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02.10.2007
 

Actionstar Milla Jovovic

"Bloß nicht noch eine von meiner Sorte"

Milla Jovovic steht mit beiden Beinen auf der Erde - auch als Zombie-jagende Action-Heldin in "Resident Evil: Extinction". Im SPIEGEL-Interview kritisiert die ukrainisch-stämmige Schauspielerin den amerikanischen Lifestyle und erklärt, wie sie in Hollywood überlebt.

SPIEGEL: Ihre Mutter war eine erfolgreiche Schauspielerin in Moskau. Sie hat Sie mit neun Jahren zum Schauspielunterricht geschickt und Ihre Karriere generalstabsmäßig geplant und begleitet. Wie gefällt ihr die Figur der Zombie-jagenden, prügelnden, tötenden Alice?

Jovovich: Na ja, wenn ich verrückte Sachen mache, findet sie das nicht so toll. Es ist natürlich ganz anders als das, was sie auf der Bühne und im Film gemacht hat.

SPIEGEL: Sagt sie nie: Das ist nicht das, was ich mir für dich vorgestellt habe?

Jovovich: Sie hat dafür gekämpft, dass ich ein Star und berühmt werde. Das ist gelungen, und das ist die Hauptsache.

SPIEGEL: Am Ende von "Resident Evil Extinction" gibt es eine ganze Armada von Alice-Klonen, die sie im Kampf gegen die untoten Menschenfresser und die gefährlichen Wissenschaftler unterstützen sollen. Wie gefällt Ihnen der Gedanke an multiple Millas?

Jovovich: Grauenhaft. Ich komme ja gerade so mit mir selber klar. Bloß nicht noch eine von meiner Sorte.

SPIEGEL: Und was ist mit der Tochter, die Sie bald zur Welt bringen werden?

Jovovich: Sie ist zum Glück nicht noch eine wie ich, sondern eine andere Person, sie wird besser sein als ich. Jede Generation ist besser als die vorangegangene.

SPIEGEL: Wollen Sie die Alice auch in Zukunft spielen?

Jovovich: Die Filme machen mir Spaß und sie sind erfolgreich - warum nicht?

SPIEGEL: Kann das Kino Grauen und Gewalt unbegrenzt steigern, ohne dass es sich irgendwann nur noch wiederholt?

Jovovich: Zurzeit ist das Genre Actionfilm absolut auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Es gibt immer einen Platz für gute Stunts und tolle Kampfszenen, solange die Drehbücher gut sind...

SPIEGEL: ...die Ihr Lebensgefährte Paul Anderson schreibt...

Jovovich: Richtig. Es gab mal die Idee, Alice in ein richtig schauderhaftes, Angst einflößendes Monster zu verwandeln, so ein ekliges Vieh mit einem entstellten Gesicht. Das will ich nicht. Es ist eine Sache, eine Heldin in einem Actionfilm zu sein. Aber ich will kein Horror-Monster sein.

SPIEGEL: Sondern was?

Jovovich: Wenn ich ein Monster spiele, muss es ein Psychomonster sein, ein degenerierter Lügner, ein gewissenloser Killer, eine Irre, ein normaler Mensch, dessen Psyche zum Bösen mutiert ist.

SPIEGEL: Letztlich geht es bei den "Resident"-Filmen um den Kampf zwischen Leben und Tod. Können Sie sich mit Alices feuersprühendem Überlebensinstinkt identifizieren?

Jovovich: Aber total! Ich komme aus einer Immigrantenfamilie. Wir kamen in den achtziger Jahren aus der Ukraine in die USA. Meine Tochter wird das erste in Amerika geborene Jovovich-Baby sein. Das ist eine große Sache für unsere Familie. Meine Eltern haben hier als Hausmeister angefangen. Ich sah meine Mutter, wie sie von einer glamourösen Schauspielerin zu einer Putzfrau wurde, die mich im klapprigen Chevi zum Vorsprechen fuhr. Ich habe im Auto meine Hausaufgaben gemacht. Sie musste ihren ganzen Stolz runterschlucken und kämpfen. Für mich war es das Wichtigste, ihr zu zeigen, dass sich das lohnt. Und dass ich alles tun werde, um meine Familie voranzubringen.

SPIEGEL: Erst sollen es die Kinder besser haben und dann dafür sorgen, dass es die Eltern besser haben?

Jovovich: Genau. Es müssten nur mehr Leute so denken. Das kritisiere ich am amerikanischen Lifestyle: Sie schieben ihre Eltern in Heime ab, wenn sie alt sind. Ich würde nie erlauben, dass meine Mutter oder mein Vater da enden.

SPIEGEL: Was heißt Überleben in der Glamourwelt, in der Sie jetzt leben?

Jovovich: Sich seine Reinheit, seine Unschuld zu erhalten. Mit beiden Beinen in der Wirklichkeit zu stehen. Sich nicht von lauter Wichtigtuerei auffressen zu lassen. Zu erkennen, was nicht wirklich wichtig ist, wie Erste-Klasse-Tickets, die richtige Party, ein bestimmtes Outfit, lauter Statussymbole, die uns korrumpieren. Und zu wissen, was mich glücklich macht.

SPIEGEL: Sie sind ein Teil dieser Welt.

Jovovich: Ich habe in Hollywood eine Seifenblase für mich kreiert. Wenn auf meinem Grundstück das Tor hinter mir zufällt, bin ich in meiner eigenen kleinen Welt. Da brauche ich keine Drogen, keine falschen Freunde, um mich für etwas Besonderes zu halten. Ich bin in der glücklichen Lage, mir das leisten zu können.

SPIEGEL: Sie haben gesagt, Sie haben Selbstvertrauen und Selbstzweifel zugleich.

Jovovich: Ist das nicht völlig normal? Manchmal bin ich mir ganz sicher, wer ich bin und manchmal sehr unsicher, welches die richtige Richtung ist.

SPIEGEL: Sind Sie deshalb so aktiv in allen möglichen künstlerischen Formen? Als Model, als Schauspielerin, als Popmusikerin, als Modedesignerin?

Jovovich: Das gehört in das Kapitel Selbstvertrauen. Als Kind und Jugendliche hatte ich schon das Gefühl, ich kann alles, wenn ich will. Und ich wollte eben vieles.

SPIEGEL: Sind Sie mutig?

Jovovich: Ja, wenn mutig bedeutet, keine Angst zu haben, jemand anderem zu helfen, sich gut zu fühlen. Mut heißt für mich, es nicht nötig zu haben, andere zu beugen. Ich glaube, eines unserer großen Probleme heutzutage ist, dass die Menschen sich nicht trauen, gut zueinander zu sein. Sie müssen andere erniedrigen, um sich selber größer zu fühlen.

SPIEGEL: Welche Eigenschaften müssen Menschen haben, um Sie zu beeindrucken?

Jovovich: Ich mag Männer, die stark sind, nicht körperlich, sondern Männer, die echte Kerle sind, die eine Aufgabe haben, die sie leidenschaftlich verfolgen, ob das Schreiben ist oder aus dem Flugzeug springen. Und meine Freundinnen sind meist sehr begabt, sehr kreativ, schreiben, singen, malen. Und sie sind loyal mir gegenüber.

SPIEGEL: Was wollen Sie im Leben erreichen?

Jovovich: Wenn ich zurück schaue, will ich sagen können, niemanden betrogen zu haben. Dinge, die ich verurteile, nicht für Geld getan zu haben. Meine Integrität bewahrt zu haben. Und wenn das mal nicht gelungen ist, muss es wenigstens einen guten Grund gehabt haben.

SPIEGEL: Sie tragen ein Kreuz um den Hals. Hilft Ihnen die Religion?

Jovovich: Unbedingt. Wir sind russisch orthodox. Es hilft mir zu wissen, dass es etwas gibt, das größer ist, als ich selbst. Dann nimmt man sich nicht dauernd so ernst.

Das Interview führte Bettina Musall

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