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16.02.2007
 

Berlinale-Tagebuch

Der Ödipus, der mitmuss

Von Daniel Haas

Vater, Mutter, Sohn: drei Figuren, unzählige Kinogeschichten. Die Berlinale hat zwei Arten im Angebot, mit Ödipus klarzukommen: eine humorvolle aus Kanada und eine melancholische aus England.

Die Psychoanalyse ist überholt, hört man aus Wissenschaftlerkreisen. Na, und? Den Ödipus-Komplex zum Beispiel wird die Kulturgeschichte nicht mehr los. Und das Kino schon gar nicht. Gut so: Die vielen schlimmen, schrägen oder amüsanten Geschichten über ein derangiertes Mutter-Sohn-Verhältnis möchte man als Zuschauer keinesfalls missen.



Gestern ging in der Deutschen Oper in Berlin eine Reifeprüfung der besonderen Art über die Bühne: Guy Maddin, Regie-Star aus Kanada, stellte in der "Forum"-Reihe seinen Stummfilm "A Brand Upon The Brain" vor. Begleitet wurde die Aufführung von einem Symphonieorchester, drei Geräuschemachern und einer Kino-Ikone als Sprecherin.

Mutti ist die Bestie

Isabella Rosselini, im schwarzen Anzug mit Krawatte, bezog hinterm Mikrofon Stellung und synchronisierte Maddins furioses Traumstück über einen Jungen namens Guy, der sich gegen eine monströse Mutter wehren muss. Dazu schwelgte das Orchester, wirbelten die Geräuschemacher, dass man nicht wusste, wo hinhören, wo hinschauen.

So ließ man sich von großem Kino den Kopf verdrehen: Maddins Schwarzweißfilm mixt Leni Riefenstahl mit David Lynch, zitiert Comics und Bunuel und wirkt dabei nie kunstbeflissen. Stattdessen erzählt "A Brand Upon The Brain" vom Kindsein mit schwarzem Humor und hellsichtigen Metaphern. Die böse Mutter zum Beispiel späht ihre Kinder mit einem Fernrohr aus und bellt durch ein allmächtiges Sprechrohr ihre Befehle. Ulkiger lässt sich das Über-Ich nicht auf die Leinwand bringen.

Im Wettbewerb kämpfte sich Jamie Bell als "Hallam Foe" (Regie: David Mackenzie) von neurotischer Mutterliebe frei. Es gibt die böse Stiefmama (Claire Forlani), die er des Mordes verdächtigt (und mit der er schläft); die schöne Hotelangestellte (Sophia Miles), die der leiblichen Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht (mit der er ebenfalls schläft). Hinzu kommen mehr oder weniger taugliche Vater-Surrogate, die dem jungen Mann letztlich aber nicht helfen können.

Was soll's: Ein guter Ödipus räumt die männlichen Figuren vom Spielfeld und kämpft sich durchs schmerzvolle Begehren bis zur Erkenntnis. In Hallams Fall besteht sie aus der grundsoliden Einsicht, dass es keine Lösung ist, die Stiefmutter zu meucheln oder der Geliebten Mamas Garderobe anzudienen.

Vorsicht, Edel-Klamotte

Überhaupt ist es mit Garderobe und Interieurs so eine Sache. Man kann einen Film in ihnen verstecken, wie es Jacques Rivette getan hat. Im Wettbewerbsfilm "Ne touchez pas la hache" (Berühren Sie nicht die Axt) tändeln und parlieren eine französische Herzogin (Jeanne Balibar) und ein General (Guillaume Depardieu) in raschelnden Roben und schmucken Salons so ausgiebig, dass es selbst dem leidensfähigen Fachpublikum zu viel wurde.

Viele verließen entnervt das Kino, erlebten also nicht mehr, dass der General, vormals die Herzogin anschmachtend, dieselbe am Ende schmäht. Die schöne Querulantin zieht sich daraufhin ins Kloster zurück, wo sie der Ex-Verehrer nur noch tot auffindet.

Bis dahin wechselte die Herzogin x-mal die Garderobe (der General kam nicht aus seinen Stiefeln heraus) und noch öfters das Thema, das doch irgendwie das gleiche blieb. Irgendwo in der dekorativen Rhetorik war ein Geschichte versteckt, die man profan mit Mann und Frau verpassen ihre Chance übersetzen könnte. Die Story wurde allerdings so umfassend in Bonmots und Sentenzen gehüllt, bis sie schließlich kaum mehr von der Stelle kam.

So haben die letzten Berlinale-Tage gezeigt: Ein Film kann weitgehend ohne Sprache auskommen und dabei eine Rhetorik des Herzens entwickeln - oder geschwätzig sein und taub für die Ansprüche der Unterhaltung.

Und Freud mag ausgespielt haben, Ödipus noch lange nicht.

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