SPIEGEL ONLINE: Sie kehren mit "The Departed" nach großen Epen wie "Mean Streets", "Goodfellas" oder "Casino" zum Gangsterdrama zurück. Warum lässt Sie das Thema nicht los?
Scorsese: Ich komme aus Little Italy auf der Lower East Side von Manhattan und bin als Kind in einer harten Nachbarschaft aufgewachsen. Die Menschen um mich herum waren vor allem arme sizilianische Arbeiter. Bei uns gab es keine Krankenhäuser und meine Eltern konnten weder lesen noch schreiben. Ich musste täglich lernen, mit den dort herrschenden Machtkämpfen klar zu kommen. Unsere Wirklichkeit war die Straße und ihre unmittelbare Wahrheit. Immer ging es dabei um den Kampf zwischen Gut und Böse, um Ehre und Scham. Die ganze Welt spielte sich auf der Straße ab. Manchmal mache ich eine Art Musical oder Western, aber dann muss ich immer wieder an meine Ursprünge zurückkehren. Dabei ist "The Departed" mein erster zeitgenössischer Film seit vielen Jahren.
SPIEGEL ONLINE: "The Departed" ist ein Remake des Hongkong-Thrillers "Infernal Affairs"; ein Drama über Verrat und Lüge. Was hat Sie daran gereizt.
Scorsese: Mir gefiel die Idee von einem Mikrokosmos, der nach seinen ganz eigenen Regeln funktioniert. Ich wollte "The Departed" drehen, weil alle Figuren darin ein doppeltes Spiel spielen. Eine Kettenreaktion des Verrats. Was geschieht, wenn das Doppelleben unser Verhalten bestimmt? Fragen wie diese verfolgen mich mein Leben lang. Der Drehbuchautor William Monahan hat die Geschichte aus Hongkong in die irische Mafia von Boston verlegt. Der "Pate" Costello, gespielt von Jack Nicholson, verkörpert als Meister der Korruption den Nullpunkt der Moral. Gut und böse sind ihm gleich. Ihn scheint nichts zu berühren.
SPIEGEL ONLINE: Ein Film über unmoralische Verhältnisse?
Scorsese: Ich zeige eine Welt ohne Moral, in der nur noch das Materielle zählt. Am Ende des Films läuft eine Ratte über den Balkon. Die Szene war unglaublich schwer zu drehen, aber symbolisiert für mich diese höllische Geschichte in der alle Figuren wie Ratten (amerikanischer Slang: "rats" = Spitzel) in der Lüge gefangen sind.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben Anfang der siebziger Jahre zusammen mit Francis Ford Coppola, Peter Bogdanovich und anderen Regisseuren das rebellische Kino des "New Hollywood" geprägt. Passen Sie noch immer nicht ins Studio-System?
Scorsese: Wir kamen Anfang der Siebziger von Außen und haben das alte Studio-System in gewisser Weise verändert. Aber unsere Träume haben sich nicht erfüllt. Denn das "alte" Hollywood hat wieder die Kontrolle übernommen. Heute verdient die Filmindustrie viel Geld und nimmt die unabhängigen amerikanischen Autorenfilmer nicht ernst. Originelle Regisseure wie Wes Anderson, Paul Thomas Anderson oder Alexander Payne bekommen zwar Preise auf Festivals, aber bei der Oscar-Verleihung triumphiert immer noch das "alte" System.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind fünf Mal als bester Regisseur für die Academy Awards nominiert worden, haben aber nie gewonnen. Vor zwei Jahren verloren Sie mit "The Aviator" gegen Clint Eastwood, der Ihnen auch bei der kommenden Verleihung wieder die Schau stehlen könnte. Wie wichtig ist Ihnen der Oscar noch?
Scorsese: Vor 20 Jahren hätte ich über einen Oscar noch gejubelt. Vor allem meine inzwischen verstorbene Mutter wäre ganz aus dem Häuschen gewesen. Als ich damals bei "Taxi Driver" und bei "Raging Bull" leer ausging, wusste ich, dass ich in Hollywood immer ein Außenseiter bleiben würde. Mittlerweile ist es für mich als Regisseur etwas zu spät für einen Oscar. Das Leben geht weiter. Mittlerweile wünsche ich mir, dass meine Schauspieler oder mein Kameramann ausgezeichnet werden.
SPIEGEL ONLINE: Warum gehen Sie leer aus?
Scorsese: Die Academy hat großen Respekt vor der Tradition Hollywoods, dem klassischen Stil. Daher hat sie damals Clint Eastwood ausgezeichnet. Clint ist ein spiritueller Sohn John Fords und macht wunderbare Filme. Selbst wenn ich einen scheinbar klassischen Film wie "The Aviator" mache, bin ich dagegen zu sehr "show-off": Ich übertreibe, denke mir komplizierte Einstellungen aus und bewege meine Kamera wie wild. Ich kann nicht anders - was soll ich machen?
SPIEGEL ONLINE: Welche Beziehung haben Sie heute zu Hollywood?
Scorsese: Ich habe im Laufe der Jahre persönliche Filme gemacht wie "Mean Streets" oder "Taxi Driver", aber auch Auftragsarbeiten wie "Cape Fear" angenommen. Ich habe lange genug für Hollywood gearbeitet. Nach den anstrengenden Dreharbeiten hatte ich das Gefühl, "The Departed" sei mein letzter Hollywood-Film gewesen. Ich werde älter und das Tauziehen mit den Studios und die Dreharbeiten im großen Stil zehren an den Kräften. Daher frage ich mich, ob ich die nötige Energie habe, um weiter Filme für Hollywood zu machen. Ich bin jetzt 64 Jahre alt und will nicht mehr unter diesem finanziellen Druck arbeiten. Im klassischen Hollywoodsystem explodieren die Kosten. Um sie dann einzuspielen werden die Künstler gezwungen, bei ihren Geschichten weniger Risiken einzugehen. Ich sehne mich nach "kleineren" Erzählformen, die in Hollywood nicht zu finanzieren sind. In meinem Alter hat man immer weniger Lust, jede Entscheidung mit zwanzig Studio-Leuten zu verhandeln.
SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie zu oft um den Final Cut kämpfen - wie zuletzt bei "Gangs of New York"?
Scorsese: Wenn dir ein Produzent 80 Millionen Dollar für deinen Film gibt, dann schleppst du eine verdammte Verantwortung mit dir herum. Obwohl ich meine Ideen durchsetzen will, muss auch ich auf die Bedürfnisse der anderen eingehen. Konflikte gehören zum Geschäft. Aber die astronomischen Kosten lähmen die Kreativität. Denn um 200 Millionen einzuspielen, muss man ein formatiertes Produkt herstellen, das sich auf der ganzen Welt verkaufen lässt. Was wäre, wenn die großen Budgets wieder Filmemachern mit einer persönlichen Sicht der Dinge anvertraut würden?
SPIEGEL ONLINE: Betrachten Sie sich noch als Autorenfilmer - auch wenn Sie Aufträge aus Hollywood annehmen?
Scorsese: Ich will persönliche Filme drehen wie "Mean Streets" oder "Die letzte Versuchung Christi". "King of Comedy", "After Hours" oder "Die Farbe des Geldes" habe ich gemacht, um in Übung zu bleiben. Ich suche nach Themen, die mich tief bewegen, denn Filmemachen ist ein hartes Brot. Wer um sieben Uhr morgens zu den Dreharbeiten ohne jeden Funken Leidenschaft für seine Mitarbeiter und die Geschichte des Films kommt - der geht durch Hölle! Früher drehten die Regisseure Piraten- oder Gangsterfilme, ohne sich so wie ich den Kopf über ihre Motivation zu zerbrechen. Sie verstanden sich nicht unbedingt als Künstler. Oder gaben es nicht zu. Diese bescheidene Einstellung der alten Garde bewundere ich.
SPIEGEL ONLINE: Anders als in vielen Hollywood-Filmen erzählt Ihr Kino keine Erfolgsgeschichten. Interessiert Sie am Schicksal Ihrer Helden vor allem ihr Untergang?
Scorsese: Ja, mich treibt die Neugier, ich will wissen, was ein Schicksal bestimmt. Warum enden Menschen wie Howard Hughes oder Jake La Motta auf so erbärmliche Weise? Jeder will wissen, in welchem Moment ein erfolgreicher Mensch den entscheidenden Fehler begeht. Oft sind es Stolz und Gier, die seinen Untergang einläuten. Ich bewundere die optimistischen Filme von Frank Capra. Leider sehe ich das Leben nicht so rosig wie er.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Ihre Filme so viel mit Ängsten zu tun?
Scorsese: Schwer zu sagen. In Little Italy, einer gefährlichen Ecke von New York, fühlte ich mich als Kind in der Gemeinschaft der Italo-Amerikaner in gewisser Weise geborgen. Trotzdem bin ich mit der Angst aufgewachsen - vor den Säufern, den Gangs in der Nachbarschaft und davor, ständig krank zu sein. Ich hatte Asthma und wollte auf keinen Fall wie ein Freak behandelt werden. Meine Eltern haben mich dann oft ins Kino geschickt. Aber die Angst hat mich nie verlassen.
Das Interview führte Marcus Rothe
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