Von Nina Rehfeld, Los Angeles
Das Interview mit der Journalistin Diane Sawyer geriet für Gibson zu einer Seelenschau, von der dem zutiefst Verunsicherten vermutlich jeder halbwegs geschulte Psychologe abgeraten hätte. Schwitzend und mit gehetztem Blick rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und rollte die Augen so unvermittelt und wild wie sein suizidaler Martin Riggs aus den "Lethal Weapon"-Filmen.
Gibsons heilloses Ringen um ein halbwegs würdevolles Eingeständnis seiner Sünden schlug sich in dem holprigen Versuch nieder, mit jeder Beichte gleich noch eine schmale Rechtfertigung zu verbinden. "Alkohol kommt oft genug als Schmerzmittel zum Einsatz", sagte Gibson, "auch wenn das keine Entschuldigung ist, jedenfalls keine ausreichende".
Er schäme sich für seine Worte, die aber mitnichten Einblick in die Seele eines Antisemiten böten. "Alkohol löst einem die Zunge und macht einen zu jemandem, der man eigentlich nicht ist“ Wer etwas anderes behaupte, so Gibson, "der weiß nicht, wovon er redet, so einfach ist das".
Größter Hollywood-Scoop des Jahres
Gibson war in den frühen Morgenstunden des 28. Juli in Malibu gestoppt worden, weil er mit 1,2 Promille im Blut, 140 Stundenkilometern und einer offenen Tequilaflasche durch eine 70er-Zone gerast war. Mit den Worten "Malibu gehört mir" drohte er dem Beamten Vergeltung an und schimpfte: "Die Juden sind für alle Kriege dieser Welt verantwortlich." Den Beamten fragte er: "Sind Sie Jude?"
Gibsons Tobsuchtanfall disqualifizierte leichterhand die Publicity-Katastrophen von Kollegen wie Tom Cruise, Russell Crowe oder Elton John. Scharen von Kollegen sagten sich von Gibson los, ABC beendete eine Zusammenarbeit mit Gibson für ein Holocaust-Projekt im Fernsehen, und die "New York Times" zeichnete Gibson als "cinematischen Kurtz, verloren im dunklen Dschungel". "Mad Mel" nennt ihn die US-Presse seither, und der Hollywood-Agent Michael Levine, der Michael Jackson und Charlton Heston zu seinen Kunden zählte, sprach von einer "nuklearen Katastrophe" für den Schauspieler: "Ich sehe nicht, wie er sich wiederherstellen könnte."
So war Gibsons erstes TV-Interview für das amerikanische Fernsehen der größte Hollywood-Scoop des Jahres, der sogar Anderson Coopers Angelina Jolie-Interview vor wenigen Wochen in den Schatten stellte: Ein Superstar erklärt im Fernsehen der Nation seine Sünden. Mit einer zweiteiligen Ausstrahlung des Interviews am Freitag im Rahmen von "Good Morning America" machte der Sender, der ebenso wie der Filmverleih für Gibsons neuen Film "Apocalypto" zum Disney-Konzern gehört, prompt das meiste draus.
Ein Superstar erklärt seine Sünden
Für Mel Gibson war es das Ritual televisueller Selbstentleibung, das einer empörten Öffentlichkeit das Gefühl von Genugtuung vermittelt und das in solchen Fällen zur Karriererettung gefragt ist.
Und für die amerikanische Öffentlichkeit war das Ganze nach zwei bereits erfolgten Entschuldigung-Statements von Gibson vor allem im Hinblick auf die Frage spannend, ob Gibson bei Diane Sawyer seine Familiengeschichte ansprechen würde. Denn sie hat dem Vorfall besondere Brisanz verliehen: Sein Vater Hutton Gibson hat öffentlich das Ausmaß des Holocaust in Frage gestellt und die Ermordung von sechs Millionen Juden als "größtenteils fiktional" bezeichnet.
Hutton Gibson gehört einer kleinen katholischen Sekte an, die den zweiten vatikanischen Konzil als Beweis für eine Verschwörung von Juden und Freimaurern zur Übernahme der Kirche betrachtet. Auch Mel Gibson gilt als ultrakonservativer Katholik. Als er 2004 seinen eigenfinanzierten Film "Passion of the Christ", der 370 Millionen Dollar weltweit einnehmen würde, drehte, sorgte die Familiengeschichte der Gibsons schon im Vorfeld für Geraune über ein möglicherweise antisemitisches Werk, und die eifrigsten Kritiker zerrten später eine Szene im Film, in der eine aufgepeitschte jüdische Menge den Tod von Christus fordert, als Beweis herbei.
Dieses Drama barg noch viel mehr
Hutton Gibson kam tatsächlich zur Sprache, wenn auch nur kurz. "Ich werde meinen Vater mit Sicherheit nicht zur Erklärung meines Benehmens an diesem Abend heranziehen", sagte Gibson. "Mir wurde beigebracht, dass es gute und schlechte Menschen jeder Religion und Hautfarbe gibt." Gibson erklärte aber auch, die "brutale öffentliche Prügel", die er schon im Vorfeld der Veröffentlichung von "The Passion of the Christ" bezogen habe, könne seine wütenden Worte am fraglichen Abend mit ausgelöst haben. "Ich fühlte mich als Künstler, als Christ, als Mensch gedemütig", so Gibson. Zugleich sagte er: "Ich möchte sehr deutlich klarstellen, dass ich die Juden keineswegs für alle Kriege dieser Welt verantwortlich halte. Sie sind Teil eines Konflikts, sie sind nicht schuldlos, aber meine Worte waren empörende Ausfälle eines Betrunkenen."
Es waren offene Worte, die dem Ereignis ganz unerwartet einen fassbaren Rahmen gaben und statt dunkler antisemitischer Hassgefühle eine persönliche Kränkung am Kern des Skandals reklamierten. Und so hätte die öffentliche Sühne hier eigentlich abschließen können. Doch dieses Drama barg noch viel mehr, und die Regie von ABC machte klar, was hier eigentlich interessierte – nicht die persönliche Abbitte für eine gefährliche politische Hassrede, sondern die öffentliche Selbstzerfleischung eines gefallenen Halbgottes.
"Tiefe, dunkle Wut"
Gibson bekannte sich zu seinen Sorgen über ein derangiertes Polizeifoto ebenso wie dazu, nach seiner Heimkunft und einem kurzen Gespräch mit seinen Kindern die Ereignisse der Nacht "erst einmal mit ein paar Kühlen heruntergespült" zu haben. "Vor den Kindern?" fragte Diane Sawyer vorwurfsvoll, und spätestens hier wurde die Absurdität des Gesprächs deutlich. Gibson berichtete mühsam und mit gequältem Lächeln, er führe schon lange einen Kampf gegen Alkoholismus und eine "tiefe, dunkle Wut", die er unter Verschluss zu halten versuche. "Dein Leben, deine Familie ist nicht genug, um einen davon abzuhalten, das ist die Hölle." Man musste sich fragen, wie diese öffentliche Selbstentleibung in einem zutiefst verunsicherten Menschen nicht noch mehr Selbsthass installieren würde.
Doch was gilt all dies in einer Gesellschaft, in der Erscheinung alles ist? "Gibson sah nicht sehr nach Hollywood, nicht sehr nach Reue und nicht sehr clever aus", schrieb der "Boston Globe" über Gibsons Auftritt. "Wenn das ein nüchterner Gibson war", schrieb die "New York Times", ist es wohl ein Wunder, dass die Polizei nicht gleich Pustegerät zur Hand hatte, als er noch trank." Und die New York Post titelte: "Gibson trank nach Festnahme weiter."
Mel Gibson hat sich erklärt, er hat den Addressaten seiner Worte Genugtuung geboten, und er hat vermutlich seine Karriere gerettet. Bleibt zu hoffen, das der Preis dafür nicht zu hoch war.
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