Von Birgit Glombitza
Das Kino des Milos Forman liebt die Unangepassten, die Unverschämten, die Außenseiter. Exzentrische, überdrehte Typen wie Wolfgang Amadeus Mozart ("Amadeus", 1984) oder der Comedian Andy Kaufman ("Der Mondmann"1999). Selbst beim schmierlappigen Larry Flynt, dessen Geschäftsinstinkt bei seinen hochschwingenden Reden zur freien Meinungsäußerungen vor Gericht stets frech durchblitzt, lässt sich Forman seine Sympathien anmerken.
So wird auch eine moralisch zweifelhafte Figur wie der "Hustler"-Verleger in "Larry Flint - Die nackte Wahrheit" (1996) zum Helden in einer Satire auf den amerikanischen Traum, in der das Gute und das Böse nicht mehr so einfach auseinanderzuhalten sind. Eine Farce, in der sich das puritanische Amerika in all seiner Widersprüchlichkeit mit Larry Flint selbst begegnet. Seinen Verklemmt- und Verlogenheiten, wie seiner ungebremsten Konsumlust und seinem grenzenlosen Expandierwahn.
Milos Formans Biopic-Helden sind im weitesten Sinne Revolutionäre der Popkultur. Ihre Aura macht vor allem ihre Konsequenz und Radikalität aus. Entsprechend hoch liegen natürlich die Erwartungen, wenn sich der gebürtige Tscheche jetzt einer Künstlergestalt wie Goya widmet. Jenem spanischen Maler des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der es meisterhaft verstand, in seine repräsentativen Auftragsarbeiten subversive Karikaturen unterzubringen. In Nacht-und-Nebel-Aktionen brachte er Drucke unters Volk, in denen er die Gräuel des Krieges und der Inquisition anprangerte. Und mit seinem düsteren, fast expressionistischen Spätwerk gilt er vielen als erster moderner Maler Europas.
Blick in die Gosse
Goya gibt eine treffliche Künstlerfigur ab, die in entgegengesetzten Richtungen schillert. Schließlich verstand sich der Maler, bei allem Interesse am armen Pöbel, durchaus auch auf aristokratische Gesten und Geltungssucht. Und sein Blick in die Gosse konnte gelegentlich auch etwas Ethnologisches, sogar Folkloristisches haben. Er malte für den, der ihn bezahlte. Für den, der gerade an der Macht war. Die spanische Königsfamilie, die Inquisitoren und später für Napoleons Bruder Joseph, der den Thron in Madrid nach dem Einmarsch des französischen Feldherrn übernahm.
Goya, der Liebling von Klerus und Aristokratie. Was für einen spannenden, zutiefst ambivalenten Helden hätte er in Formans Universum abgeben können! Und was für eine Enttäuschung, dass wir ihm in "Goyas Geister" nur als lahmen, charakterlosen Beobachter begegnen. Ganz so, als habe Forman das wahrhaft Rebellische an Goya nicht erkannt. Die bildliche Waghalsigkeit seiner multiplen Wirklichkeiten, das Nebeneinander von Schönem und Hässlichem, Gutem und Bösem, und das schwerwiegende Eingeständnis, die Welt schon lange nicht mehr zu verstehen.
Forman begnügt sich stattdessen mit einem routinierten Pinselschwinger, der kommentarlos hinter der Staffelei seinen Job verrichtet. Und der Schauspieler Stellan Skarsgård addiert nur wenig hinzu, wenn er Goya mit nordeuropäischer Zurückhaltung und leiser Eigenbrötlerei ausstattet. Eine darstellerische Skizze, in der sich alles und nichts hineinprojizieren lässt. So sitzt Goya bei den Teufelsaustreibern, wie beim Adel zu Tisch. Er hört alles, sieht alles und kann oder will nichts verhindern. Auch sein schönes, rehäugiges Model Inés, gespielt von Nathalie Portmann, die kurz zu lächeln und dann ausgiebig zu leiden hat, kann er nicht retten.
Erschreckend normaler Mitläufer
Zwar spürt man auch hier Formans Faible für den ambivalenten Künstlertypus. Aber mit diesem Goya scheint er sich zu langweilen. So gilt sein Hauptaugenmerk klar jemand anderem: dem undurchsichtigen Mönch Lorenzo (Javier Bardem), der ebenso überzeugt für die Wahrheitsfindungen der Inquisition wie später, mit Napoleons Einmarsch, für die Botschaft der Aufklärung eintritt. Ein Opportunist und Wendehals, mit perfekt funktionierenden Flucht- und Machtinstinkten. Javier Bardem spielt ihn klug und ohne Dämonie als einen erschreckend normalen, gar menschlichen Mitläufer. Und das ist auch schon das Interessanteste an "Goyas Geister", dieser holperigen Geschichtsstunde eines Regisseurs, der alle Hände voll zu tun hat, die historischen Ereignisse korrekt hintereinander zu reihen und darüber seine Figuren nicht aus den Augen zu verlieren. Und so taugt auch Lorenzo nicht zum großen Reflektor innerer Zerrissenheiten in wechselhaften Zeiten, sondern dient der angestrengten Erzählung in erster Linie als dramaturgische Sicherheitsnadel, mit der sich alle Dogmenwechsel praktischerweise mit nur einer Person erzählen lassen.
Kunst, Politik, Leiden und Liebe. Von allem ein bisschen. Das ist denn doch zuwenig um das historische Gleichnis vom gleichbleibenden Terror unter wechselnden Regimen abzugeben, das Milos Forman vorgeschwebt haben mag.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH