Von Daniel Sander
Es ist ziemlich einfach, an großen Filmfestivals herum zu mäkeln: Das offizielle Wettbewerbsprogramm wird eigentlich nie den Erwartungen gerecht, egal ob in Cannes, Venedig oder Berlin. Erschüttert wird Jahr für Jahr festgestellt, dass nicht nur Meisterwerke die Gnade der Jurys finden. Die Stars - generelle Mangelware - sind nur an kurzen PR-Auftritten interessiert und haben nie viel zu sagen. Und dann noch diese unmöglichen Kinosäle (Venedig)! Diese Kälte (Berlin)! Dieser übertriebene Pomp (Cannes)!
Doch manchmal braucht es nur einen richtig guten Tag, und man weiß wieder, wie schön es ist, dass es sie überhaupt gibt, diese großen Filmmessen, auf denen bei allem Kommerzwahn letztendlich nichts anderes getan wird, als das Kino samt seiner Helden zu feiern. Die Berlinale hatte gerade so einen Tag.
Für den dafür nötigen Glamour sorgte gestern Abend die "Cinema for Peace"-Gala im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. So viele Stars an einem Fleck sind selten in der Hauptstadt, und allein die Sitzordnung am großen VIP-Tisch in der vorderen Saalmitte bot Beobachtern einen abendfüllend unterhaltsamen Anblick: Richard Gere, Bob Geldof, Sharon Stone, Catherine Deneuve und Heide Simonis an einer Tafel. Darauf muss man erstmal kommen. Antonio Banderas war da, das schönste Kleid des Abends hatte Katja Riemann an, und Martina Gedeck schien sich fabelhaft mit Forest Whitaker zu verstehen.
Berlinale-Maskottchen und frühere "Berlinackte" Bai Ling heftete sich in einem diesmal eher unauffälligen weißen Kleid zielsicher an Richard Gere, und trachtete mit gezücktem Handy offenbar nach dessen Telefonnummer, bevor sich ausgerechnet Claudia Roth zwischen die beiden drängte um sich etwas Aufmerksamkeit von Gere abzuholen. Die Preisverleihung, zur Ehrung besonders engagierter filmischer Verdienste, zog sich etwas in die Länge, fand ihren Höhepunkt aber in einer mitreißenden Rede von Preisträger Bob Geldof, die schnell vergessen ließ, dass der ja eigentlich nicht viel mit Kino zu tun hat.
Bärenwütige Schwergewichte
Noch erfreulicher: So glanzvoll wie das imposante Aufgebot an Prominenz präsentiert sich plötzlich auch der offizielle Wettbewerb der Berlinale. Nach eher verhaltenem Start, bei dem allenfalls "Der gute Hirte" von Robert de Niro mit mildem Enthusiasmus aufgenommen wurde, mischen rechtzeitig zur Halbzeit neue Schwergewichte das Feld auf. Innerhalb von 24 Stunden gab es mit "Die Zeugen" vom Franzosen André Téchiné und der belgisch-britischen Produktion "Irina Palm" gleich zwei äußerst bärenwürdige Beiträge zu sehen. Dazwischen rauschte mit dem außer Konkurrenz laufenden "Tagebuch eines Skandals" Judi Dench in die Stadt, die auf der Pressekonferenz so begeistert gefeiert wurde, dass der Moderator die Anwesenden vorher mahnen musste, sich wie brave Journalisten zu benehmen, und nicht zu Autogrammjägern zu werden.
"Tagebuch eines Skandals" erzählt von der alternden Lehrerin Barbara (Dench), die sich einer neuen Kollegin (auch nicht schlecht: Cate Blanchett), annimmt, um deren Leben bei passender Gelegenheit eindrucksvoll zu zerstören. Der Film von Richard Eyre findet zwar nicht immer den richtigen Ton zwischen Psycho-Thriller und Melodram, doch Judi Denchs kompromisslosen Auftritt als psychopathische Intrigantin aus der Hölle muss man gesehen haben, um ihn zu glauben.
Berufung als wichsende Witwe
Doch nur wenig später gab es schon wieder einen neuen Publikumsliebling. Nach der ersten Pressevorführung von "Irina Palm" vom Belgier Sam Gadarski brandete begeisterter Applaus durch den Saal, und der galt keiner Geringeren als der guten alten Rock-Ikone Marianne Faithfull. Die gibt, mittlerweile 50-jährig, in der entwaffnend sympathischen Dramödie eine freundliche aber mittellose Oma in einem Londoner Vorort, deren einziges Ziel es ist, ihrem todkranken Enkel die möglicherweise lebenrettende Behandlung bei Spezialisten in Australien zu bezahlen.
So weit, so pathetisch, doch dann findet sie in einem Sexclub dank ihrer außergewöhnlich zarten und geschickten Hände unter dem Künstlernamen Irina Palm ihre neue Berufung. Sie selbst bezeichnet sich im Film einmal dabei als "wichsende Witwe", und treffender kann man das eigentlich nicht ausdrücken. Es folgen hysterisch komische Momente auf Augenblicke trauriger Resignation, und nur schwer kann man sich dem Charme dieser netten älteren Dame entziehen. Dass sie dabei immer ihre Würde behält, dass man ihr nur alles Gute dieser Welt wünscht, ist der große Verdienst von Marianne Faithfull, die als Schauspielerin bislang nie durch besondere Großtaten auffiel, aber diesmal schon mal anfangen kann, sich Hoffnungen auf den Bären für die beste Darstellerin der Berlinale zu machen. Regisseur Gabarski ist ein echter Crowd-Pleaser geglückt, ein kleiner Film, der mit scheinbar einfachen Mitteln zum großen Spaß wird.
Es lohnt sich zu kämpfen
Mit dem Goldenen Bären für den besten Film wird es bei so viel Leichtigkeit möglicherweise eher nichts, doch auch hierfür gibt es einen neuen Favoriten. "Die Zeugen" von André Téchiné ist alles, was ein herausragender Festivalfilm sein soll: Zutiefst bewegend, ungewöhnlich und intelligent erzählt, formal stilsicher, thematisch sozial relevant und mit diesem kleinen unbeschreiblichen Extra, das aus einem guten Stück Kino ein Meisterwerk macht.
In drei Akten erzählt Téchine von einer Gruppe loser Freunde (unter anderem Emanuelle Béart und Michel Blanc) im Paris von 1984, die zwischen vermeintlichem Mutterglück, toller Karriere und den Vorzügen offener Partnerschaften fröhlich die Leichtigkeit des Seins genießen, bis die beginnende Aidskrise dem Spaß ein grausames Ende setzt. So traurig das Grundthema auch ist, strahlt "Die Zeugen" immer vor unbändiger Lebensfreude, vor Überzeugung, das alles überwindbar ist, dass es sich zu kämpfen lohnt.
Dann gab es da noch den argentinischen Beitrag "El Otro" von Ariel Rotter: Ein 38-jähriger Mann (Julio Chavéz) sieht sich mit der Schwangerschaft seiner Frau und dem drohenden Tod seines Vaters konfrontiert, weswegen er sich überlegt, dass er sich eine neue Identität zulegen könnte. Daraus folgen viele philosophische Erlenntnisse, die sich bei einer Vorführung um 9 Uhr früh noch nicht lückenlos erschließen lassen wollen. Macht aber nichts. Nicht an so einem guten Berlinale-Tag.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
| alles zum Thema Berlinale 2007 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH