Von Christian Buß
Wer das Mikro hat, besitzt die Macht. Doch wie soll man sie nutzen? Beim Sender WOL-AM in Washington DC, der von Weißen geführt und von Schwarzen gehört wird, gibt es im Jahr 1966 zwei Fraktionen: die Einseifer und die Aufrüttler. DJ "Nighthawk" (Cedric the Entertainer) bereitet seiner Klientel mit den Supremes und seiner Sirup-Stimme süßeste Träume, Petey Greene (Don Cheadle) peitscht sie mit James Brown und unversöhnlich vorgetragenen Anekdoten aus dem afro-amerikanischen Alltag auf.
Die Verantwortlichen bei WOL-AM sind zweifellos liberale Geister. So liberal, dass sie den Ex-Knacki Greene freiwillig auf Sendung schicken, sind sie dann allerdings doch nicht. Eines Tages steht er samt aufgetakelter Braut (Taraji P. Henson) an der Rezeption und forderte lautstark einen Job. Programmmanager Hughes (Chiwetel Ejiofor) hat ihm nämlich einen versprochen – und dabei wohl eher an die Hausmeisterstelle gedacht. Doch Greene, der als DJ im Gefängnis seine Mithäftlinge mit Soul und Sprüchen versorgt hatte, will ans Mikro.
In einer Kamikaze-Aktion lässt er sich von Hughes in die Moderationskabine sperren und schickt seine launigen Klagen gegen den handgreiflichen Widerstand des weißen Senderbosses (Martin Sheen) über den Äther. Erst soll er hochkant rausgeschmissen werden, dann gibt es begeisterte Publikumsreaktionen. Die Quote macht ihn zum König. Mit bösem Witz grantelt sich Greene in die Herzen der Hörer. So einem glaubt man eben auch, wenn er am Abend der Ermordung von Martin Luther King Jr. bei allem gerechten Zorn zur Besonnenheit aufruft.
Die Filmbiographie über Starmoderator Petey Greene, die bis zu dieser düsteren Nacht im April 1968 als Schlitzohrkomödie daherkommt, ändert hier abrupt den Tonfall: Washington D. C. brennt, der Trickster Greene wird zum Therapeuten und versucht in einer bewegenden Ansprache die Flammen des Hasses zu löschen.
Als in den sechziger Jahren die Bürgerrechtsbewegung ihren Höhepunkt erreicht, schmücken sich die Medien mit schwarzer Prominenz. 1964 bekommt Sidney Poitier als erster Afroamerikaner den Oscar als Hauptdarsteller; Berry Gordys Soul-Hitschmiede Motown hängt die weiße Konkurrenz weit hinter sich ab.
Aber wie war es tatsächlich um die Macht der Schwarzen bei Funk und Fernsehen bestellt? Kasi Lemmons grelle Radiosaga über die schwarze Talkradiolegende Petey Greene zeigt in ihren besten Momenten, wie hart und wie wenig glamourös der Kampf ums Mikro gewesen. So stellt die Regisseurin dem Aggro-Talker Greene den nüchternen schwarzen Medienmanager Dewey Hughes zur Seite, der das verbale Aufbegehren des Radiohelden diplomatisch flankiert.
Es geht also um zwei Männer, die der gleichen Idee anhängen – diese aber mit unterschiedlichen Strategien umsetzen. Während Hughes mit Schlips und gängiger Geschäftsrhetorik den Weg durch die Institutionen antritt, schnarrt und schreit sich Greene mit Pimp-Gestus hoch zur berühmtesten Stimme der schwarzen Verlierer. Die alte Kaste der weißen Politiker verunglimpft er in seinen Tiraden ebenso wie das junge schwarze Establishment. Durch unflätige Sprüche über Motown-Besitzer Gordy etwa, der einen neuen Typus Unternehmer darstellt und durch seine Geschäftstüchtigkeit die Segregation zu überwinden scheint, sorgt er auch unter erfolgreichen Afroamerikanern für Ablehnung.
Gelegentlich weidet sich Regisseurin Kasi Lemmons zu sehr an den Sprüchen ihres Helden, der Film verkommt dann zur Zotensammlung. Zudem sorgen platte Black-Power-Folklore, Pimp-Kostüme und Afro-Haarschnitte dafür, dass sich der Zuschauer zuweilen fühlt, als wandle er durch ein Blaxploitation-Museum. Und genau das verstellt manchmal den Blick auf den Grundkonflikt, der hier eben nicht ohne eine gewisse Tiefe durchgespielt wird: Wie erlangt man als Schwarzer in Amerika Anerkennung?
Business-Aufsteiger Hughes imitiert in Sprache und Kleidung anfänglich das weiße Medienestablishment, sein Traum ist ein Auftritt bei der Talkshow-Legende Johnny Carson. Greene kultiviert indes seinen Straßen-Slang und erhebt ihn in seinem gutturalen Singsang zur Kunstform. Als ihm Manager Hughes einen Auftritt bei Carson besorgt, weigert sich Greene, seinen ersten großen TV-Auftritt kompatibel für die Late-Nnight-Show zu gestalten.
Anpassung und Aufbegehren, Diplomatie und Revolte: Das sind die unterschiedlichen Verfahren, die von den beiden schwarzen Helden in "Talk to Me" durchexerziert werden. Dabei wird schnell klar, dass der eine nicht ohne den anderen kann. Denn das zeigt dieses Medienlehrstück aus den guten alten Tagen des Kampfradios mit zeitloser Gültigkeit: Radikalität ist eben nichts wert, wenn das Marketing versagt.
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