Mittwoch, 10. Februar 2010

Kultur



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.01.2008
 

Chabrol-Muse Ludivine Sagnier

"Männer sind Feiglinge"

Was Frauen an Männern sexy finden? Klar: Macht und Erfolg. Aber Liebe zur Poesie? Ganz sicher sogar, sagt im SPIEGEL-ONLINE-Interview Ludivine Sagnier, Hauptdarstellerin im neuen Chabrol-Film "Die zweigeteilte Frau".

SPIEGEL ONLINE: Mademoiselle Sagnier, Ihr neuer Film erzählt mal wieder eine tragische Liebesgeschichte. Warum treten Sie eigentlich so gut wie nie in komischen Rollen auf?

Sagnier: In Komödien macht man sich viel zu oft zum Idioten. Ich finde, dabei riskiert man als Schauspielerin seinen Hals. Denn Komödien sind heutzutage meist nicht toll geschrieben. Und ich finde finstere Rollen nicht nur interessanter, sondern sie fallen mir auch leichter. Ich bin selber sicher kein finsterer Mensch. Aber ich will gefordert werden, und das ist in Tragödien eher der Fall. SPIEGEL ONLINE: In Claude Chabrols neuem Film spielen Sie eine junge Fernseh-Wetterfee namens Gabrielle, die von allen Männern angehimmelt wird. Warum verliebt sich diese Frau ausgerechnet in einen bräsigen, 60-jährigen Schriftsteller?

Sagnier: Sie liebt ihn, weil er ein Künstler ist. Sie liebt seinen Intellekt, seine Spiritualität, seinen Humor. Es stimmt, dass Frauen manchmal Bewunderung und erotisches Verlangen durcheinander bringen, aber Gabrielle ist smart und ehrgeizig und keineswegs auf den Kopf gefallen. Sie sucht eine Beschützerfigur, vielleicht, weil sie selber ohne Vater aufgewachsen ist.

SPIEGEL ONLINE: Und deshalb lässt sie sich mies behandeln?

ZUR PERSON

Getty Images
Die Französin Ludivine Sagnier debütierte bereits mit neun Jahren vor der Kamera. International bekannt wurde die 28- Jährige durch ihre Zusammenarbeit mit François Ozon, in dessen "8 Frauen" (2002) und "Swimming Pool" (2003) sie brillierte. Nach einem kurzen Ausflug nach Hollywood ("Peter Pan", 2003) kehrte sie zum franzözischem Kino zurück und drehte jetzt ihren ersten Film mit Claude Chabrol.
Sagnier: Ja. Aber sie ist keine Masochistin, falls Sie das meinen. Sie ist leidenschaftlich verliebt.

SPIEGEL ONLINE: Claude Chabrol verlegt die Story eines berühmten Prominenten-Eifersuchtsmords, dem 1906 der New Yorker Stararchitekt Stanford White zum Opfer fiel, ins heutige Frankreich. Will er nicht vor allem beweisen, dass eitle, alternde Künstlertypen die Finger lassen sollten von jungen Frauen wie Gabrielle?

Sagnier: Sie sind zu streng mit der Figur des Charles, in den sich das Mädchen verliebt. Ich halte ihn jedenfalls nicht für einen eitlen alten Widerling, sondern für absolut charmant.

SPIEGEL ONLINE: So wie François Berléand ihn spielt, wirkt er wie die Karikatur eines Salonliteraten.

Sagnier: Weibliches Verlangen funktioniert nun mal anders als männliches. Frauen lieben Männer wie Charles. Er repräsentiert Erfolg und Macht, er verkörpert die Welt der Wörter, der Literatur, der Poesie. Das zieht Frauen magisch an.

SPIEGEL ONLINE: Ist Chabrols Film nicht dennoch eine höhnische Kritik an den Männern? Selbst Gabrielles Boss im Fernsehsender tätschelt dauernd an ihr herum.

Sagnier: Sie genießt es lange, das Objekt der Begierde zu sein. Sie ist jung und hübsch und geradeaus, während alle anderen sich verstellen. So sind zum Beispiel ihre Kollegen, die sie stets superfreundlich behandeln, in Wahrheit total neidisch. Und Paul gibt sich nett, ist aber vollkommen aus dem Gleichgewicht und auf keinen Fall der Mann, der sie glücklich machen wird. Jeder um sie herum spielt ein Spiel. Sie ist die einzige, die nicht spielt. Das wird ihr zum Verhängnis. Aber Chabrol betont immer, dass sie höchstens zur Hälfte Opfer ist, zur Hälfte aber eben auch Täterin.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Charles sie sabbernd in einen High-Society-Swingerclub mitschleppt, ist sie eindeutig das Opfer.

VIDEOS ZUM FILM

Sagnier: Ich bin kein moralischer Richter, das wäre langweilig. Ich finde, er behandelt sie nicht wirklich mies, er ist nur nicht so offen und so ehrlich, wie es eine Frau sicher wäre. Er sagt Gabrielle nicht, dass er sie nicht wiedersehen will. Sondern er verabredet sich mit ihr für die kommende Woche. Und dann lässt er die Schlösser auswechseln und meldet sich nicht mehr. Männer sind Feiglinge, gerade wenn es um solche Dinge geht.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind schon länger ein Star des französischen Kinos. Wie kommt es, dass Sie erst jetzt in einem Film von Chabrol mitspielen?

Sagnier: Er hat mich nie gefragt. Und für "Die zweigeteilte Frau" wollte er mich auch nur, weil er mich als Tinker Bell in einer Hollywood-Verfilmung von "Peter Pan" gesehen hatte. Diese Begründung hat mich ziemlich erstaunt.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie auf Ihren bis heute einzigen Ausflug ins US-Kino weniger stolz sind als zum Beispiel auf Ihren Riesenerfolg "Swimming Pool" aus dem Jahr 2003, bei dem François Ozon Regie geführt hat?

Sagnier: Nichts gegen Hollywood, aber ich bin sehr froh über den Platz, den ich mir im französischen Kino erkämpft habe. Ich bin gut beschäftigt und arbeite mit tollen Regisseuren. Schon möglich, dass ich irgendwann wieder in einer amerikanischen Produktion mitspiele, aber gerade aus den USA bekam ich nach meinem Auftritt in François' Ozons "Swimming Pool" nur Angebote, in denen ich Huren oder Verführerinnen spielen sollte. Die sahen in mir die nächste große Sexbombe.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie finden, dass französische Regisseure Sie weniger Typus-betont einsetzen?

Sagnier: Ganz entschieden.

DIE ZWEIGETEILTE FRAU
(D/F 2007)

Regie: Claude Chabrol
Buch: Claude Chabrol, Cécile Maistre
Darsteller: Ludivine Sagnier, Benoît Magimel, François Berléand, Mathilda May, Caroline Sihol
Produktion: Alicéleo Cinema, France 2 Cinéma, Integral Film, Canal +, Cinecinema
Verleih: Concorde Filmverleih
Laufzeit: 115 Minuten
Start: 10. Januar 2008

SPIEGEL ONLINE: Aber woran liegt es, dass sich gerade im französischen Kino so oft junge Frauen und in ältere Männer verlieben – am Wunschdenken älterer männlicher Regisseure?

Sagnier: Ja. Aber ich meine das gar nicht als Vorwurf. Regisseure wie Claude Miller und Claude Chabrol sind nun mal reife Herren, und es ist ja grundsätzlich keine schlechte Sache, als sexy zu gelten. Ich möchte nur nicht darauf reduziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es in Ihrer Schauspielerarbeit ein großes Ziel, das Sie unbedingt noch erreichen möchten?

Sagnier: Nein. Ich mag die Bewegung, ich will wachsen. Ich schließe auch nicht aus, wieder in Hollywood zu arbeiten. Überhaupt nicht. In dem Film, den ich zuletzt gedreht habe, "L’ennemi public no. 1"...

SPIEGEL ONLINE: ...Staatsfeind Nummer eins...

Sagnier: ...übrigens gedreht von einem jungen französischen Regisseur, Jean-François Richet, spiele ich zwar immer noch keine komische Rolle, wie Sie sich es offenbar wünschen. Aber immerhin trage ich eine Waffe. Es ist ein Gangsterfilm.


Das Interview führten Wolfgang Höbel und Daniel Sander

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern