Von Jenny Hoch
Wenn Caye (Candela Peña) die Buchhaltung erledigt, geht sie sorgfältig vor. Gewissenhaft schreibt sie die Einnahmen untereinander und zieht die Ausgaben ab. Sie erledigt den Job routiniert wie jede andere Kleinunternehmerin auch. Der Unterschied ist nur, dass Caye nicht im Büro, sondern am Küchentisch ihrer kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Madrilener Vorort sitzt. Und dass Caye außer einem Kettchen um die Hüfte untenherum nichts anhat. Denn Caye ist Prostituierte, sie arbeitet auf eigene Rechnung.
Nach Feierabend, der in ihrer Branche naturgemäß tagsüber stattfindet, trifft sie sich mit den anderen Huren ihres Viertels in einem Friseursalon, wo man sich die Zeit vertreibt und über die Billigkonkurrenz aus der Karibik und aus Afrika schimpft. Die dunkelhäutigen Ausländerinnen würden von klein auf lernen, aufreizend herumzustolzieren, lautet eine der hanebüchenen Weisheiten, die die alteingesessenen Damen austauschen, außerdem besäßen sie ein spezielles Hormon, mit dem sie die Männer anlockten. Zu besichtigen ist das exotische Schauspiel direkt vor der Tür des Salons, wo die Schönheiten ihre verlockenden Körper zu Dumpingpreisen anbieten. Die Realität sieht freilich anders aus: Die Mädchen sind illegal im Land, schutzlos gewalttätigen Freiern ausgeliefert und aus Verzweiflung zu allem bereit.
Unter ihnen ist auch Zulema (Micaela Nevárez), die ohne Pass aus der Dominikanischen Republik gekommen ist, um ihrem kleinen Sohn eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Zusammen mit dem Geld schickt sie Fotos nach Hause, die sie in einer adretten Kellneruniform zeigen, in Wirklichkeit geht sie auf den Strich - ohne Kondom. Als Caye sie eines Tages verängstigt und misshandelt in einer Nachbarwohnung findet, beginnt eine ungewöhnliche Frauenfreundschaft, die fast zu schön ist für die Welt, die sie gebiert. Doch "Princesas", der neue Film des spanischen Erfolgsregisseurs Fernando León de Aranoa ist trotz gelegentlicher sentimentaler Momente kein kitschiger "Pretty Woman"-Aufguss aus Frauenperspektive. Und obwohl die Thematik genug dramatisches Potential birgt, ist er auch kein anklagender Problemfilm.
Traum vom besseren Leben
Ohne Pathos erzählt de Aranoa, wie sich die beiden Rivalinnen aus unterschiedlichen Welten langsam annähern. Wie Caye Stück für Stück ihre Ressentiments gegen die Fremde verliert und Zulema so etwas wie Halt in einer Umgebung findet, in der sie sonst nur als Eindringling ohne Rechte wahrgenommen wird. Gemeinsam träumen die jungen Frauen von einem besseren Leben. Doch Träume, das wird schnell klar, werden in diesem Film nicht wahr. Zu hart ist das Leben auf dem Strich, zu schmerzhaft die seelischen Erniedrigungen, die den Sexarbeiterinnen zugefügt werden.
Wie schon de Aranoas Arbeitslosen-Film "Montags in der Sonne" ist auch "Princesas" ein ebenso warmherziger wie melancholischer Blick in den Mikrokosmos einer am Rand der Gesellschaft lebenden Gruppe. In Spanien waren beide Filme grandiose Erfolge. Im Fall von "Princesas" ist das besonders den beiden Hauptdarstellerinnen zu verdanken, die für ihre herausragende Leistung jeweils mit einem Goya, dem wichtigsten spanischen Filmpreis, ausgezeichnet wurden.
Das Geheimnis dieser Filme liegt aber vor allem in dieser speziellen Verbindung von Traurigkeit und Fröhlichkeit, die längst zu einem Markenzeichen de Aranoas geworden ist. "Malegria" nennt Manu Chao diese besondere Atmosphäre; für "Princesas" hat der Musiker den Titelsong geschrieben. Es liegt nicht zuletzt an dieser Musik, dass die Geschichte immer wieder abhebt aus dem tristen Alltag der Straßenhuren, und neben den Märchen-Motiven auch die wunderbaren komödiantischen Qualitäten unterstreicht.
Penetrante Freier am Handy
Obwohl zu spüren ist, wie akribisch sich der Regisseur und die Schauspieler mit der Thematik der Prostitution auseinandergesetzt haben, folgt der Film den beiden Frauen nur am Tag. Ihr Schattendasein im Rotlichtmilieu – und alle damit verbundenen Klischees - lässt er beinahe vollständig aus. Er charakterisiert seine Protagonistinnen lieber durch Alltags-Episoden.
Jedes Wochenende besucht Caye ihre Mutter, die sich längst in ihre eigene Phantasiewelt eingesponnen hat. Zusammen mit Bruder und Schwägerin sitzen sie beim Essen und schweigen beharrlich über ihr Leben. Bis das Handy penetrant klingelt, und Caye auf die dunkle Seite ihrer Existenz zurückholt.
Als sie sich in den Programmierer Manuel verliebt, muss sie sich erst an ein normales Leben gewöhnen. Sie geht mit ihm Essen und ins Fußballstadion und guckt dabei so ungläubig, als betrachte sie sich selbst in einem Hollywoodfilm. Alles scheint sich zum Guten zu wenden, bis das kleine Glück in sich zusammenstürzt, als Manuel in einer meisterhaft ambivalent inszenierten Szene endlich kapiert, welchem Beruf seine Freundin nachgeht und Caye aller Illusionen beraubt zurückbleibt.
Was diesen Film so außergewöhnlich macht, ist, dass all diese Grausamkeiten den grundlegenden Optimismus dieses Films und seiner Figuren nicht auszulöschen vermögen. Einmal gehen die Frauen zum Spaß mit zwei Männern nach Hause. "Kassierst du bei deinem?", fragt Caye ihre Freundin. "Nein", sagt diese, "heute sind wir keine Huren, heute sind wir Prinzessinnen".
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