Aus Cannes berichtet Andreas Borcholte
Aber letztlich muss dem Medienprofi klar sein, dass er sich bessere Publicity für "Sicko" gar nicht wünschen kann. Man bedenke die Schlagzeile: "Michael Moore geht für Film über Gesundheits-System in den Knast". Und dabei haben sich die im Film der Menschenfeindlichkeit und Korruption bezichtigten Krankenkassen und Pharma-Konzerne noch gar nicht zu Wort gemeldet. Bislang hieß es, "Sicko" solle am 29. Juni in den USA starten, aber Moore rechnet noch mit allerlei Ärger/Gratis-PR bis dahin: "Pharma und Health Care? Vor denen habe ich mehr Angst als vor Bush und Karl Rove."
In Cannes inszenierte er sich heute einmal mehr als Märtyrer, der gar nicht verstehen kann, warum immer alle auf ihm herumhacken. Seine Betroffenheitsmiene ist fast so perfekt einstudiert wie die Bescheidenheit, die ihn auch dazu veranlasst habe, "Sicko" außer Konkurrenz laufen zu lassen. Er wolle als Figur ein bisschen in den Hintergrund treten, mehr "we" als "me". Daher trete er im Film auch nicht so oft in Erscheinung und konfrontiere, anders als in "Bowling für Columbine" oder "Fahrenheit 9/11", die Gegenseite nicht mit ihren Versäumnissen. Sich nur auf "Mike" zu verlassen, sei zu wenig, sagte Moore, die Verhältnisse veränderten sich nur, wenn die Leute "ihren Hintern aus dem Kinosessel heben" und selbst aktiv würden.
Man darf wohl als Europäer nicht vergessen, dass Michael Moore seine Filme vorrangig für Amerikaner dreht und seine Landsleute gut genug kennt, um ihnen nicht auf die allzu subtile Tour zu kommen. Zu Recht beklagten sich kanadische Journalisten bei Moore darüber, dass ihr Gesundheits-System gar nicht so toll sei und vor allem dieselben Finanzierungslücken aufweist wie fast alle europäischen Versorgungsnetze. Moores etwas lapidare Erwiderung: "Es läuft etwas falsch in den USA, und es läuft etwas richtig in Kanada". Was mit ihrem System nicht in Ordnung sei, müssten sie selbst in den Griff bekommen. "Wir Amerikaner haben anderen Ländern nicht mehr vorzukauen, was sie zu tun haben", sagte er noch, bevor er das französische Gesundheits-System als "das beste der Welt" lobte. Auch eine Art, sich etwas verspätet für die stets wohlwollende Rezeption an der Cote d'Azur bedanken.
Neues Meisterwerk der Coen-Brüder
Mit viel Wohlwollen wurde auch "No Country for old Men" begrüßt. Die Coen-Brüder-Adaption eines Romans von Cormac McCarthy ist bisher im Wettbewerb klar der beste Film, obwohl er über allerlei kleine dramaturgische Schwächen und ein sehr irritierendes, weil abruptes Ende verfügt, die zu erhitzten Diskussionen nach der Pressevorführung am Freitagabend führten. Doch alles in allem ist den Coens nach ihren eher mäßigen letzten Filmen "Ladykillers" und "Intolerable Cruelty" mal wieder eines ihrer Meisterwerke gelungen, das an "Fargo" und "The Big Lebowski" heranreicht.
Der in schwelend heißen Wüstenbildern schwelgende Film erzählt die Geschichte eines arbeitslosen Wilderers (Josh Brolin) im Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA, der durch Zufall an einen Koffer mit 2 Millionen Dollar aus einem schief gelaufenen Drogendeal gelangt. Bald ist ihm ein psychopathischer Killer auf den Fersen, und damit tritt eine Figur auf den Plan, die ihren Platz in der Kino-Ruhmeshalle schon jetzt sicher haben dürfte. Der spanische Schauspieler Javier Bardem ("The Sea Inside") ließ sich für den 1980 spielenden Film eine Frisur stehen, die manchmal an Mireille Mathieu, manchmal an Adamo erinnert. Die Waffe seiner Wahl ist eine Sauerstoffflasche samt Schlauch und Druckventil - eine Art Airgun, mit der er Türschlösser aufschießt oder sehr effektvoll Kopfschüsse verabreicht. Zum herrlich irren Blick gesellt sich einer der schönsten Charakternamen der letzten Jahre: Anton Chigurh, das reimt sich auf Englisch mit "Sugar".
Lakonischer Beobachter des sehr blutigen (und absurd-komischen) Katz- und Maus-Spiels voller schräger Ideen ist der alternde, sehr breiten Texas-Dialekt pflegende Sheriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der eigentlich ermitteln soll, aber angesichts der immer verrückter werdenden Welt den Glauben an das Gute verloren hat. Wenn er seinen Blick mit gefurchter Stirn und buschiger Augenbraue über das von Chigurh angerichtete Grauen schweifen lässt, dann spiegelt sich die ganze Melancholie von Cormac McCarthys Meditation über Gut und Böse darin wider: Der alte, wilde Westen, dem Sheriff Bell mit seiner gemächlichen Cowboy-Attitüde entstammt, ist gar nicht so rau und brutal, wie er immer dargestellt wird. Die moderne Zeit ist noch viel viel gewalttätiger und gesetzloser!
Schon komisch, dass es immer nur Amerikanern gelingt, solche niederschmetternden Wahrheiten so auf die Leinwand zu bringen, dass man das Kino mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlässt. Cannes hat heute von diesen wundersamen Fähigkeiten des US-Kinos in jedem Fall profitiert.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH