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26.09.2007
 

Regisseur Fatih Akin

"Erst mit zwei Frauen wurde die Geschichte sexy"

Fatih Akin hat viel erreicht: Mit seinem Film "Auf der anderen Seite", der diese Woche anläuft, könnte der erst 34-jährige Regisseur einen Oscar gewinnen. Mit dem SPIEGEL sprach er über sein Verhältnis zu Fassbinder, türkische Gefängnisse und seine Liebe zu Istanbul.

SPIEGEL: Fatih Akin, mit Ihrem neuen Film "Auf der anderen Seite", für den Sie bei den Festspielen in Cannes den Preis für das beste Drehbuch erhielten, und der jetzt in das Rennen um die Oscars geschickt werden soll, werden Sie mit Rainer Werner Fassbinder verglichen. Eine der Hauptrollen spielt sein früherer Star Hanna Schygulla. Sind Sie der neue Fassbinder?

Regisseur Akin: "Ich arbeite ganz anders als Fassbinder"
DDP

Regisseur Akin: "Ich arbeite ganz anders als Fassbinder"

Akin: Der Vergleich mit Fassbinder verfolgt mich seit meinem ersten Film "Kurz und schmerzlos". Da hieß es, Mehmet Kurtulus, der aus dem Gefängnis kommt und nie wieder kriminell werden will, erinnere an Franz Biberkopf in Fassbinders "Berlin Alexanderplatz". Dabei hatte ich den Film noch nie gesehen. Ich bewundere Fassbinders Gesamtwerk sehr und halte einige seiner Filme wie "Die Ehe der Maria Braun" für echte Meisterwerke, aber ich arbeite ganz anders als er.

SPIEGEL: Wie denn?

Akin: Hanna Schygulla hat mir erzählt, dass Fassbinder seine Schauspieler gezwungen hat, sich genau an sein Drehbuch zu halten und nicht von den Dialogen abzuweichen. Bei mir darf jeder machen, was er will. Ich mag es, wenn die Schauspieler vom Wege abweichen, um ihre Figur zu finden. Deshalb brauche ich allerdings auch drei Jahre für einen Film. In der Zeit hat Fassbinder zehn Filme gedreht.

SPIEGEL: Bewundern Sie seine Produktivität?

Akin: Ich spüre, dass ich mehr Zeit habe. Fassbinder wusste, dass er jung stirbt, da bin ich ganz sicher. Und deswegen hat er in einem irren Tempo Film um Film gedreht. Für ihn gab es nur Schreiben, Regieführen und sonst nichts. Ich bin inzwischen Vater und weiß, dass es noch zwei, drei andere Dinge im Leben gibt, die mindestens so wichtig sind wie die Filmerei.

SPIEGEL: Als Fassbinder 1973 sein Melodram "Angst essen Seele auf" über die Liebe zwischen einem marokkanischem Immigranten und einer etwa zwanzig Jahre älteren deutschen Putzfrau drehte, war im allgemeinen Sprachgebrauch noch von "Fremdarbeitern" die Rede ...

Akin: ... und DER SPIEGEL titelte damals: "Die Türken kommen – rette sich, wer kann!" Hab' ich genau recherchiert: Juli 1973. Einen Monat später bin ich geboren.

SPIEGEL: Tja, nun seid ihr hier.

Akin: Genau, und nun erzählen wir unsere Geschichten nicht mehr vom Rand, sondern aus der Mitte der Gesellschaft.

SPIEGEL: Und doch beschreiben Sie in "Auf der anderen Seite" wie schon in Ihrem Film "Gegen die Wand" von 2004 genau die umgekehrte Emigration: Ihre Figuren brechen aus Deutschland in die Türkei auf. Ein türkischstämmiger Germanistik-Professor reist von Bremen nach Istanbul, eine junge deutsche Studentin, die sich in eine Türkin verliebt hat, zieht es von der Alster an den Bosporus.

Akin: Ja, ich weiß auch nicht, warum. Ich selbst fühle mich ja hier unglaublich wohl und verwurzelt. Würde ich meine Figuren nach Deutschland zurückkehren lassen, hätte das vielleicht etwas Endgültiges. Doch ich mag offene Enden, ich mag es, wenn die Geschichten weitergehen, nachdem der Vorhang gefallen ist.

SPIEGEL: Immer wieder zieht es Ihre Figuren nach Istanbul. Ist diese Stadt ein Sehnsuchtsort für Sie?

Akin: Das rührt aus meiner Kindheit her. Als ich klein war, sind wir von Hamburg aus mit der ganzen Familie den Autoput runtergegurkt, das hat drei, vier Tage gedauert. Als wir in Istanbul ankamen, fühlte ich mich wie nach einer halben Erdumrundung, wie in einer ganz anderen Welt. Heute ist Istanbul viel dichter herangerückt und deshalb für mich kein Sehnsuchtsort mehr, aber eine Stadt, in der sehr vieles möglich und immer alles in Bewegung ist.

SPIEGEL: Sind Sie in der Türkei ein Star?

Akin: Ja, wie ein Fußballer, wie ein Legionär, der in einem anderen Land die Tore schießt. Wenn ich mich durch Istanbul bewege, muss ich Zeit für die Fans einplanen.

SPIEGEL: Mehr als in Hamburg?

Akin: Klar, hier in Hamburg wahren die Menschen Distanz. Hier kennen mich auch viele, doch niemand spricht mich an. In der Türkei kennt kaum jemand meine Filme, aber jeder meine Visage. Da gibt's keine Hemmungen, da werde ich regelrecht überfallen. In der Türkei gehöre ich den Leuten.

SPIEGEL: Sehen Sie sich selbst als Galionsfigur türkischer Emanzipation?

Akin: Nein, auch wenn es mich natürlich freut, dass die Menschen in der Türkei stolz auf mich sind. Andererseits habe ich auch noch nichts gemacht, was die Türkei wirklich in ein schlechtes Licht gerückt hat. Ich habe noch nie ein Ei gelegt wie vorher Pamuk. Vielleicht kommt es mal dazu, vielleicht wird sich die Türkei aber auch so verändern, dass man keine Eier mehr legen kann.

SPIEGEL: Setzen Sie die Türkei vielleicht sogar in ein zu gutes Licht? Als einer Ihrer Helden in Deutschland ins Gefängnis kommt, wird er in eine düstere, schmale Einzelzelle gesperrt. In der Türkei dagegen zeigen Sie in einem Frauenknast helle, geräumige Gemeinschaftszellen, Volleyballspiele im Hof. Können wir von der Türkei den liberalen Strafvollzug lernen?

Akin: Wir haben lange in türkischen Gefängnissen recherchiert. Ich wusste genau, dass ich mir da keine Fehler und Ungenauigkeiten leisten durfte. Ich wollte unangreifbar sein und habe deshalb auch immer wieder mit Freunden von mir gesprochen, die tatsächlich in der Türkei aus politischen Gründen inhaftiert waren. Am Ende haben wir dann in einem Untersuchungsgefängnis in Istanbul gedreht. Was Sie im Film sehen, sind echte Gefangene und echte Wärter.

SPIEGEL: Und die Behörden haben keinen Einfluss genommen, nicht zensiert?

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