Von Daniel Sander
Ein Glück, dass es Cate Blanchett gibt. Die ist zwar gar nicht persönlich hier, hat aber mit ihrem Auftritt in "I'm not there" von Todd Haynes endlich mal allgemeine Euphorie ausgelöst. In dem abstrus-charmanten Filmexperiment spielt sie eine von sechs Bob-Dylan-Inkarnationen, und das macht sie mit so viel Verve und Herzblut, dass die anderen fünf (unter anderem Richard Gere, Heath Ledger und Christian Bale) irgendwann so blass wirken, dass man eigentlich ganz auf sie hätte verzichten können.
Der Film selbst ist dann doch eher etwas für bedingungslose Dylan-Verehrer als für den gemeinen Film-Fan. Wer sich ein bisschen auskennt, wird die verschiedenen Charaktere (der politische Folk-Sänger, der wiedergeborene Christ, der desillusionierte Rebell auf Drogen etc.) den einzelnen Phasen in Dylans Karriere zuordnen können, doch um alle Insider-Gags zu verstehen und sämtlichen Handlungsfäden folgen zu können, sind Experten gefragt.
Alle anderen können sich über einen ungewöhnlichen und mutigen Film freuen, dem etwas Ruhe und ein schlüssiges dramatisches Konzept fehlt. Und wenigstens die Musik dürfte so gut wie jedem gefallen, denn auf Bob Dylan können sich ja irgendwann ja eh alle einigen.
Weit weniger erfreulich war der italienische Wettbewerbsbeitrag "Il dolce e l'amaro" (etwa: "Das Süße und das Bittere") von Andrea Porporati. Filme über die Mafia sind in Italien immer relevant, doch Porporatis Porträt eines pseudo-liebenswerten sizilianischen Gauners, der in die Führungsebene der Cosa Nostra aufsteigt und schließlich wieder abstürzt, hat man in wesentlich fesselnderen Versionen schon unzählige Male gesehen.
Dass das Ganze auch noch mit einer TV-Ästhetik aus den achtziger Jahren und einem Frauenbild aus der Steinzeit daher kommt, spricht auch nicht für den Film. Es wird gemordet, sich verschworen, geraubt und vergewaltigt (für den Regisseur offenbar kein besonders grässliches Delikt, denn kurz nach dem Missbrauch schmiegt sich das Opfer schon wieder an ihren Mafioso) – und nie klärt sich auf, ob Porporati eine eher leichte Komödie oder ein vor Pathos triefendes Drama im Sinn hatte. Wie es dieser Film in den offiziellen Wettbewerb schaffen konnte, bleibt das Geheimnis von Festival-Chef Marco Müller.
Kiffen und kopulieren
Fragwürdig ist auch "Help me Eros" vom Taiwanesen Lee Kang Sheng, wobei der immerhin für reichlich aufgeregte Diskussionen gesorgt hat und damit wenigstens gegen die drohende Festival-Apathie ankämpft. Denn neben lauter kreativ in Szene gesetzten Sex-Szenen erlebt der Zuschauer, wie eine Badewanne voller Aale eine frustrierte Ehefrau über die Tatsache hinwegtrösten kann, dass ihr Mann schwul und zudem ein Transvestit ist. Sonst geht es meist um einen dank Wirtschaftskrise gescheiterten Ex-Aktien-Händler, der viel Marihuana raucht und dauernd bei der Telefonseelsorge anruft. Besonders gern sieht man ihm dabei nicht zu.
Vielleicht um dem schwelenden Missmut vorzubeugen, wurde dem Publikum heute Morgen dann doch noch ein besonderes Bonbon präsentiert. Nach der Vorführung der 3D-Fassung von "Nightmare before Christmas" von Tim Burton gab es ganze zehn Minuten aus Burtons brandneuem Film-Musical "Sweeney Todd" zu sehen. Darin spielt Johnny Depp an der Seite von Helena Bonham Carter einen von Rachegelüsten verzehrten Friseur, der neben Haaren auch gerne wichtige Blutgefäße schneidet. Viel versprechend.
Bei der späteren Pressekonferenz wurde Burton, der heute den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk verliehen bekommt, von den Journalisten wild umjubelt. Er wirkte etwas verlegen, mit seinem schüchternen Lächeln, den wirren schwarzen Haaren und der dunklen Sonnenbrille.
Ein bisschen sah er aus wie Bob Dylan.
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