Von Peter Luley
Emotionale Erschütterungen in der Beziehung der Geschlechter und Generationen sind das Spezialgebiet der dänischen Regisseurin Susanne Bier. In ihrem bis dato bekanntesten Film "Open Hearts" (2002) erzählte sie im Dogma-Stil von einer frisch verlobten Frau, deren Mann nach einem tragischen Autounfall querschnittsgelähmt ist und die in der Folge Trost bei einem Familienvater sucht – dem Gatten der Unfallfahrerin.
Im Anschlusswerk "Brothers – Zwischen Brüdern" (2004) muss ein Soldat seine Angehörigen zurücklassen, weil er zum Afghanistan-Einsatz beordert wird. Als er fälschlicherweise für tot erklärt wird, entspinnt sich zu Hause eine zärtliche Beziehung zwischen der vermeintlichen Witwe und dem Bruder des Mannes – bis jener traumatisiert heimkehrt.
Dem Thema Schicksalsschläge und verbotene Annäherungen bleibt die 1960 geborene Bier, selbst Mutter zweier Kinder, auch in ihrem neuen, gerade für den Auslands-Oscar nominierten Drama "Nach der Hochzeit" treu – genauso wie ihrem fleißigen Drehbuchautor Anders Thomas Jensen ("Adams Äpfel") und ihrem kürzlich als Bond-Schurke hervorgetretenen "Open Hearts"-Hauptdarsteller Mads Mikkelsen.
Einladung vom Dritte-Welt-Mäzen
Ihn hat sie diesmal als dänischen Entwicklungshelfer Jacob besetzt, der in Indien ein Heim für Waisen und Straßenkinder leitet. Die Arbeit erfüllt ihn, insbesondere zu einem kleinen Jungen hat er ein herzliches Verhältnis aufgebaut; in die alte Heimat scheint ihn nach 20 Jahren nichts zurückzuziehen.
Nur widerwillig und wegen der chronischen Geldknappheit seiner Institution folgt er der Einladung eines reichen dänischen Geschäftsmannes, der sein Heim mit einem Millionen-Dollar-Betrag unterstützen will – wenn denn Jacob ihm das Projekt persönlich in Kopenhagen vorstellt.
Auftritt Rolf Lassgård – für den massigen schwedischen Mimen, bei uns vor allem mit dem eigenwilligen Kommissar Wallander aus den TV-Adaptionen der Mankell-Romane assoziiert, ist die Rolle als Wirtschaftsmagnat und Dritte-Welt-Mäzen Jørgen ein Parade-Part.
Machtmensch nach Bierbichler-Art
Genüsslich, in der Manier eines skandinavischen Bierbichlers, gibt er den schön ambivalent zwischen Egozentriker und herzigem Riesen schillernden Patriarchen. Der hat zwar wenig Interesse am Projekt seines Gastes, lädt ihn aber zur bevorstehenden Hochzeit seiner Tochter ein.
Auf der pompösen Feier kommt das Beziehungskarussell in Fahrt. Bedeutungsvoll treffen sich die Blicke von Jacob und Jørgens Frau Helene (Sidse Babett Knudsen); in ihrer Tischrede verkündet die Braut, die 20-jährige Anna (Stine Fischer Christensen), wie sehr sie Jørgen liebe, auch wenn sie seit kurzem wisse, dass er nicht ihr leiblicher Vater sei. (Dass es sich bei ihrem Erzeuger tatsächlich um Jacob handelt, den Helene einst wegen seiner Untreue und seines Alkoholkonsums in Indien sitzen ließ, ohne ihn von ihrer Schwangerschaft zu unterrichten, weiß Anna noch nicht.)
In der filmischen Gegenwart hat nunmehr Jørgen ein Alkoholproblem – der gutherzig-brachiale Machtmensch, der mit Helene kleine Zwillingsbuben hat, ist von einem Schicksalsschlag betroffen und versucht seinerseits, Schicksal zu spielen. Das alles ist packend inszeniert und fesselt allein wegen des großartigen Ensembles.
Hollywood ruft
Wer allerdings auf neue Höhepunkte in der offenbar urdänischen Disziplin der entlarvenden Tischrede hofft, wird ein wenig enttäuscht sein – die skandalöse Intensität von Thomas Vinterbergs "Das Fest" erreicht Susanne Bier hier – trotz einiger Dogma-Reminiszenzen wie Handkamera und extreme Nahaufnahmen – nicht. Die Tränen treibenden Wirren, durch die Bier ihre Figuren steuert, sind letztlich recht vorhersehbar.
Susanne Bier ist mit ihrem gekonnten Spiel auf der Gefühlsklaviatur der Zuschauer längst nicht mehr nur für die Arthouse-Gemeinde interessant. "Nach der Hochzeit" wurde für einen Oscar nominiert, "Scrubs"-Schauspieler Zach Braff bereitet ein US-Remake des Films vor.
Und Biers nächster, bereits abgedrehter Film "Things We Lost in the Fire" ist eine amerikanische Produktion: Halle Berry und Benicio Del Toro spielen die Hauptrollen im Drama um eine Witwe und den Freund ihres verstorbenen Mannes, die gemeinsam versuchen, mit ihrem Verlust klarzukommen. Die komplizierte Chemie zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern – sie lässt die Gefühlsforscherin Susanne Bier weiterhin nicht los.
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