Von Claus Christian Malzahn
Was er in seinem Film en Detail vorführt, ist entsetzlich: Es sind US-Verhörer zu sehen, deren Grundausbildung offenbar nur im Betrachten der Fernsehserie "24" bestanden hat und deren einzige Ansage von oben lautet: "Soldiers are dying. Get Intelligence".
Die vermeintlichen Terroristen werden ihnen überlassen wie Sünder der Spanischen Inquisition. Im fundamentalen Katholizismus des 18. Jahrhundert galt: Den Unschuldigen hilft der liebe Gott. Wer aber in Guantanamo nicht wusste, in welcher Höhle Osama bin Laden steckt, dem half niemand mehr. Und die jungen Amerikaner können nur eines herausprügeln aus ihren Delinquenten: dass sie nichts wissen und hier nichts verloren haben. Die Ahnungslosigkeit rettet die Gefangenen freilich nicht. Es macht sie nur noch verwundbarer. Dutzende Häftlinge, so Gibney, wurden offenbar alleine in Guantanamo totgeschlagen.
Menschenrechte? Nicht so wichtig
Schnitt: Ein Jurist im Weißen Haus rechnet dem Präsidenten vor, dass er sich um die Einhaltung von Menschenrechten bei terroristischer Gefahrenabwehr eigentlich nicht zu kümmern braucht. Gibneys Suggestion: Die Grauzonen in Abu Ghureib und anderswo waren von dem US-Regierenden George W. Bush, Cheney und Rumsfeld politisch gewollt. Hier wird der Film besonders düster. Dass man im Weißen Haus nach dem 11. September 2001 aus begründeter Notwehr handelte, macht die Sache leider nicht besser. Im Gegensatz zu den Soldaten, die wegen Misshandlung im Fall Dilawar immerhin verurteilt worden sind, ist diesem Schreibtischtäter aus den hinteren Reihen der US-Regierung juristisch bisher niemand zu nahe getreten.
Bevor aber das alte Europa angesichts solcher Bilder wieder in antiamerikanischen Jubel ausbricht, muss man den Unterschied zwischen europäischer Denunziation und amerikanischer Aufklärung betonen. Diese schwere filmische Attacke auf die US-Administration geht von Amerikanern aus, die sich um ihr Land Sorgen machen. Ihnen droht keineswegs das Schicksal einer Anna Politkowskaja, auch nicht das eines Dietrich Bonhoeffer.
Die Nörgler in Europa, die seit Jahren das dumme Lied vom amerikanischen Faschismus singen, sollten sich deshalb nicht zu früh auf Gibneys Film freuen. Sie haben zur Aufklärung der amerikanischen Verfehlungen in Afghanistan und im Irak so gut wie nichts beigetragen. Die Enthüllungen fanden vor allem in den liberalen Medien der Ostküste statt, im "New Yorker", in der "New York Times", in der "Washington Post", "Atlantic Monthly" oder "Vanity Fair". Gibneys Film liegt auf dieser Linie amerikanischer Selbstkritik der vergangenen Jahre. Noch ist offen, ob "Taxi to the Dark Side" in den USA schnell ein TV-Network finden wird. Auf Dauer werden die TV-Imperien aber nicht an ihm vorbeikommen.
Denn anders als in den polemischen Kino-Attacken Michael Moores, der für eine gute Pointe noch jede Verschwörungstheorie auf die Leinwand bringen würde, wird bei "Taxi to the Dark Side" nicht drauflos denunziert. Der Film berichtet, argumentiert, klagt an – und ist aufgebaut wie das flammende Plädoyer eines zornigen Staatsanwalts - wie man ihn nur in den USA finden kann.
Korrektur: Irrtümlicherweise war in unserem Text zunächst zu lesen, der Gefangene Dilawar sei im Lager Guantanamo auf Kuba umgekommen. Tatsächlich kam er bereits im afghanischen Lager Bagram ums Leben. d. Red.
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