Von Wendelin Hübner
Es sind zwei kurze Filmsequenzen, die viel darüber aussagen, welchen Stellenwert Handball hierzulande hat: Als die deutsche Handball-Nationalmannschaft im Januar zum WM-Eröffnungsspiel reist, erwartet sie in Berlin gerade mal eine Handvoll Fans; als sie aber gut zwei Wochen später in Köln aus dem Bus steigt, ist die Mannschaft fast ein bisschen erschrocken, was für ein Spektakel mehrere tausend Fans vor der Halle veranstalten. Der Film "Projekt Gold", der seit gestern bundesweit im Kino läuft, dokumentiert, wie das deutsche Team vom Außenseiter zum Weltmeister reifte – und damit Anfang des Jahres eine so große Euphorie um den Sport auslöste, dass er es aus dem langen Schatten des Fußballs heraus schaffte. Wenigstens für ein paar Wochen.
"Der Handball hat eine größere Wertschätzung verdient", sagt Frank Stephan Limbach, der Produzent. Die Idee für das Filmtagebuch kam dem Frankfurter schon vor fünf Jahren. Als er 2002 zum EM-Finale nach Stockholm fährt, überwältigt ihn die Atmosphäre dort so sehr, dass er das Gefühl hat "etwas machen zu müssen". Einen Handballfilm nämlich. In der Filmbranche stößt Limbach, früher selbst Handballer, mit seinem Plan freilich auf wenig Gegenliebe. Sportfilme sind wenig lukrativ, und dann auch noch der Randsport Handball? Limbach muss sein Projekt aus eigener Tasche bezahlen. Dafür findet er in Winfried Oelsner einen Regisseur, der sich sofort für seine Idee begeistert. "Ich fand es spannend, dem nachzugehen, wie sich eine Mannschaft auf ein Turnier vorbereitet, was in der Kabine passiert, was Hierarchien bedeuten", sagt Oelsner.
Klar, wer "Projekt Gold" sieht, muss sogleich an das "Sommermärchen" denken, Sönke Wortmanns Dokumentation der Fußball-WM, die im vergangenen Herbst erfolgreich im Kino lief. Thema und Dramaturgie sind sich einfach zu ähnlich. Auch "Projekt Gold" beginnt mit ulkigen Gymnastikbändern im Trainingslager und Sportlern, die auf Hotelbetten und Massagebänken liegen und sinnieren, was "die WM im eigenen Land" für sie bedeutet. "Turniere laufen nun mal nach dem immer gleichen Schema ab", sagt Oelsner. "Uns war daher klar, dass es Parallelen zum 'Sommermärchen' geben würde. Was uns aber lieber war, als zwanghaft etwas anderes zu machen."
Doch es sind genau diese Spielerinterviews, die Bilder aus der schmuddeligen Kabine, die "Projekt Gold" letztlich zu einem intensiveren Film als Wortmanns Nationalelf-Exegese machen: Oelsners Kameras sind so nah dran an den Spielern, dass sich der Zuschauer mit deren Charakteren identifiziert. Er sieht Sportler mit Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen, authentische, einfache Kerle. Anders als Wortmann haben Limbach und Oelsner das Glück, es mit allürenfreien Handballern zu tun zu haben - und nicht mit grell ausgeleuchteten Fußball-Profis.
Der Trainer als Klassenlehrer
Trainer Heiner Brand und die Spieler Henning Fritz, Markus Baur, Michael Kraus und Christian Schwarzer sind die Protagonisten des Films. "Das hat sich durch unser Filmmaterial so ergeben", sagt Limbach. So leidet der Zuschauer mit Schlussmann Fritz, der weiß, ob er einen Ball gehalten hat, "wenn es am Körper brennt". In seinem Verein nur Reserve, reist Fritz mit großen Selbstzweifeln zum Turnier. Doch dort "brennt" es dann gehörig, Fritz wird zum großen Rückhalt, zum Helden. Wie der melancholische Torhüter dabei sein Lachen wiederfindet, ist rührend anzusehen.
Amüsant dagegen ist, wie Brand in bester Klassenlehrer-Manier gutmütig eine missglückte Zugreservierung geradebiegt. Und später ganz ungemütlich seine Spieler zurechtstutzt, weil sie am späten Abend vor dem Slowenien-Spiel noch fettige Pizza futtern: "Das ist eine Jugendmentalität vor dem vielleicht wichtigsten Spiel der Karriere." Bei Brands Jungs kommt die Botschaft an, sie gewinnen hinterher alle Partien.
Die Szenen, die die Spiele nacherzählen, sind packend, keine Frage: Dynamik, Tempo und Härte des Sports sind grandios eingefangen. Doch dass sich im Handball Torszene an Torszene reiht, ist für den Film nicht nur von Vorteil. Wortmanns "Sommermärchen" lebte von den seltenen Höhepunkten kollektiver Gänsehaut. Jeder erinnert sich lebhaft, mit welchem Kumpel er vergangenen Sommer beim Elfmeterschießen gegen Argentinien gezittert hat. Doch wer weiß schon noch, was er während des Halbfinal-Krimis der Handballer gegen Frankreich getan hat?
Ob der Film, der ganz ohne Pathos auskommt, auch nur annähernd an den Erfolg des Fußball-Films anknüpfen kann, ist mehr als fraglich. Das "Sommermärchen" hatte vier Millionen Kino-Besucher, über zehn Millionen sahen zu, als er kurz darauf in der ARD lief. Fußball zieht immer, aber Handball? "Der WM-Triumph war ein historisches Ereignis", sagt Produzent Limbach. "Ich hoffe, dass der Film sein Publikum findet."
Übrigens: Für den "Sommermärchen"-Vergleich sorgen die Handballer schon selbst. Pascal "Pommes" Hens ruft vor dem gewonnen Finale beschwörend: "Der Klinsi hat's schon mal gesagt, wir klatschen die Polen durch die Wand!"
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