• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

US-Regisseur David Lynch "In Hollywood herrscht die Wut"

2. Teil: Gibt es ein Geheimrezept gegen die Angst vor dem Tod? Lesen Sie hier David Lynchs Antwort

Frage: Wo wird das innovative Kino in Zukunft stattfinden? Im Internet?

Lynch: Gewiss. Da werden wir Künstler mit völlig neuen Ausdrucksformen entdecken.

Frage: Nutzen Sie das Internet selbst als künstlerische Spielwiese? Schon auf Ihrer Homepage zeigen Sie in einer Sitcom Menschen mit Hasenköpfen.

Lynch: Ja, aber ich habe das nicht bewusst erst im Internet ausprobiert und dann später im Film verwandt. Viele meiner Ideen entwickeln ein Eigenleben. So sehe ich "Inland Empire" zwar als Pendant zu "Mulholland Drive", aber ich kann Ihnen auch nicht sagen, warum beide Filme von Hollywood handeln. Ich weiß nicht, wie ich auf meine Ideen komme. Vielleicht kommen sie eher auf mich zu.

Frage: Sie haben sich mit einer Kuh mitten in Los Angeles an der Ecke Hollywood Boulevard/La Brea Avenue hingesetzt, um Werbung für "Inland Empire" zu machen. Keinen Schimmer, warum?

Lynch: Doch. Ich hatte herausgefunden, dass die Leute Kühe sehr mögen. Die Kuh und ich hatten mehrere Auftritte, einmal mit einem Pianisten, ein anderes Mal mit der Blaskapelle einer Highschool und einigen Cheerleadern. Ich wollte Laura Dern damit zu einer Oscar-Nominierung verhelfen. Hat leider nicht geklappt.

Frage: Sie wirken immer sehr gelassen. Haben Sie eigentlich vor nichts Angst? Vieles in Ihren Filmen, auch in "Inland Empire", rührt an Urängste, vor dem Altern, dem Tod, der Desorientierung …

Lynch: Es spielt keine Rolle, wovor ich persönlich Angst habe, das sind die ganz normalen Dinge. Wir alle müssen einmal abtreten und dabei den Körper zurücklassen, und damit sind Ängste verbunden. Aber da gibt es eine Stimme, eine Person in uns, mit der wir uns austauschen, und die ist alterslos. Sicher: Es ist seltsam, wie schnell manchmal die Zeit vergeht, aber wenn man sich auf all die Ideen und Dinge, die im Leben zu tun sind, konzentriert, dann fällt es nicht so auf.

Frage: Blinder Aktionismus als Geheimrezept gegen die Angst vor dem Tod?

Lynch: Nein, nein! Es reicht nicht, nur irgend etwas zu tun. Ängste und alle negativen Dinge verschwinden nur, wenn man mit dem großen Feld der puren Glückseligkeit Kontakt aufnimmt, das für jeden Menschen jederzeit erreichbar ist.

Frage: Wie bitte?

Lynch: Ich spreche hier von Transzendenz. Sie wissen, dass wir nur Bruchteile unserer Gehirnkapazität nutzen. Das Ziel meiner Meditationen ist aber, es voll auszunützen.

Frage: Klingt verlockend. Wie geht das?

Lynch: Es ist eine uralte Methode: Das Mantra richtet den Geist nach innen! Und wir tauchen bereitwillig ein, denn es entspricht unserer Natur, nach höherem Glück zu streben. Jede intellektuelle Ebene, die wir durch die Meditation erreichen, birgt mehr Glücksgefühl, also stoßen wir immer weiter vor, transzendieren immer mehr. Das ist eine mentale Technik. Und je weiter wir auf diesem Pfad der Erleuchtung vordringen, desto mehr Kapazitäten setzen wir frei. Wir schöpfen das volle Potential, die ganze Schönheit des menschlichen Wesens aus. Wir werden kreativer, lebendiger, ausgeglichener. Und im Gegenzug verschwindet alles Negative.

Frage: Sie betreiben diese Art der Meditation seit Anfang der siebziger Jahre. Sind Sie bereits erleuchtet?

Lynch: Nein, ich bin überzeugt, dass die Erleuchtung real ist, aber sie ist auch eine sehr große, sehr erhabene Sache. Ich befinde mich auf dem Weg dorthin. Das Schöne ist: Mit jedem Schritt wird es heller, das merke ich jeden Tag.

Frage: Mit Verlaub, in Ihren Filmen ist davon nicht viel zu spüren. Im Gegenteil, dort scheint es immer klaustrophobischer und beklemmender zu werden. Gibt es da einen Zusammenhang?

Lynch: Ich verliebe mich in Geschichten über widerstrebende Emotionen, Konflikte, Horror, das ist ganz normal, weil es menschlich ist. Aber der Filmemacher muss nicht selbst leiden, um Leid zu zeigen. Im Gegenteil: Je weniger ich leide, desto kreativer bin ich und kann genießen, was ich tue. Immer, wenn man sich über etwas ärgert oder wütend ist, kommt der kreative Fluss ins Stocken, weil sich der ganze Geist nur mit den negativen Dingen beschäftigt.

Frage: Davon gibt es im Filmgeschäft bekanntlich eine ganze Menge.

Lynch: Ja! Und es macht so viele Leute in diesem Geschäft krank! Sie arbeiten nicht, sie haben Angst, Sie werden depressiv. In Hollywood herrscht die Wut: Stellen Sie sich vor, jemand piesackt Sie den ganzen Tag: Sie müssen das Budget einhalten, Sie haben nicht das letzte Wort beim Schnitt – alles ist nur noch Druck, Druck Druck!

Frage: Dafür, dass Sie für weniger Angst und mehr Erleuchtung plädieren, geraten Sie jetzt aber ganz schön in Rage …

Lynch: Ich rege mich doch nicht auf! Ich bin etwas lebhaft, aber ich rege mich nicht auf. Dafür ist das alles doch viel zu schön!

Das Interview führten Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP