Da konnte selbst ein glatzköpfiger Jack Nicholson nichts mehr retten, so sehr er auch hinter seiner Sonnenbrille feixte und grimassierte: Die 79. Oscar-Verleihung hatte viele Höhepunkte, aber wenige emotionale Highlights. Fast vier Stunden brauchte der alte Dampfer Oscar dieses Jahr, um alle Goldstatuen bei ihren neuen Besitzern abzuliefern, mindestens eine Stunde zu viel.
Es hätte schon hysterische Tränenausbrüche gebraucht wie einst bei Julia Roberts, oder einen Hampelmann wie Roberto Benigni, um die Feierstimmung über so eine Distanz zu tragen. Doch die Preisträger in diesem Jahr erhielten ihre Oscars alle hochverdient, gaben sich aber in ihren Dankesreden so bierernst, als gehe morgen die Welt unter.
Besonders Forest Whitaker, der zu fortgeschrittener Stunde als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde, hätte doch auf seine längliche (und etwas wirre) Ansprache über die Transzendenz des Filmemachens zugunsten eines Witzes verzichten können. Oder auch Helen Mirren, die sich Mühe gab, überrascht zu wirken, als sie tatsächlich den Oscar bekam, wie es seit Wochen prophezeit wurde: Auch sie begnügte sich mit einer ebenso würdevollen wie braven Ode an die echte "Queen".
Getragenheit, auch ein bisschen Trägheit und Langeweile - so kann man die Oscar-Show der vergangenen Nacht zusammenfassen: Alles lief glatt und wie am Schnürchen, niemand vergriff sich im Ton, alle waren anständig und gesittet und es gewannen die richtigen Leute - allen voran Martin Scorsese.
Fairerweise muss man sagen, dass der Moment kurz vor Ende der Verleihung, als die drei New-Hollywood-Granden Francis Ford Coppola, George Lucas und Steven Spielberg auf die Bühne traten und herumalberten, als wüssten sie genau, welcher Name im Umschlag steht, in die Geschichte der magischen Oscar-Momente eingehen wird. Was für eine Erleichterung, was für eine Rührung auf dem Gesicht des 64-jährigen Meisterregisseurs, der nach fünfmaliger Nominierung endlich den Regie-Oscar in Händen hielt - überreicht von seinen alten Weggefährten.
"Könnt Ihr bitte den Umschlag noch mal prüfen?", fragte er mit bebender Stimme, ungläubig und tief bewegt. Man hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass der Regisseur von modernen amerikanischen Kino-Klassikern wie "Raging Bull", "Taxi Driver" und "Hexenkessel" den begehrtesten Filmpreis noch zu Lebzeiten erhalten würde. In diesem Jahr hatte die Academy wohl ein Einsehen (oder Erbarmen) und zeichnete Scorseses hartes Gangster-Drama "The Departed" auch gleich noch als besten Film aus. Eine weitere Überraschung!
Denn eigentlich hatte zuletzt Alejandro González Iñárritus "Babel" als Favorit für die Königskategorie gegolten. Doch das hochgelobte, sieben Mal nominierte Episodendrama des mexikanischen Regisseurs gehörte zu den großen Verlierern der Verleihung: Lediglich einen Oscar für die beste Musik (von Gustavo Santoalalla) konnte er am Ende verbuchen. Auch das Soul-Musical "Dreamgirls", mit acht Nominierungen Top-Favorit, ging fast leer aus: Neben dem Oscar für Jennifer Hudson als beste Nebendarstellerin gab es lediglich einen Award für die beste Tonmischung. Und auch der Geheimfavorit, Guillermo del Toros düsteres Bürgerkriegsmärchen "Pans Labyrinth", blieb hinter den Erwartungen zurück: bestes Make-up, beste Ausstattung, beste Kamera - alles honorige Preise, aber nicht in den Hauptkategorien.
Denn in der wichtigen Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" verlor der haushohe Favorit "Pans Labyrinth" gegen Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der Anderen". Ein unwahrscheinlicher Erfolg für das deutsche Kino, das bereits in den vergangenen beiden Jahren mit politischen Stoffen ("Sophie Scholl", "Der Untergang") angetreten war. Nach Caroline Link, die den Oscar 2003 mit "Nirgendwo in Afrika" holte, ist es nun der erst 33-jährige Regie-Debütant Henckel von Donnersmarck, der den weltweit wichtigsten Filmpreis nach Hause bringt. Mit rührender Nervosität und zitternder Stimme nahm der sonst so souveräne Deutsche seinen Oscar entgegen und bedankte sich sehr sympathisch bei seinem Star Sebastian Koch und seiner schwangeren Ehefrau: "Christiane, I love you!"
Da war er, einer der wenigen emotionalen Höhepunkte des Abends. Tränenreich bedankte sich auch Jennifer Hudson, die immerhin Cate Blanchett in der Kategorie "Beste weibliche Nebenrolle" ausstach. Bei der Casting-Show "American Idol", dem US-Pendant zu "DSDS", flog sie raus - um dann gleich mit ihrer ersten Rolle im Kinomusical "Dreamgirls" einen Oscar zu gewinnen. Kein Wunder, dass sie fassungslos auf der Riesenbühne des Kodak Theatre stand und ein bisschen unbeholfen und verloren wirkte.
Unbeholfenheit und Spontaneität, diese Elemente hätten der allzu glattpolierten Show gutgetan. Erstaunlich genug, dass ausgerechnet ein Ex-Politiker, der einst unter seinem Langweiler-Image litt, für die meisten Lacher und die beste Stimmung sorgte: Al Gore witzelte mit Ökofreund Leonardo DiCaprio über die ewige Frage nach seiner erneuten Präsidentschaftskandidatur - und nahm am Ende unter dem Jubel des Publikums einen Oscar für seine Klimawandel-Dokumentation "An Inconvenient Truth" entgegen. Damit war das politische Thema für den Abend gesetzt und Hollywood zeigte George W. Bush in Washington, dass die Demokraten an der Westküste nicht um Stimmen bangen müssen.
Der Saal hielt einen Moment lang den Atem an, als Gore - im Scherz - einen Umschlag aus der Jackett-Tasche zog und mit ernster Stimme anhob: "Also, meine lieben amerikanischen Mitbürger, ich werde die Gelegenheit nutzen und jetzt formal meine Absicht verkünden ..." Der Rest ging - und so war es geplant - im Gelächter und Anschwellen der Orchestermusik unter. Aber so mancher hätte sich wohl doch gewünscht, dass Gore noch einmal antritt. Melissa Etheridge, die für den Song "I Need to Wake Up" aus Gores Film den Oscar gewann, setzte noch ein schönes Motto: "Sich um die Erde zu kümmern, ist nicht republikanisch oder demokratisch, es ist nicht rot oder blau: Wir sind alle grün!"
Wie schön, wie politisch korrekt. Überhaupt fühlten sich alle furchtbar weltoffen und international. Das vergaß auch Gastgeberin Ellen DeGeneres nicht zu betonen. Die lesbische Comedienne mit dem scharfzüngigen Witz, die ihren ersten Oscar-Auftritt ansonsten eher ehrfürchtig und zurückhaltend absolvierte, schloss ihre Eröffnungsansprache mit den Worten: "Wenn es die Schwarzen, die Juden und die Schwulen nicht gäbe, gäbe es auch keine Oscars." Zudem seien die 79. Academy Awards die "internationalsten Oscars, die es je gegeben hat". Nie zuvor seien so viele Nicht-Amerikaner nominiert gewesen.
Das mochte stimmen, doch am Ende blieb der große Oscar-Fischzug der Mexikaner (Guillermo del Toro, Alejandro González Iñárritu, Alfonso Cuaron) und Briten (Stephen Frears, Peter O'Toole, Cate Blanchett) aus. Zwar gewann Helen Mirren als beste Hauptdarstellerin, ansonsten blieb die Mehrzahl der wichtigen Goldstatuen in den USA: Vier Oscars für "The Departed", einer für Alan Arkin, einer für Jennifer Hudson, einer für den Texaner Forest Whitaker.
Aber was soll's? Vielleicht zählt erst einmal die Geste, und vor allem mit dem mexikanischen Regisseurstrio wird man in den kommenden Jahren rechnen müssen. Das Ende der Obsession der Amerikaner mit allem, was britisch ist, ist ebenfalls nicht abzusehen.
Was bleibt: Freude über Martin Scorseses späten aber hochverdienten Triumph mit einem großartigen Film. Freude über Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-Erfolg, der auch ein bekräftigendes Signal für das deutsche Kino ist. Staunen über die Wandlung Al Gores vom farblosen Politiker zum Vollblut-Entertainer. Und ein bisschen Wehmut über die Niederlage des phantastischen Films "Babel", der ein paar Oscars mehr verdient hätte.
Für die Oscars 2008, die 80. Academy Awards, bleibt einiges zu wünschen übrig: Eine frechere Gastgeberin, eine straffere Regie - und ein bisschen mehr Schwung. Da kann sich der betagte Oscar ein Beispiel an seinen nicht minder ergrauten Nominierten nehmen: Clint Eastwood, Martin Scorsese, Ennio Morricone, Peter O'Toole, Jack Nicholson - alles verdammt rüstige Greise. Da geht noch was!
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