Akin: Nein, die waren nur am Anfang sehr misstrauisch. Alle sind dort noch immer traumatisiert von Alan Parkers Film "Midnight Express", der ein türkisches Gefängnis als Hölle auf Erden beschreibt, in der gefoltert und vergewaltigt wird. Der Film ist zwar schon fast 30 Jahre alt, aber vergessen hat den in der Türkei niemand. Er hat die türkische Seele voll erwischt.
SPIEGEL: Und dieses Bild von türkischen Gefängnissen wollten Sie nun korrigieren?
Akin: Nein, ich wollte ein realistisches Bild zeigen. Wir haben zum Beispiel kaum geleuchtet, sondern mit natürlichen Lichtquellen gearbeitet. Wir haben nicht versucht, die Türkei schöner zu machen, als sie ist. Wir zeigen ja auch, wie in Istanbul auf offener Straße jemand erschossen wird.
SPIEGEL: Was besonders schockierend wirkt, weil es am helllichten Tag geschieht.
Akin: Das war ein Versehen! Eigentlich sollte die Szene bei Dunkelheit spielen. Ich hab' nur beim Drehbuchschreibprogramm blöderweise die falsche Taste gedrückt, nämlich die für Tag. Dann habe ich zu spät bemerkt, dass sich das Team schon auf einen Tagdreh vorbereitet hatte, und ich konnte nicht mehr auf Nacht umdisponieren. Zum Glück, denn jetzt wirkt die Szene viel stärker, weil die Gewalt aus heiterem Himmel hereinbricht.
SPIEGEL: Verlangt die Türkei von Ihnen andere Bilder als Deutschland?
Akin: Absolut. Ich habe unglaublich viele Aufnahmen von Hamburg gedreht, ganze Bilderbücher voller Postkartenmotive – und fast alle weggeschmissen. Ich radle jeden Tag durch Hamburg, gehe hier zum Einkaufen, zum Arzt – ich habe keinen erzählerischen Blick mehr auf diese verflixte Stadt, obwohl ich sie liebe. In der Türkei dagegen habe ich das Gefühl, alles mit ganz anderen Augen zu sehen.
SPIEGEL: Im Gegensatz zu "Gegen die Wand", in dem Sie sich auf eine Liebesbeziehung konzentrieren, verknüpfen Sie in "Auf der anderen Seite" sechs Lebensgeschichten miteinander. Haben Sie sich da nicht ein bisschen viel vorgenommen?
Akin: Ich bin extra nach Mexiko gereist, um mich von Guillermo Arriaga beraten zu lassen, dem Drehbuchautor von Filmen wie "Amores Perros" oder "Babel". Arriaga gilt als Spezialist für komplizierte, mehrsträngige Geschichten mit vielen Figuren. Als ich 2005 in der Jury von Cannes saß, haben wir einen Film ausgezeichnet, zu dem Arriaga das Drehbuch geschrieben hatte. Er kam danach zu mir und sagte mir, dass er mir in Mexiko auch mal einen Preis verliehen hatte, für "Gegen die Wand". Heute kann man den Film auf den Straßen von Mexico City als Raubkopie kaufen. Ich habe Arriaga also viel zu verdanken, seine Drehbuchberatung war allerdings nur bedingt hilfreich.
SPIEGEL: Warum?
Akin: Im Schneideraum bin ich fast verzweifelt. Wir sind dem Drehbuch gefolgt und ständig zwischen den Geschichten hin- und hergesprungen, doch der Film funktionierte überhaupt nicht. Der Zuschauer kam den Figuren nicht nahe, weil er immer wieder von ihnen weggerissen wurde. Wir haben dann alles komplett umgeschnitten, die einzelnen Geschichten zusammengefügt und chronologisch erzählt. Dass wir in Cannes den Preis für das beste Drehbuch bekommen haben, ist reine Ironie. Eine komplizierte Struktur verwirrt oft, in der Einfachheit liegt Kraft. Ich will ja, dass auch meine Eltern mit dem Film was anfangen können.
SPIEGEL: In "Auf der anderen Seite" erzählen Sie von einer lesbischen deutsch-türkischen Liebe. Was halten Ihre Eltern denn davon?
Akin: Oh, die wissen inzwischen, was für einen Sohn sie da haben. Warum sind es zwei Frauen? Weil sich alles andere anfühlte wie ein Klischee. Ein junger, dunkler, stark behaarter Türke kommt nach Hamburg und verliebt sich dort in eine unschuldige Blondine. Nee, das ist zu sehr King Kong und die weiße Frau. Erst mit zwei Frauen wurde die Geschichte sexy.
SPIEGEL: Werden Sie in Ihrem nächsten Film wieder eine deutsch-türkische Geschichte erzählen?
Akin: Nein, alle Wege führen nach Amerika. Ich plane einen Film über europäische Auswanderer, die Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA gehen. Wir wollen Ellis Island in Babelsberg nachbauen. Doch von New York geht's dann weiter in den Südwesten. Indianer kommen auch vor. Das wird mein erster Western.
SPIEGEL: Gehen Sie besser nicht nach Texas. Schließlich haben Sie im vorigen Jahr ein T-Shirt getragen, auf dem der Name "Bush" stand, das "s" aber durch ein Hakenkreuz ersetzt war.
Akin: Das war bei den Dreharbeiten zu "Auf der anderen Seite". Wir haben damals eine große Szene auf dem Hamburger Campus gedreht, ich wollte mich unter die Komparsen mischen. Da gab es noch ganz andere T-Shirts. Die mussten später alle retuschiert werden.
SPIEGEL: Sie haben damals gesagt, George Bush wolle den Dritten Weltkrieg. Ist das nicht völliger Blödsinn?
Akin: Ja, vielleicht. Wenige Wochen danach lief allerdings auch Diego Maradona mit dem gleichen T-Shirt rum. Er hatte es von Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez geschenkt bekommen. Wieso nicht auch mal was Dummes tun!
Das Interview führten Lars-Olav Beier und Matthias Matussek
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Kino | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH