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04.08.2007
 

Comic-Verfilmungen

Spider-Mans kaputte Brüder

Aus San Diego berichtet Nina Rehfeld

Die Comic-Verfilmung droht im Gewitter der Spezialeffekte unterzugehen. Zum Glück versprechen zwei neue Marvel-Adaptionen subtile Plots und komplexe Charaktere. Bei der Comic-Con-Ausstellung in San Diego wurden "Iron Man" und der neue "Hulk" vorgestellt.

Mit ungeniert pubertären Actionspektakeln wie "Fantastic Four", albernem Trash wie "Ghost Rider" oder auch Michael Bays gigantomanischen "Transformers" scheint Hollywood das Genre der Comic-Adaptionen bereits kurz nach seiner ersten Blüte dem Ausverkauf preisgeben zu wollen. Umso mehr überraschte auf der Comic-Con in San Diego der Ausblick auf zwei neue, groß angelegte Marvel-Adaptionen von Paramount, die mehr subversiven Indie-Charakter versprechen als zu hoffen war: Jon Favreaus "Iron Man" und die Neuverfilmung des "Hulk" mit Edward Norton in der Hauptrolle.

"Iron Man ist Rock'n'Roll, Mann!", rief der Schauspieler und Regisseur Jon Favreau ("Elf", "Zathura") in den mit 6700 Besuchern vollbesetzten Saal H des Convention Center in San Diego. Überraschend präsentierte der Regisseur auf der weltweit größten Messe der Comic-Fans einen mehrminütigen Ausschnitt aus seinem Film, untermalt von aggressivem Hardrock von Black Sabbath und AC/DC: "Es heißt, die beste Waffe sei eine, die man niemals abfeuern muss", sagt Hauptdarsteller Robert Downey Jr. mit aalglatter Arroganz vor imposanter Bergkulisse und einer Gruppe markiger Männer in Armeeuniformen. "Aber mit Verlaub: Die beste Waffe ist die, die man nur ein einziges Mal abzufeuern braucht - so hat es Dad gemacht, so macht es Amerika, und bisher hat's ganz gut geklappt!"

Tony Stark, der "Iron Man", Stan Lees Marvel-Superheld aus dem Kalten Krieg, der mit einem Splitter im Herzen und einem stählernen Superwaffen-Anzug gegen den Kommunismus zu Felde zog, ist eine seltsam unverblümte Inkarnation des hässlichen Amerikaners: Milliardenerbe, Waffenhändler und Playboy, den eine Überheblichkeit auszeichnet, die mühelos für die Geisteshaltung mancher zeitgenössischer US-Politiker Pate hätte stehen können. Diese Figur ausgerechnet jetzt ins Kino zu bringen, da sich die amerikanische Übermachts-Strategie im Irak als Desaster erwiesen hat und die dreiste Arroganz der Administration Bush für innenpolitische Unruhe sorgt, ist allemal ein gewagtes politisches Statement.

"Wollt ihr ihn nochmal sehen!?"

So, wie Favreau seinen "Iron Man" in San Diego vorstellte, spart der Film, der im Mai nächsten Jahres anlaufen soll, nicht an Sarkasmus. Er zeigt Stark unter anderem in einem kurzen Schlagabtausch mit einer "Vanity Fair"-Reporterin im Glamourlicht: "Was sagen Sie dazu, dass man Sie den neuen Da Vinci nennt?" Stark: "Lächerlich. Ich male nicht." Sie: "Und wie ist es mit Ihrem anderen Spitznamen, Händler des Todes?" Stark: "Das ist nicht schlecht." Er zeigt Stark unter Granatbeschuss in einem Humvee im Irak, Stark auf einem Feldbett in einer Höhle mit einem Granatsplitter im Herzen und einem Elektromagneten über der Brust, Stark in seiner allerersten "Iron Man"-Uniform im Kampf gegen schwerbewaffnete Angreifer, schließlich in seinem rotgoldenen, bei Comic-Fans wohlbekannten Exoskelett, im Flug zwischen zwei Düsenjets.

Aller Blockbuster-Vorzeichen ungeachtet war das "Iron Man"-Panel schon im Vorfeld das zentrale Ereignis der diesjährigen Comic-Con. In den Straßen der südkalifornischen Stadt paarten sich die Veranstaltungsplakate an Laternenmasten und Straßenschildern mit "Iron Man"-Postern. Das Panel selbst, an dem außer Favreau und Downey Jr. auch Hauptdarstellerin Gwyneth Paltrow und Marvel-Veteran Stan Lee teilnahmen, war schon Tage zuvor ausverkauft.

