• Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.07.2007
 

"Clerks 2"

Zoten und Idioten

Von Andreas Borcholte

Mit Mitte 30 noch in der Fast-Food-Bude bedienen? Geht gar nicht! 1994 waren die vom Leben überforderten "Clerks" noch lustig, heute hat der Zeitgeist sie überholt. Regisseur Kevin Smith zeigt in der Fortsetzung seines gefeierten Debüt-Films nichts als Zoten.

In "Stirb langsam 4.0" hat Kevin Smith einen Gastauftritt. Er spielt den Hacker Warlock, einen übergewichtigen Mittdreißiger, der sich im Keller seines Elternhauses ein Verließ voller Computer und Star-Wars-Devotionalien eingerichtet hat. Dort fläzt er wie Jabba the Hut im Sessel und weigert sich trotzig, dem gestressten Cop John McClane und seinem jugendlichen Sidekick bei ihrer Mission zu helfen.

Es ist eine Szene, die zugleich lustig und abgrundtief traurig ist. Denn während sich Hollywoods Lieblings-Schmuddelkind in dem Action-Blockbuster mit zahlreichen ironischen Selbstzitaten in Szene setzen darf, enthält das Image des Riesenbabys, das sich vor dem Ernst des Lebens im Kinderzimmer verschanzt, eine bittere Wahrheit: Aus dem Hoffnungsträger des amerikanischen Independent-Kinos, der 1994 mit "Clerks" beim Sundance Festival reüssierte, ist nicht viel geworden.

Wie sonst soll man sich einen Film wie "Clerks 2" erklären? Wer den ersten Film, für 27.000 Dollar in Schwarzweiß produziert, gesehen hat, kennt auch die Fortsetzung: Viel mehr als halbwegs gewitzte Dialoge an der Ladentheke in einem tristen Vorort irgendwo in New Jersey inklusive derselben Charaktere wie damals sind Smith nicht eingefallen.

Klar, ein paar kleine Unterschiede gibt es: Der Gemischtwarenladen "Quick Stop", Handlungsort des ersten Films, ist ebenso abgebrannt wie der Video-Shop daneben, daher spielt "Clerks 2" ein paar Meter die Straße runter im Fast-Food-Restaurant "Mooby's", wo die "Ladenhüter" Dante Hicks (Brian O'Halloran) und Randal Graves (Jeff Anderson) heute arbeiten. Beide sind Mitte Dreißig und längst zu alt für so einen McJob.

Draußen vor der Tür hängen immer noch dieselben Typen herum; Jay und Silent Bob, gespielt von Jason Mewes und Smith persönlich, zwei debile Kleinstadt-Drogendealer mit riesigem Ghettoblaster und schlechten Manieren, die den spärlichen Plot als postmodernes Pendant zum griechischen Chor der antiken Tragödie mit Sprüchen und gelegentlichen Tanzeinlagen kommentieren.

Erneut muss sich Dante zwischen zwei Frauen entscheiden: Seine reiche Verlobte Emma (gespielt von Smiths Ehefrau Jennifer Schwalbach) verheißt ihm das Ende des Loserdaseins in Florida mit neuem Job und Familie; "Mooby's"-Chefin Becky (Rosario Dawson) verspricht den Verbleib in New Jersey und die wahre Liebe. Bis sich Dante entscheidet, vergehen quälend lange 90 Minuten, in denen Randal verbales Schindluder mit dem keuschen (und herrlich naiven) Burgerbrater-Jüngling Elias treibt, viel zu viele Zoten über Sexpraktiken und rassistische Rhetorik gerissen werden - und ein dressierter Esel namens Kinky Kelly sexuell sein blaues Wunder erlebt.

Das mag lustig klingen und verfügt in seinen besten Momenten über jene haarsträubende Komik, für die Smith zu Recht berühmt wurde. Die schiere Einfalt, das vollkommen Redundante dieser Fortsetzung ist es, was "Clerks 2" zu einem bestürzenden Kino-Erlebnis macht.

Damals, 1994, waren Typen wie Dante und Randal Stellvertreter für die Generation X, jene Slacker genannten Nonkonformisten, die angesichts einer ungewissen Zukunft und der Überforderung durch die moderne Leistungsgesellschaft in einen Zustand totaler Regression verfielen: Bloß nicht erwachsen werden! "Clerks" brachte die Gemütslage vieler Twentysomethings auf den Punkt, die zur täglichen Nabelschau den Frustrock von Grunge-Bands wie Nirvana und Alice in Chains hörten und sich in Kapuzenpullovern und Sneakers verschanzten.

Alles ganz schön lange her. Aber auf der Hamburger Sternschanze oder am Prenzlauer Berg in Berlin begegnet man diesen Berufsjugendlichen noch immer, die sich weigern, das Mountainbike abzustellen und den Hoodie gegen ein gebügeltes Oberhemd zu tauschen.

Doch selbst solche urbanen Hipster, mögen sie noch so sehr ihren Zauberwürfeln und Panini-Sammelbildern hinterhertrauern, schuften längst von morgens bis abends in hochbezahlten Top-Jobs, statt sich bei McDonald's hinterm Tresen zu langweilen. Herumhängen war gestern.

Stellt sich die Frage, wer sich "Clerks 2" eigentlich ansehen soll? Smith, 37, und seinen Laiendarsteller-Buddys dabei zuzusehen, wie sich weigern, gemeinsam mit ihrem Publikum erwachsen zu werden, macht auf Spielfilmlänge keinen Spaß. Dabei hätte man über die in die Jahre kommende Generation X durchaus eine hintersinnige Coming-of-Age-Komödie drehen können.

Stattdessen nutzte der von Miramax-Boss Harvey Weinstein protegierte Filmemacher sein stattliches Fünf-Millionen-Dollar-Budget lediglich dazu, sein leidlich originelles Stilprinzip - Sex-Witzchen und Dilettantismus - als Kunstform auszugeben. Das war vor dreizehn Jahren charmant und "camp". Heute fühlt man sich so peinlich berührt, als hätte man einen guten alten Kumpel dabei erwischt, wie er mit knapp Vierzig noch am Daumen und lutscht und sich dabei wahnsinnig lässig vorkommt. Würde nicht immerhin die stets zauberhafte Rosario Dawson mit Talent und Professionalität glänzen, "Clerks 2" wäre unerträglich.

Dabei schien sich Kevin Smith, der nebenbei Storys für Superhelden-Comics wie "Green Arrow" oder "Daredevil" schreibt, als Filmemacher nach dem totalen Pennälerhumor-Desaster von "Jay und Silent Bob schlagen zurück" (2001) in durchaus ernsthaftere Gefilde zu bewegen: Die Romanze "Jersey Girl" mit Ben Affleck und Liv Tyler verschreckte zwar Smiths Stammpublikum mit leisem Witz und kaum verhohlenen Hollywood-Kitsch, erinnerte in ihren besten Momenten jedoch an Smiths bis heute besten Film "Chasing Amy" (1997), in dem der Regisseur seine Trennung von Hauptdarstellerin Joey Lauren Adams verarbeitete. Doch so erwachsen "Jersey Girl" wirkte, so pubertär kommt nun "Clerks 2" daher.

Und der Furzkissen-Spaß geht wohl noch weiter: Für 2008 droht Smiths Produktionsfirma View Askew mit einem Horrorfilm namens "Red State" sowie mit "Zack and Miri make a Porno", eine Komödie über ein paar Jungs, die nicht erwachsen werden wollen und kurz vor ihrer Highschool-Reunion eine Pornofilmgesellschaft gründen.

Scheint, als hätte sich Smith ganz gut eingerichtet im Provinz-Mief von New Jersey und in seiner Rolle als ehemaliges Wunderkind des Independent-Kinos, das genug Geld verdient, um damit zu machen, was ihm gefällt. Ihm und natürlich jenem größtenteils männlichen Publikum, das Spaß daran hat, wenn Filmfiguren sich minutenlang erbittert darüber streiten, was besser ist: die "Herr der Ringe"- oder die "Star Wars"-Trilogie".

Die Rache der Nerds, bei Kevin Smith findet sie einen willigen Vollstrecker.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik Kino

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP