Von Felix Zeltner
Stell dir vor, dein Vater ist gerade aus dem Gefängnis entlassen, vercheckt aber schon wieder Drogen. Deine Mutter ist Trinkerin. Deinen Freunden in der Schule hast du erzählt, du seiest Diplomatentochter. Stell dir vor, du bist nirgends zuhause. Du bist Stevie, 14 Jahre alt.
Stevie ist mit ihren Eltern aus Portugal in die deutsche Provinz gezogen, der verstorbene Großvater hat dort ein Haus vererbt, damit seine vagabundierende Tochter endlich sesshaft wird. Der Plan scheitert, die Familie funktioniert nicht. Die Freunde der Eltern, die bald im Haus herumlungern, machen das Ganze nicht besser. Inmitten koksender, prügelnder und vögelnder Menschen pubertiert Stevie und träumt sich in andere Leben. Am Schluss bleibt der Nachbarsjunge der einzige Ausweg.
"Die Unerzogenen" ist trotz des feiertagsnahen Starttermins am heutigen Donnerstag kein Weihnachtsfilm. Die Geschichte spielt im Sommer, und es gibt wenig Liebe oder Geborgenheit in den anderthalb Stunden zu entdecken. "Meine Eltern waren Hippies", sagt die Regisseurin Pia Marais. "Der Leitgedanke zu 'Die Unerzogenen' ist aus dieser Erfahrung eines überbordenden Chaos entstanden." Marais wurde in den Siebzigern als Tochter eines Südafrikaners und einer Schwedin in Johannesburg geboren. Sie wuchs in Südafrika, Spanien und Schweden auf, ihr Studium führte sie nach Deutschland, wo sie die Film- und Fernsehakademie in Berlin absolvierte.
Doch "Die Unerzogenen" ist keine reine Abrechnung mit den Eltern. Marais klagt nicht an, sondern schickt den Zuschauer an den Rand der Gesellschaft. Die Regisseurin weiß, wovon sie erzählt, und das merkt man. Besonders sehenswert sind dabei die Schauspieler, allen voran Céci Schuh als Stevie. Die heute 16-Jährige spielt ihre erste Kinorolle so unfassbar gut, dass man sich fragt, ob es überhaupt einen Unterschied zwischen ihr und der Filmfigur gibt. Von ihr lebt der Film, aber auch die Eltern (Pascal Schiller und Bürol Ünel) und der einzige erwachsene Kumpel Ingmar (Georg Friedrich) wirken bedrückend authentisch. Die Handkamera verstärkt dabei zu jeder Zeit die Nähe zum Geschehen.
Als der letzte Funken Liebe zwischen den Eltern erlischt und gleichzeitig Stevies Fassade vom Diplomatentöchterchen vor ihren neuen Freundinnen zusammenfällt, sagt eines der Mädchen: "Deine Eltern haben 'ne komische Ethik. Die sind viel abgefahrener als meine." Auch das entstammt der Realität: "Ich weiß noch, die Kinder aus anderen Familien fanden meine Eltern ganz toll", sagt Pia Marais. Und lässt Stevie im Film antworten: "Ich weiß gar nicht mal, was das ist, Ethik."
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