Favreau selbst konnte seine Erregung darüber, dass er der Öffentlichkeit die ersten Bilder aus seinem Film präsentieren konnte, kaum im Zaum halten. Gleich zweimal ("Wollt ihr ihn nochmal sehen?") und unter frenetischem Jubel spielte er den elektrisierten Fans den Trailer vor, ein Musterbeispiel gelungenen Zielgruppenmarketings.

Dabei warten die Comic-Fans bereits seit mehr als zwei Jahren auf die Leinwand-Version von Tony Stark, nachdem 2004 Gerüchte kursierten, dass Tom Cruise in den Stahlanzug schlüpfen würde und New Line Cinema ankündigte, Ende 2005 eine Verfilmung unter der Regie von Nick Cassavettes ("Alpha Dog") ins Kino zu bringen. Doch das Projekt kam nicht zustande, die Rechte fielen zurück an den Marvel-Konzern, der sich bald darauf mit Paramount auf ein Budget und ein Drehbuch einigte, an dem unter anderem "Children of Men"-Autor Mark Fergus mitwirkte.

Der Hulk als griechische Tragödie

Überraschungen könnte auch ein weiteres Comic-Projekt von Paramount bereithalten, denn das Studio hat auch eine weitere Filmversion des Marvel-Helden "The Incredible Hulk" im Gepäck. Das Projekt - der Filmstart ist für Juni 2008 geplant - wurde bislang eher von Skepsis als von hohen Erwartungen begleitet, nachdem Ang Lees Kinoversion des grünen Wüterichs von 2003 die Kritik gespalten hatte und beim Publikum durchgefallen war - und die geplante Fortsetzung bar jeder Nachfrage schien.

Mit Charaktermime Edward Norton ("Fight Club") als Hauptdarsteller erhielt das Projekt, von dem es in San Diego lediglich ein einziges, düsteres Standbild zu sehen gab, jedoch einen ganz neuen Reiz. "Das überraschendste Superhelden-Casting seit bekannt wurde, dass Robert Downey Jr. in den Panzer von 'Iron Man' steigen will", staunte Hollywoods Klatschblatt "Defamer".

Und damit nicht genug: Wie Norton auf der Comic-Con bekannte, hat er außerdem das Drehbuch zu der Neuverfilmung verfasst und die Geschichte als klassische mythische Saga neu konzipiert. Für ihn als "Marvel-Kid", so Norton, habe sich die Hulk-Story stets "auf die Tradition der griechischen Mythologie und ihre Verweise auf die Unterdrückung innerer Dämonen" bezogen. Die Fortsetzung ist also vom Tisch, Marvels Chef Kevin Feige stellte klar, dass es sich mit dem Film um "Teil eins, den Beginn einer ganz neuen Hulk-Saga" handele.

Nortons Bedingung für seine Mitarbeit an dem Film war nach eigenen Worten die Zusicherung, "beide Rollen spielen zu dürfen", also sowohl den Wissenschaftler Dr. Bruce Banner, als auch das grünhäutige Ungetüm Hulk, in das sich dieser verwandelt. Der 38-Jährige, nicht gerade ein Muskelprotz, räumte ein, viele staunende Blicke geerntet zu haben, als er sein Interesse an dem Film signalisierte.

Dass Superhelden-Filme ihren Sex-Appeal in Hollywood durchaus noch nicht verloren haben, lässt sich an der beeindruckenden Besetzung der beiden Filme ablesen. "Iron Man" kann neben Paltrow Downey Jr. mit Samuel L. Jackson, Jeff Bridges und Hilary Swank aufwarten. Für "The Incredible Hulk" stehen Liv Tyler, Tim Roth als "Abomination" und William Hurt als General "Thunderbolt" Ross auf der Besetzungsliste.

Für hämischen Klatsch sorgte in San Diego unterdessen das Studio Fox, das seine Filme kaum eine Woche vor Beginn der Comic-Con überraschend zurückzog – darunter Doug Limans Teenager-Superheld "Jumper" mit Hayden Christensen, die "Alien vs. Predator"-Fortsetzung und der Science-Fiction-Thriller "Babylon A.D." mit Vin Diesel.

Zur Begründung sagte ein Fox-Sprecher knapp: "Die Filme sind noch nicht fertig." Und das bei einer Veranstaltung, auf der die Studios - siehe Paramount – notfalls auch Standbilder zeigen, Disney sich nicht scheute, eine grauenhaft krude animierte Sequenz aus "Narnia: Prinz Kaspian" über die Schirme laufen zu lassen - und Pixar zu einer phantasievollen Präsentation des Roboter-Films "Wall-E" in Ermangelung von Bildern einfach den Sound-Designer Ben Burtt auf die Bühne stellte. Der schuf einst die Piep- und Krächzgeräusche des "Star Wars"-Roboters R2-D2.

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