Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
16.08.2007
 

"Am Ende kommen Touristen"

Auschwitz mit Aussicht

Von Christian Buß

Wie lebt es sich im Schatten des Völkermords? In Robert Thalheims "Am Ende kommen Touristen" erlebt ein Zivi in der Gedenkstätte Auschwitz seine erste Liebe. Ein wundersam unaufgeregter Film über die Widersprüche des Erinnerns.

Der junge Deutsche ist ein wenig enttäuscht. Mit einer Gruppe von Lehrlingen nimmt er an einem Zeitzeugengespräch teil, bei dem ein ehemaliger KZ-Insasse von Auschwitz erzählt, doch die eintätowierte Häftlingsnummer auf dem Arm des polnischen Holocaust-Überlebenden ist fast nicht mehr zu sehen. Da hat der Halbwüchsige dann irgendwie Probleme mit dem Gedenken an den Massenmord. "Ich habe mir die Nummer nicht erneuern lassen", raunt nun beinahe entschuldigend der alte Mann, der dem Genozid nur knapp entkommen ist.


Der junge deutsche Regisseur Robert Thalheim hat mit "Am Ende kommen Touristen" einen wundersam unaufgeregten Film über die Paradoxien des Erinnerns gedreht. Es gibt sogar Momente von leiser Komik, das Lachen ist hier legitim und muss einem auch nicht im Halse stecken bleiben. Ausgerechnet die Gedenkstätte Auschwitz, dieser durchinstitutionalisierte Erinnerungsraum, wird von Thalheim mit Leben samt all den dazugehörigen widerstreitenden Emotionen gefüllt.

Erzählt wird aus der Perspektive von einem, der eigentlich gar nicht weiß, was er hier soll. Zivi Sven (Alexander Fehling) hätte lieber eine Stelle in einem alternativen Jugendzentrum in Amsterdam angenommen, doch nun hat es ihn in die Gedenkstätte verschlagen. Seine Hauptaufgabe ist die Betreuung des Holocaust-Überlebenden Krzeminski (Ryszard Ronczewski), der tagsüber bei Zeitzeugengesprächen jungen Schulklassen von seinen KZ-Erlebnissen berichtet und abends die Koffer ermordeter Juden für den Ausstellungsbereich restauriert.

VIDEOS ZUM FILM

Foto: X-Verleih/Warner Bros.
Am Ende kommen Touristen
Trailer und Ausschnitte
  • Filmausschnitt: "Sven kommt nach Oswiecim"
  • Filmausschnitt: "Die Kofferausstellung"
  • Filmausschnitt: "Beim Kartenspiel"
Krzeminski könnte gut auf Gesellschaft verzichten, und am allerwenigsten braucht der ehemalige KZ-Insasse einen deutschen Jungen, der auf ihn aufpasst. Doch beide haben nun mal einen Job zu erledigen, und so fährt der Zivi seinen Klienten zwischen Gymnastikterminen und Zeitzeugengesprächen hin und her. Im Auto muss Sven auf Geheiß des alten Polen die Kassette mit den deutschen Liedern von Schubert laut aufdrehen, während der junge Deutsche doch selbst lieber polnische Punkmusik hören würde. Kann es da Verständigung geben?

Regisseur Thalheim, der Mitte der neunziger Jahre selbst seinen Zivildienst an dem Ort des einstigen Vernichtungslagers absolvierte, macht nicht den Fehler, seinen Erinnerungsfilm zu einem Buddy-Movie aufzupeppen. Der ehemalige KZ-Häftling und sein deutscher Betreuer bleiben sich fremd; das durchlebte Grauen des einen schafft eine Distanz, die vom anderen nicht zu durchbrechen ist.

Doch als für den Zivi der Gedenkbetrieb und das Leben miteinander verschmelzen, tut sich auf einmal eine neue Dimension der Genozid-Verarbeitung auf. Auschwitz, das ist für Sven ja nicht nur der museale Erinnerungsraum, sondern auch die polnische Stadt Oswiecim, und da gibt es, wenn auch in überschaubarem Rahmen, Punkkonzerte, Biertresen und hübsche Mädchen.

Über tradierte Bilder hinaus

Beachtlich, wie es Thalheim gelingt, sich trotz des schwierigen Themas aus der tradierten KZ-Emblematik zu lösen. Stacheldrahtzäune aus der Unterperspektive oder schockstarre Impressionen aus der Gaskammer, die bei Dokumentationen zum Thema ja meist weniger der Wissensvermittlung dienen als der Emotionalisierung des Zuschauers, sucht man hier vergeblich. Stattdessen werden die bekannten Shoah-Motive wie nebenbei, aber niemals fahrlässig in eine etwas andere Entwicklungsgeschichte integriert.

So lernt Sven ausgerechnet vor dem Kiosk mit den Postkartenständern auf dem ehemaligen Versammlungsplatz des KZ die gleichaltrige Ania (Barbara Wysocka) kennen. Später, als sich die beiden verliebt haben, fahren sie auf einer Radtour ausgelassen an der Befestigung des einstigen Lagers vorbei, und unten am alten Wachturm holen sie sich bei einem Obststand Wassermelonen. Bei der amourösen Erkundung der Gegend werden sie aber auch mit unoffiziellen Holocaust-Rückständen konfrontiert, zum Beispiel radelt das Liebespaar durch ein ganz normal aussehendes Dorf, in dem lediglich ein Beton-Rest auf einer Wiese darauf verweist, dass an dieser Stelle einmal das Lager Auschwitz II gestanden hat.

In "Am Ende kommen Touristen" dient die Topographie des Grauens als Hintergrund einer etwas anderen Entwicklungsgeschichte. Das klingt riskant, wird vom Regisseur aber mit geschickter Hand zum komplexen psychologischen Drama geformt. Denn wer es ernst meint mit dem Gedenken an den Genozid, muss eben auch diese Frage zulassen: Wie lebt es sich eigentlich im Schatten des schrecklichsten Verbrechens der Menschheitsgeschichte?

Offenes Kunstwerk

So durchbricht Thalheim auch die üblichen Inszenierungsgebote des deutschen Films, in dem Geschichte, zumal die des Dritten Reiches und seiner Vernichtungsmaschinerie, meist als etwas Abgeschlossenes und Bewältigtes ins Bild gesetzt wird. Es ist ja erstaunlich, dass es den Machern von NS-Dramen so schwer fällt, einen Bogen von der Vergangenheit ins Hier und Jetzt zu schlagen. Wo aber bleibt in den Holocaust- und NS-Fabeln samt ihrer festen Erzählmuster das erinnernde Individuum?

Irgendwo zwischen verordneter Holocaust-Bewältigung und individuellem Gedenken aber, so legt Thalheims unkonventionelles Adoleszenzdrama nahe, könnte der Schlüssel zu einem tiefer gehenden Geschichtsverständnis zu finden sein. So ist "Am Ende kommen Touristen", dieses zuweilen lustige und eigentlich kaum didaktisch zu nennende Unterfangen, eine echte Rarität in der Gedenkindustrie des deutschen Kinos: kein Kraftakt gegen das Vergessen, sondern ein kleiner lustvoller Film gegen das Verblassen der Erinnerung.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern