Trade Centers, wird mit dem Überlebenskampf der beiden Beamten immer wieder gegengeschnitten. Spannung baut sich dabei nicht auf, es geht aber auch um etwas anderes: Mit einer plumpen, aber effektvollen Metapher (paralysierte Amerikaner in tiefster Dunkelheit unter einer tonnenschweren Last begraben) verdeutlicht Oliver Stone die moralische Misere seiner Landsleute seit dem 11. September.

McLoughlin und Jimeno sind einfache, aufrechte Kerle. Sie stammen aus der Mittelschicht, sie arbeiten hart für ihren Traum vom Wohlstand, sie sind die Essenz der Gesellschaft. Sie überwinden die Hierarchie unterschiedlicher Ränge und den Altersunterschied von 15 Jahren, um sich gegenseitig am Leben zu erhalten. Damit sie nicht einschlafen und in der Bewusstlosigkeit ihren inneren Verletzungen erliegen, erzählen sie sich von ihren Alltagssorgen und Familien, ihren Sehnsüchten und Träumen. In einer Szene hat der halb verdurstete Jimeno sogar eine religiöse Erscheinung. In seiner strahlend hellen Vision reicht ihm Jesus eine Wasserflasche. Letztlich ist es die Besinnung auf die christlichen Werte, die die beiden bis zu ihrer Rettung überdauern lässt. Weite Teile des Films spielen sich dabei nur auf den verrußten, angst- und schmerzverzerrten Gesichtern der beiden Darsteller ab, die hier mit minimalem Körpereinsatz Großes leisten.

Der als manischer Faktensammler bekannte Regisseur, der mit "World Trade Center" ein Drehbuch der Autorin Andrea Berloff verfilmte, hat den Leidensweg der beiden Männer und ihrer Familien akribisch recherchiert. Die Fiktionalisierung der Personen und die dramatische Zuspitzung der Ereignisse blieb minimal, der authentische Horror sollte für sich sprechen. Stone hatte während der Dreharbeiten in Los Angeles und New York die volle Unterstützung seiner beiden realen Protagonisten und deren Angehörigen. Publikum und Kritiker haben ihm diese pietätvolle Zurückhaltung gedankt. "World Trade Center" ist in den USA kein Blockbuster gewesen, bescherte Oliver Stone aber dennoch seinen ersten Kassenerfolg seit Jahren.

Stone, der sich in den letzten Jahren mit Dokumentationen über Jassir Arafat und Fidel Castro wenig Freunde gemacht hatte und sich dann in ein vierjähriges Eitelkeitsprojekt stürzte, an dessen Ende ein künstlerischer und kommerzieller Offenbarungseid namens "Alexander" stand, hat sich damit über Nacht als Regisseur für die großen Traumata Amerikas rehabilitiert. Allerdings nicht unbedingt bei seiner liberalen Stammklientel, die sich vielleicht ein provokanteres, politischeres Werk gewünscht hätte. Aber dafür feierte Amerikas konservative Intelligenzija "World Trade Center" einhellig als vorbildhaftes Erbauungskino.

Während "Flug 93" noch vielfach Empörung hervorgerufen hatte, für einen Film über 9/11 sei es noch viel zu früh, gab es nach dem US-Start von "World Trade Center" keine Rufe nach Rücksicht. Natürlich nicht, denn während der Brite Paul Greengrass seinen Hijacker-Thriller mit kühler Distanz inszenierte, balsamiert Stone die geschundene Volksseele mit Amerikana in Reinkultur. Am Ende des Films wird zu Ehren der Feuerwehrmänner und Polizisten, die den 11. September überlebt haben, ein Barbecue gegeben. Eine vor Feierlichkeit vibrierende Off-Stimme erzählt dazu, dass die schlimmsten Krisen stets auch das Gute im Menschen hervorbringen. Seit seinem Vietnam-Epos "Platoon" hat Oliver Stone nicht mehr so viel Willen zum tränenreichen Pathos gezeigt.

So paradox es klingt: Am 11. September und in den ersten Tagen danach war Amerika für einen kurzen Moment ganz mit sich im Reinen. Im Angesicht der schlimmsten Krise und des unfassbaren Angriffs waren plötzlich alle Zweifel beseitigt, gab es keinen politischen Dissens mehr, waren wir alle für ein paar Stunden Amerikaner. "World Trade Center" beschwört mit fast schon schwelgerischer Nostalgie diesen singulären Moment der Solidarität, des unbedingten Zusammenstehens, der so schnell wieder vorüber war, als sich die Bush-Regierung mit rücksichtsloser Härte in Afghanistan und im Irak für die zugefügten Verletzungen rächte.

Gerettet werden John McLoughlin und William Jimeno übrigens von dem Ex-Marine David Karnes (Michael Shannon), der sich bis in die Nacht auf dem Trümmerfeld herumtreibt und nach Überlebenden sucht. Der kernige, gottesfürchtige Staff Sergeant sagt, inmitten der Trümmer stehend, den einzigen politischen Satz des Films: "Wir werden ein paar gute Leute brauchen, um das zu vergelten." Bei einer Pressevorführung in Hamburg sorgte dieser durchaus ernst gemeinte Kino-Moment wegen seiner karikaturhaften Züge für Heiterkeitsausbrüche. Was dem einen Seelenpflaster, erscheint dem anderen als Realsatire. Allein daran zeigt sich, wie weit sich die Seelenzustände Amerikas in den vergangenen fünf Jahren vom Rest der Welt entfernt haben. Und wie schwierig es für "World Trade Center" sein wird, hierzulande ein Publikum zu finden.

Doch man tut Oliver Stone unrecht, wenn man ihm unkritischen Patriotismus oder gar Naivität vorwirft: Denn der stramme Marine ist nicht, wie vielfach vermutet, ein moralisierendes Stereotyp aus Hollywoods Rumpelkammer, sondern durch und durch authentisch. Der ehemalige Soldat sah die Anschläge in seinem Heimatort im Fernsehen und fühlte sich nach eigener Aussage von Gott berufen, den Opfern zu helfen. Er rannte zum Friseur, ließ sich einen militärischen Crew Cut schneiden, entmottete seine alte Uniform und sprang in sein Auto, um nach Manhattan zu rasen, wo er sich bis zur Unglücksstelle durchschlug. Seinem beherzten, ja heldenhaften Einsatz verdanken John McLoughlin und William Jimeno ihr Leben.

Dass Karnes ausgerechnet mit einem Porsche der signifikanten Modellreihe 911 nach New York fuhr, ließ Stone im Film weg. Vielleicht wollte er die Glaubwürdigkeit der Story nicht unnötig strapazieren. Man muss vielleicht akzeptieren, dass es Männer wie Karnes wirklich gibt, um Amerika zu verstehen. Und dann wird man auch "World Trade Center" mögen.

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