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27.04.2007
 

Erschütternde Irak-Doku

Der Horrortrip der Screaming Eagles

Von Marc Pitzke, New York

Es ist ein erschütterndes Dokument über die Realität des Kriegs: Der preisgekrönte Vietnam-Reporter John Laurence hat eine US-Einheit 14 Monate lang im Irak begleitet. In seinem Film "I Am an American Soldier" zeigt er den mörderischen Einsatz erstmals komplett aus Sicht der GIs.

Luke Murphy, 24, hat es kommen sehen. Dies ist seine zweite Tour im Irak, aber nicht freiwillig, denn die Armee zwingt ihn. "Ich habe meine Zeit abgeleistet. Ich fühle mich beschissen." Dann reißt er sich zusammen und fällt in denselben Hauruck-Plural wie seine Kameraden: "Wir sind bereit, in den Irak zu gehen! Und wir werden's knallen lassen!"

Szene aus "I Am an American Soldier": "Herr, rüste uns fürs Gefecht"

Szene aus "I Am an American Soldier": "Herr, rüste uns fürs Gefecht"

Monate später kehrt Murphy vorzeitig von der Front zurück - ins Armeehospital Walter Reed bei Washington. Eine Autobombe hat ihm in Bagdad das rechte Bein abgerissen und das linke zertrümmert. Sein Babygesicht ist genau so stoisch wie vorher. "Fuck it", sagt er tonlos. "Das ist echt Scheiße. Nichts ist das wert."

Murphy ist einer der traurigen Helden von "I Am an American Soldier", einer abendfüllenden Dokumentation, die gestern Abend auf dem Tribeca Film Festival in New York Premiere hatte. 14 Monate, von September 2005 bis November 2006, begleitete Regisseur John Laurence eine Gruppe Soldaten der 101st Airborne Division durch den Irak - der gleichen US-Truppe, die er 1970 schon in Vietnam porträtiert hatte, seinerzeit als CBS-Kriegskorrespondent.

Damals räumte Laurence ("The World of Charlie Company") alle wichtigen Preise ab. Und auch jetzt ist "Soldier" einer der meist diskutierten, emotionalsten Beiträge des Tribeca Festivals, gegründet nach den Terror-Anschlägen des 11. Septembers 2001, um Manhattan neues Leben zu geben. Wie jedes Jahr sind die Folgen von 9/11 hier wieder mal ein roter Faden, und "Soldier" trifft die Stimmung der kriegsmüden Nation.

Debatte fernab der Realität

Das hat es noch nie gegeben: Statt selbst kommentierend die Stimme zu erheben, lässt Laurence ausschließlich die 92 Soldaten der 101st sprechen. Er zeigt die Natur des Krieges durch ihre Augen, ihre Worte, ihre Erlebnisse. Was einen umso schlimmer trifft, da diese kindlichen Krieger so sympathisch sind. Trotz ihrer antrainierten Killer-Mentalität.

Der Zuschauer lebt und leidet mit ihnen. Er fühlt ihre Motivation. Dann ihre Frustration. Dann ihre Resignation. Und er verlässt das Kino mit einem viel besseren Begriff dieses "Alptraums", wie es einer der GIs ausdrückt, als nach jeder dumpfen Wahlkampf-Debatte.

"Wir wollten keinen polemischen Film machen, keinen politischen Film", sagt Laurence, 64, ein gesetzter Herr im Pullunder, dem man nicht anmerkt, dass er sich seine Sporen als Reporter im Dschungel Vietnams verdient hat. "Dies ist kein Anti-Kriegs-Film und auch kein Pro-Kriegs-Film." Will heißen: Es ist einfach ein Film über den Krieg - und die, die in ihm kämpfen.

Das Ergebnis ist nicht minder erschütternd - egal, auf welcher Seite man steht. "I Am an American Soldier" ist der bisher enthüllendste Film über das Soldaten-Dasein im Irak. Es war ein ironischer Zufall, dass ausgerechnet gestern, am Premierentag, der US-Senat das Datum für einen Truppenabzug festlegte - nach einer politischen Diskussion, die so weit von der Realität entfernt schien, wie Laurences Film ihr nahe kommt.

Veteran tödlicher Kämpfe

Der beginnt ganz harmlos. Fort Campbell in Kentucky, Stützpunkt der 101st, der "Screaming Eagles". Eine sagenumwobene Division: Die 101st war die Speerspitze der Invasion in der Normandie. Steven Spielbergs Fernsehserie "Band of Brothers" verewigte sie.

Doch die echten Jungs der Charlie Troop, die hier durch den Wald joggen, eignen sich kaum als TV-Helden. Sie sind fast noch Teenager, picklig und unbeholfen. Was er in der Armee suche, wird einer gefragt. "Keine Ahnung, Sir. Irgendwie bin ich hier gelandet."

Sergeant Mario Terenas, der Anführer des 1. Platoons, ein gebürtiger Portugiese, ist da deutlicher: "Ich komme aus einer kaputten Familie. Die Armee ist meine Familie. Meine Soldaten sind meine Kinder." Denen bringt er die wichtigste Überlebensregel bei - den Umgang mit dem Feind: "Zwei schnelle Schüsse in den Körper, dann einen in den Kopf. Licht aus."

"Ihr müsst den anderen Hundesohn immer killen!", befiehlt Oberst Michael Steele, der bullige Brigadekommandeur. "Lasst ihn nicht leben!" Was der Film dabei verschweigt: Steele ist ein Veteran tödlicher Kämpfe. 1993 war er am Einsatz von Mogadischu beteiligt, bei dem 19 US-Soldaten umkamen. Der Film "Black Hawk Down" verklärte Steele zum Helden.

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