"Der will doch eigentlich eine Frau sein", mutmaßte kürzlich ein sehr geschätzter Kollege über Quentin Tarantino. Tatsächlich könnte man das glauben, so liebevoll, wie der enigmatische US-Regisseur seine weiblichen Charaktere inszeniert. In "Jackie Brown" setzte er der wohlproportionierten Blaxploitation-Ikone Pam Grier ein Denkmal, in "Kill Bill" inszenierte er Uma Thurmans Füße vor dem Hintergrund eines Rape-and-Revenge-Dramas.
Szene aus "Death Proof" (mit Mary Elizabeth Winstead): Und ewig lockt das Weib
In "Death Proof", seinem jüngsten Werk, versucht Tarantino nun, in die geheime Welt der Mädchencliquen einzudringen. Natürlich geht es vordergründig um die rasante, sexuell konnotierte Verfolgungsjagd zwischen zwei kraftstrotzenden Muscle Cars, und natürlich ist der ganze Film - wie immer bei Tarantino - ein Flohmarkt für Filmkritiker, die in den zahlreich verstreuten Zitaten den ganzen Kanon des amerikanischen Exploitation-Kinos verorten können - von der Trucker-Ballade "Convoy" bis zu Russ Meyers "Megavixens".
In der zweiten Hälfte des Films rächt sich eine andere Mädchen-Gang quasi für das Leid, das Stuntman Mike den anderen Frauen angetan hat. Mit einem weißen Dodge Challenger von 1970, demselben Traumgefährt, mit dem Barry Newman im berühmten Autofetischistenfilm "Vanishing Point" durch die USA rast, nehmen sie den nachtblauen Charger des Mega-Misogynisten aufs Korn - was in oben erwähnter Verfolgungsjagd mündet, die zum aufregendsten gehört, was man in diesem Subgenre seit "Ronin" (1998) im Kino gesehen hat.
Doch in Wahrheit geht es nicht um die Action, nicht um die mal wieder gnadenlos zur Schau gestellte Gewalt. In Wahrheit will Tarantino wissen, was junge Frauen reden, wenn sie unter sich sind, will teilhaben an diesem klandestinen Talk, bei dem Männer draußen bleiben müssen. Zu den längsten Szenen des Films gehört jene am Anfang, in denen die Kamera von außen ins Innere eines Wagens filmt und dabei die Girls "belauscht", die sich ausführlich über Dates mit Jungs austauschen und über nicht anwesende Freundinnen lästern.
Auch in der zweiten Hälfte gibt es so eine Sequenz, sie spielt in einem altmodischen Diner und erinnert an die Frühstücks-Szene aus "Reservoir Dogs" mit Tarantinos berühmter "Madonna-Speech". Aber während die Kamera den Männern fast auf dem Schoß sitzt, filmt sie die Mädchen aus der Distanz und kreist in einer atemberaubenden Fahrt langsam um den Tisch, als wäre der Kameramann (bei "Death Proof" übrigens Tarantino selbst) ein Stalker, der sich mit weit aufgerissenen Augen und Ohren um Unauffälligkeit bemüht.
Diese mit - größtenteils redundanten - Dialogen überfrachteten Szenen wurden vielfach kritisiert, weil sie lang sind, das Fortkommen der Handlung behindern und gänzlich unnötig erscheinen. Gerade hier offenbart sich aber eine zuvor noch nie so deutlich gezeigte, sehr persönliche Sehnsucht Tarantinos, der als Kind von seiner Mutter oft im Schmuddelkino an der Sraßenecke abgeladen wurde, wo er sich stundenlang mit hitzigen Männer-Ritualen vollknallte, während er sich eigentlich nur Zuneigung wünschte.
Die Wiedergängerinnen der toughen "Bride" aus "Kill Bill" sind natürlich die deftig vor sich hin fluchende Stuntwoman Kim (Tracie Thoms) und ihre Freundin Zoe (Zoe Bell, die Uma Thurmans Body Double in "Kill Bill" war): Wenn diese beiden Chicks der narbigen alten Klapperschlange Russell mit gleicher Münze und PS-Stärke heimzahlen, was er im Namen der Männlichkeit verbrochen hat, dann weiß man, welches Geschlecht Tarantino für das stärkere hält. Man kann den ganzen Film auch als Entschuldigung für alle schwitzig-schmutzigen Männerphantasien lesen, die jemals durch Tarantinos Kopf-Kino geisterten.
Richtig Sex hat hier natürlich niemand. Nicht die Boyfriends, die in der ersten Hälfte, als sich die Mädchen in einem Roadhouse zum Feiern treffen, um die Gunst ihrer Gefährtinnen buhlen, und schon gar nicht der etwas feiste, debil grinsende Barmann, den Quentin Tarantino gläserputzend selbst verkörpert. Und auch Stuntman Mike lebt seine Libido lieber auf der Straße mit seinem mächtigen Boliden aus als zwischen den Laken. Die Frauen sind nur Verheißung, nur vages Sex-Versprechen. In der Art, wie Tarantino seine Frauen inszeniert, verbirgt sich Anbetung, aber auch Respekt. Und in Respekt schlummert immer auch ein bisschen Angst.
"Death Proof" ist daher das längste Vorspiel, das man im Kino je gesehen hat. Ein bisschen lockert sich der Triebstau nach dem kathartischen car chase am Schluss, aber eben nur ein bisschen. Das Unerreichbare der holden Weiblichkeit bleibt bestehen, todsicher.
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