"Schauen Sie sich Romys Grab an", sagte Jean Claude-Brialy gegen Ende des Gesprächs. "Es ist sehr gepflegt." Und für einen Moment schien er mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Es war viel vom Tod die Rede in dem gut einstündigen Interview, das der französische Schauspieler vor knapp vier Wochen in Paris dem SPIEGEL gab. Er hatte sich bereit erklärt, von seiner langjährigen Freundschaft mit Romy Schneider zu erzählen. Präzise beschrieb er das letzte Telefonat mit ihr, den Anblick ihres toten Köpers, in dem er die junge Romy wiedererkannte. Ohne die Stimme zu heben, ohne Anflug von Rührseligkeit ließ er seine Zuhörer spüren, was es bedeutet, einen geliebten Menschen zu verlieren und dem Tod ins Angesicht zu blicken.
"Gegen Ende ihres Lebens schlich der Tod um sie herum", hatte Brialy einst über Romy Schneiders letzte Jahre gesagt. Und so fragten wir ihn: "Hatten Sie eine Vorahnung?" Wir wiederum hatten keine Vorahnung, dass der Tod bereits um Brialy herumschlich, an diesem sommerlichen Frühlingstag in Paris, dass er an einer schweren Krankheit litt. Doch er ließ sich nichts anmerken und antwortete: "Sie wollte leben. Sie hatte Pläne, sie hatte Lust zu arbeiten, sie war voller Energie und Willen." In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai, womöglich am gleichen Tag wie Romy Schneider 25 Jahre zuvor, ist Brialy nun in Paris gestorben. Voller Pläne, Energie und Willen.
Eine Stunde zu spät war er zum Interview in seinem eigenen Thèatre Bouffes-Parisiens unweit der Pariser Oper gekommen. Rührend und umtriebig hatten sich seine zahlreichen Assistentinnen um die Gäste gekümmert, die im Eingangsbereich des Theaters in mächtigen Plüschsesseln versunken waren, um auf ihn zu warten. Dann kam er, in einem hellen Anzug, einen weißen Schal umgeworfen. Es war ein großer Auftritt und doch ungemein lässig. Brialy betrachtete kurz die Plüschecke, und sein Blick verriet: unangemessen für diesen Anlass. Er bat uns in sein Büro und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz. Links von ihm hatten seine Assistentinnen den Bildschirm seines Computers angestellt, rechts konnte er durch eine große, halbtransparente Scheibe die Schatten von Passanten durch eine Fußgängerzone eilen sehen. Dieser Mann liebte es offenbar, mitten im Leben zu arbeiten.
Als er feststellte, dass ein Porträt von Romy Schneider nicht mehr an seinem Platz hing, wurde er sehr unwirsch. Er ließ keinen Zweifel daran, dass die Dinge hier exakt nach seinen Vorstellungen zu geschehen hatten, vor allem in der Zeit seiner Abwesenheit. Als das Bild von hochroten Mitarbeitern eilends wieder herbeigeschafft worden und an die Wand gehängt worden war, stellte sich Brialy davor und ließ sich fotografieren. Auf dem Foto ist der Stolz eines Mannes zu erkennen, der weiß, dass er ein gut bestelltes Haus hinterlässt. Die rührende und doch gänzlich unaufdringliche Aufmerksamkeit, mit der er sich um das Wohlergehen seiner Gäste kümmerte, Wasser und Kaffee für sie holen ließ, würde in diesem Theater auch in Zukunft selbstverständlich sein.
Ein letztes Gespräch mit einem Künstler geführt zu haben und erst im Nachhinein zu erfahren, wie es um ihn stand, ist beklemmend. War es nicht taktlos, mit ihm ständig über Leid, Schmerz, Trauer und Tod zu reden? Hätte man nicht ganz andere Fragen stellen müssen? Mehr nach Brialy selbst statt nach Romy Schneider? Sich viel vorsichtiger herantasten müssen an all die heiklen Themen? Andererseits wich Brialy keiner Frage aus, antwortete stets sehr genau, ausführlich und offen.
Vielleicht hat es ihm geholfen, das Leben eines anderen Menschen von Anfang bis Ende zu rekapitulieren und dessen Vorstellungen von Liebe, Leben und Schauspielerei zu beschreiben. Vielleicht hat es ihn aber auch ungeheuer viel Mut und Kraft gekostet, und er hat diese Anstrengung – brillanter Darsteller, der er ist – uns gegenüber einfach überspielt. In jedem Fall war es ein letzter, großartiger Freundschaftsdienst gegenüber Romy Schneider, von einem der größten Männer des französischen Films. Merci, Monsieur Brialy!
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