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23.05.2007
 

Cannes-Tagebuch

Fatih Fassbinder

Aus Cannes berichtet Andreas Borcholte

Noch ist alles offen im Rennen um die Goldene Palme. Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin zeigte heute im Wettbewerb seinen neuen Film "Auf der anderen Seite", erntete viel Beifall - und ein schönes Kompliment von seiner Darstellerin Hanna Schygulla.

"Er hat mich an den jungen Fassbinder erinnert", sagte Hanna Schygulla, 63, heute Vormittag auf der Pressekonferenz zu Fatih Akins "Auf der anderen Seite" über ihren Regisseur. Zuvor war die Grande Dame des deutschen Autorenfilms gefragt worden, wie sie dazu gekommen sei, in Akins neuem Film mitzuspielen. Sie habe ihn im Fernsehen gesehen, als er damals auf der Berlinale den Goldenen Bären in die Höhe gehalten habe. "Diese Wildheit, diese Naivität" habe sie beeindruckt.

Mit Rainer-Werner Fassbinder verglichen zu werden, dieser Ikone des deutschen Kinos der siebziger Jahre, dessen visionärer Kraft noch heute viele nachtrauern, das ist ein schönes Kompliment für den erst 33-jährigen Akin, der hier in Cannes vor zwei Jahren in der Jury saß und nun eine fulminante Rückkehr an die Croisette feiern konnte. Denn die Presse, die "Auf der anderen Seite" heute Morgen in aller Herrgottsfrühe im großen Festivalpalast, dem "Grande Lumière" sehen durfte, schenkte dem hemdsärmligen Hamburger einen langen, sehr ausgiebigen Applaus.

Dabei unterscheidet sich "The Edge of Heaven", wie der Film international genannt wird, sehr stark von Akins bisher besten und erfolgreichsten Film. "Mein Ziel war es, einen ganz anderen Film als 'Gegen die Wand' zu machen", erklärt Akin auf der Pressekonferenz, und doch kann man sich als Zuschauer nicht gegen die inzwischen unverkennbare Handschrift des deutsch-türkischen Filmemachers wehren, die bei aller sichtbaren Unterschiedlichkeit eine sehr enge Verbindung zwischen den beiden Filmen schafft.

Politik und Privatheit

Tatsächlich ist "Auf der anderen Seite" der zweite Teil einer auf drei Filme angelegten Reihe, die Akin "Liebe, Tod und Teufel" nennt. Die Liebe war das Thema des erhitzten, rebellischen "Gegen die Wand"; der Tod spielt eine übergeordnete Rolle in Akins neuem Film. So ist es nur logisch, dass die Stimmung des Films eine andere ist als vor vier Jahren: Ruhig, langsam und melancholisch erzählt der in drei Episoden unterteilte Film von sechs Schicksalen zwischen Istanbul, Bremen und Hamburg, die über zwei tragische Todesfälle miteinander verwoben werden.

Mit grandiosen Darstellern wie Hanna Schygulla, dem deutschen Nachwuchstalent Patrycia Ziolkowska, der in der Türkei populären TV-Darstellerin Nurgül Yesilcay und dem türkischen Kino-Veteran Tuncel Kurtiz verfügt Akin über ein Ensemble, das die leisen Zwischentöne seines Film trifft, ohne in Pathos abzugleiten.

Neben dem übergreifenden Thema, das eine Mutter, zwei junge Frauen, einen deutsch-türkischen Germanistik-Professor und seinen Vater mitsamt seiner Geliebten, einer von Nursel Köse ("Anam") liebevoll verkörperten Prostituierten in einen Strudel aus Verlust, Wut, Liebe und Verzweiflung treibt, kommt auch das Politische in "Auf der anderen Seite" nicht zu kurz. Mit der selben Wut, die in "Kurz und schmerzlos" und "Gegen die Wand" zu spüren war, prangert Akin in einigen wenigen sehr intensiven Szenen die türkische Justiz ebenso an wie die Hürden des deutschen Asylrechts. "Alle sechs Charaktere in dem Film reflektieren eine Seite von mir selbst", erklärte Akin auf der Pressekonferenz, und rückte sein neues Werk damit demonstrativ zurück ins Private, nachdem ein Journalist gefragt hatte, ob die Figur der nach Deutschland flüchtenden Türkin Ayten (Nurgül Yesilcay), die Mitglied einer türkischen Widerstandsbewegung ist und für radikale Reformen plädiert ("Scheiß auf die EU"), eine Spiegelung des deutschen Baader/Meinhof-Traumas sei.

Wettstreit um die Palme

So viel Politik ist sicher nicht drin in "Auf der anderen Seite", aber dennoch bleibt er ein starkes Plädoyer für ein europäisches Zusammenwachsen über den Bosporus hinaus.

Es ist beeindruckend, mitanzusehen, wie viel Selbstbewusstsein und Ruhe Akin seit "Gegen die Wand" gewonnen hat. Dafür war sicher der weltweite Erfolg des Hamburgers mitverantwortlich, der ihn mit internationalen Größen des Filmgeschäfts zusammengebracht hat, aber auch die private Situation des Regisseurs hat sich verändert. Vater geworden zu sein, sagte Akin kürzlich, habe ihm eine andere Perspektive auf das Leben gegeben.

Ob für ihn bei diesem Festival eine Goldene Palme drin ist, steht noch in den Sternen. Zusammen mit dem rumänischen Beitrag, dem Coen-Brüder-Western und Julian Schnabels bewegendem "Scaphandre et le Papillon" sollte "Auf der anderen Seite" jedoch in der engeren Auswahl sein. Gönnen würde man es Fatih "Fassbinder" Akin auf jeden Fall.

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