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12.07.2007
 

Berlusconi-Satire "Der Italiener"

Zahnloser Kaiman

Von Birgit Glombitza

Mit über einem Jahr Verspätung kommt Nanni Morettis Berlusconi-Satire "Der Italiener" in die deutschen Kinos. Schwierig, noch die richtige Stimmung für einen Film aufzubringen, dessen Hauptfigur längst ins politische Panoptikum gehört.

Die Erwartungen waren groß. Riesig sogar, als Nanni Moretti, Symbolfigur der linken Intellektuellen Italiens und Mitbegründer der außerparlamentarischen Protestbewegung Girotondo ankündigte, einen Film über den Mann zu drehen, der als Medienmogul, "Forza Italia"-Anführer und Ministerpräsident alles daran setzte, aus dem Stiefelstaat eine Bananenrepublik zu machen.

Ein Teil Italiens schien vor der Premiere, die Moretti pünktlich zum Wahlkampf im Frühjahr letzten Jahres ansetzte, vor Spannung förmlich den Atem anzuhalten. In Erwartung einer bitterbösen, pechschwarzen und krachend komischen Anti-Berlusconi-Satitre. Genau das aber ist "Der Italiener" oder "Il Caimano", wie der Originaltitel heißt - in Anspielung auf einen populären Schimpfnamen für den Medienunternehmer und Politiker - nicht geworden.

Morettis Kaiman, der mit sagenhaften 370 Kopien und damit vermutlich kolossaler als jeder "Herr der Ringe"-Teil in Italiens Kinos startete, kommt erstaunlich zahnlos daher. Vom vorfreudig erhofften Schurken, den sich manche als chirurgisch verzerrten Homunculus vorgestellt haben mögen, mit verrutschten Haarimplantaten, kreideweiss polierten Zähne und stramm gezurrten Augenpartien, ist zunächst einmal gar nichts zu sehen. Seine Machenschaften und Verstrickungen werden als Konsenswissen im Publikum vorrausgesetzt und hier lediglich als Film im Film mit der restlichen Handlung verwoben.

In Italien, wo der Film in finanzieller Hinsicht ein großer Erfolg wurde, nahm Kritik und Publikum dies mit gemischten Gefühlen auf. Und das ist jetzt immerhin schon anderhalb Jahre her! Die Führung Italiens hat längst andere Namen und Probleme. Wie aber soll man sich heute in Deutschland, dank einer verschnarchten Vertriebs- und Verleihpolitik noch einmal mit einer passenden Grundstimmung zu einem Film einfinden, dessen Bösewicht bereits zum politischen Panoptikum gehört?

Filmreifer Trash

Was bleibt, ist die Neugier auf den unnachahmlichen Nanni-Moretti-Kosmos. Auf diese geistreich assoziativen Vermischung von Familie, Politik und Kino, wie man sie spätestens seit seinem Tagebuchfilm "Aprile" (1989) und seinen genüsslichen Kommentaren zur den politischen Wirren Mitte der neunziger Jahre, (also jener Zeit, in der auch Berlusconi auf der Politbühne erschien), schätzt.

In "Der Italiener" dreht sich alles um den B-Movie-Produzenten Bruno Bonomo, den Morettis Lieblingsschauspieler Silvio Orlando als ebenso quirligen wie melancholischen Cineasten verkörpert. Ein liebenswerter Chaot, der seinen Kindern vorm Einschlafen mit großem Engagement bezaubernden Trash erzählt und selbst nur hilflos zusehen kann, wie seine Frau ihn sanft, aber nachdrücklich aus der Wohnung und einem gemeinsamen Leben schiebt. So schläft, isst und arbeitet Bruno in seinem heruntergewirtschafteten Büro und hängt den Zeiten nach, in denen eigene Produktionen mit so klingenden Titeln wie "Maciste gegen Freud" oder "Die Killerpantoffeln" ihm und seiner Frau und Lieblings-Hauptdarstellerin ein gutes Auskommen sicherten.

Ein Historienfilm über Christoph Kolumbus soll die Wende bringen. Ganz so, als gelte es, Amerika und die Erfolgsformel der Unterhaltungsindustrie noch einmal zu entdecken. Doch dann flattert dem Gebeutelten das Skript der ehrgeizigen Jungregisseurin Paola (Margherita Buy) in die Hände. Ohne es richtig gelesen zu haben, glaubt Bruno einen aufregenden Wirtschaftskrimi in den Händen zu halten. Eine Mischung aus Mafia, Politik, Korruptionsskandalen und Klatsch eben.

Als der Produzent, der sein Leben eigentlich den Erzählungen von kühnster und absurdester Weltflucht gewidmet hatte, merkt, dass es bei dem spannenden Stoff um niemand anderen als Berlusconi geht, lässt sein plötzlich politisch moralisches Herz ihm schon keinen Rückweg mehr frei. "Aber ich hab' ihn doch selbst gewählt", lautet seine letzte schwache Abwehr, bevor er sich aufmacht, einen publikumsträchtigen Berlusconi-Darsteller (Michele Placido spielt den Star wunderbar näselnd als eitle und korrupte Diva) unter Vertrag zu nehmen. Natürlich springt der im letzten Moment ab, genau wie zuvor der potentielle Geldgeber RAI, Berluscconis TV-Sender. Immer wieder droht das Projekt zu scheitern. Doch Bruno macht weiter, als wisse er zum ersten Mal in seinem Leben, worauf es ankommt.

So viel Reifung, so viel Moral und politisches Selbstverständnis muss sein in einem Film, der sich über weite Strecken leider in dem schwachen Abglanz eines üblichen Nanni-Moretti-Films verliert. Fahrig und blass bleibt "Der Italiener", der sich zwischen all seinen Erzählangeboten nicht entscheiden kann. Die Ehekrise, das lesbische Familienleben der Regisseurin Paola, der ganze Salat mit den Darstellern, schließlich Berlusconi selbst, der leibhaftig nur in den Original-TV-Sequenzen auftaucht, in denen er den deutschen Europaabgeordneten Martin Schulz auffordert, er könne ja den Kapo in einem KZ-Film spielen.

Am Ende übernimmt Moretti selbst den Berlusconi-Part. Ohne sich auf eine optisch Ähnlichkeit zu trimmen, imitiert er nur dessen scharfkantige Aussprache, die pathetische Mimik und die großen Gesten. Von dieser schnörkellosen Klarheit hätte man sich mehr gewünscht. Doch da schläft Bruno, von allen Kreditgebern in die Enge getrieben, schon längst in den zusammengezimmerten Kulissen seines Films. Die schönste und sinnfälligste Szene des ganzen Films.

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