Von David Kleingers
Auf dem diesjährigen Toronto International Film Festival ahnte ein freundlicher japanischer Journalist nichts Böses, als er Will Ferrell während der Pressekonferenz zu dessen neuem Film "Stranger than Fiction" nach seinen Dreherlebnissen mit den ebenfalls anwesenden Co-Stars Dustin Hoffman und Emma Thompson fragte.
In eine legere Trainingsjacke gewandet, beugte sich der 1,92 Meter große Schauspieler aus seinem kleinen Sessel nach vorne, blickte dem Fragenden mit staunenden Augen einige, lange Sekunden ins Gesicht und fragte dann mit ernster Mine zurück: "Entschuldigen Sie mein Herr, aber ich muss es einfach wissen: Wie schaffen Sie es nur, so dünn zu bleiben? Sie sehen nämlich fantastisch aus."
Als daraufhin der gesamte Saal zusammen mit dem liebevoll ausgebremsten Reporter in Gelächter ausbrach, wurde wieder das Dilemma des begnadeten Komödianten deutlich: Die nordamerikanischen Kritiker lieben den Künstler Ferrell, aber keineswegs seine bisherigen Kinoerfolge.
Kommerziell ist der ehemalige Footballspieler und Sportjournalismusstudent längst in der Liga der Großverdiener angelangt. Zweistellige Millionengagen sind dem einstigen Shootingstar der TV-Comedyschmiede "Saturday Night Live" ebenso gewiss wie seinem ehemaligen Showkollegen Adam Sandler. Von dessen narrensicherer Produktionsstrategie hat sich Ferrell denn auch einiges abgeschaut, so unter anderem die Treue zu einem festen Team von kreativen Zu- und Mitarbeitern. Dazu gehören Regisseure wie Todd Phillips, Jon Favreau und Adam McKay, die ihren Spezi und seine prominenten Qualitäten routiniert in Szene setzen.
Charmanter Grobmotoriker
So offenbarte 2003 der überraschende Erfolg von Phillips' spätpubertierender Universitätsklamotte "Old School" erstmals die Leinwandkompatibilität des Fernsehstars Ferrell, der sich noch im selben Jahr mit Favreaus simpler Weihnachtsfarce "Elf" endgültig als zugkräftiger Kinokomiker etablierte.
Der überdimensionierte Weihnachtsmannhelfer Buddy, der in "Elf" grobmotorisch und ohne Problembewusstsein durch die Spielzeugwelt stakst, zeitigt die zentrale Charaktereigenschaft aller Ferrell-Figuren: Eine fehlende Selbstwahrnehmung, in späteren Rollen oftmals gepaart mit himmelschreiender Hybris, führt den Helden geradewegs ins Verderben. Dass dann wie in McKays Nachrichten-Nummernrevue "Anchorman" (2004) die Läuterung und damit verbundene Sozialisierung des Ferrellschen Riesenbabys folgt, macht wiederum den publikumswirksamen, aber vor allem berechenbaren Charme der Filme aus. Zumindest für die Zuschauer in den USA, wo Ferrell mittlerweile allein durch seinen Namen für ein erfolgreiches Startwochenende in den Kinos sorgt. So setzte sich Adam McKays aktuelle Komödie "Ricky Bobby – König der Rennfahrer" gleich an die Spitze der Box-Office-Charts.
Dies nicht zuletzt, weil der Film neben der nationalen Humor-Ikone noch auf die Popularität der amerikanischen Autorennliga Nascar bauen kann. So rast Ferrell in der Titelrolle als einfältig-ignoranter Geradeauspilot zunächst von Sieg zu Sieg, bevor ihn die Konkurrenz in Gestalt des französischen Formel-1-Imports Jean Girard ("Ali G."-Star Sacha Baron Cohen) erst ins Schleudern und schließlich zur Einsicht bringt. Das ist trotz der erwartungsgemäßen Derbheit des Materials meist sehr amüsant anzusehen, was nicht zuletzt der perfekten Performance des Hauptdarstellers geschuldet ist: Kein anderer Komiker verkörpert kindsköpfige Sturheit und erratische Gefühlswallungen derart herzerweichend wie Ferrell, der in Höchstform selbst europäische Kulturpessimisten ausbremsen kann.
Sehnsucht nach Anerkennung
Die eigentliche Virtuosität seines Spiels zeigt sich jedoch immer noch am prägnantesten im kurzen Format. Die legendären "Saturday Night Live"-Nummern mit Will Ferrell als ein der Realität gefährlich entrückter George W. Bush oder in der Rolle des selbstverliebten "Jeopardy"-Moderators Alec Trybek gehören zu Recht zu den hochgelobten Kleinoden amerikanischer TV-Unterhaltung.
Weit weniger viel versprechend verliefen dagegen bisher alle Versuche, den privat als äußerst schüchtern und ernst geltenden Komiker als romantischen oder gar dramatischen Helden zu installieren: In Nora Ephrons kläglicher Leinwandadaption der altbackenen Hexen-Sitcom "Bewitched" (2005) mühte sich der in ein uninspiriertes Skript eingepferchte Ferrell vergeblich, Partnerin Nicole Kidman etwas Witz zu entlocken.
Und auch in Woody Allens doppelt gescheiterter Erzählkonstruktion "Melinda and Melinda" (2004), wurde er – wie im übrigen der Rest des illustren Ensembles auch – im intellektuellen Nullsummenspiel über die zwei alternativen Lebenswege der Titelheldin verheizt.
Aber vielleicht könnte tatsächlich "Stranger than Fiction" von Marc Forster für Ferrell das bringen, was Adam Sandler nach seinem Auftritt in P.T. Andersons "Punch Drunk Love" zuteil wurde, nämlich die Anerkennung als Filmschauspieler jenseits der Genrekategorien.
Im Film des "Monster's Ball"-Regisseurs spielt Ferrell den graugesichtigen Steuerbeamten Harry Crick, der eines Morgens beim Zähneputzen eine weibliche Stimme hört, die en Detail seinen ereignislosen Alltag beschreibt. Wie sich herausstellt, ist er Protagonist im Roman einer untergetauchten Bestsellerautorin (gespielt von Thompson), die unter einer prekären Schreibblockade leidet – sie weiß nicht, wie sie die vermeintliche Kunstfigur Harry Crick literarisch glaubwürdig über die Klinge springen lassen soll.
Beim fabulierfreudigen Versuch, seine Existenz vor der tödlichen Feder der Autorin zu bewahren, verliebt sich Crick in eine anarchistische Konditorin (Maggie Gyllenhaal), die seine lange überfällige Herzensbildung übernimmt.
Zurückgenommen, verletzlich und mit subtilem Humor spielt Ferrell diesen tragischen Nachhilfeschüler des Lebens und kommt dabei nach all seinen Erfolgen dem ehrgeizigsten Ziel seiner Komikerkarriere sehr nahe: endlich einen Saal zum Weinen zu bringen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH