Sonntag, 22. November 2009

Kultur



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06.02.2008
 

Polit-Satire "Der Krieg des Charlie Wilson"

Koks und Kalte Krieger

Von Jenny Hoch

Kalauer für Kabul, Koks im Kongress: Mike Nichols' brillante Komödie "Der Krieg des Charlie Wilson" zeigt, wie ein unbedeutender texanischer Abgeordneter während des Kalten Krieges die russischen Besatzer aus Afghanistan vertrieb. Das Beste daran: Die irrwitzige Geschichte ist wahr.

Kalt sind bei diesem Mann höchstens die Eiswürfel im Whiskeyglas. Ansonsten wärmt sich der Politiker Charlie Wilson (Tom Hanks) mit Vorliebe an den Herzen schöner Frauen, und die eine oder andere Prise Kokain tut ihr Übriges für das Wohlbefinden dieses Lebemannes. Auf diese Weise schlängelt sich der unbedeutende Kongressabgeordnete eines unbedeutenden Wahlkreises im texanischen bible belt höchst elegant durch ein Leben voller Annehmlichkeiten.

Im Büro wartet ein Schwarm heißer Sekretärinnen täglich auf das Erscheinen des agilen Chefs und in einer Hotelsuite räkeln sich schon mal halbnackte Blondinen mit ihm im dampfenden Whirlpool. Dass sein Kerngeschäft als Abgeordneter vorwiegend darin besteht, sich um Pfadfinderbelange und Weihnachtskrippen-Stellplätze zu kümmern, fällt bei so viel demonstrativ zur Schau getragener Lebenslust kaum auf.

Doch dann dies: Ausgerechnet bei der Whirlpool-Sause erweicht eine Afghanistan-Reportage das unstete Partyherz des Politikers. Im Fernsehen sieht er, welche Gräueltaten die russischen Besatzer in dem fernen Land am Hindukusch anrichten. Und weil wir die achtziger Jahre schreiben und der Kalte Krieg in vollem Gange ist, wittert Charlie eine Gelegenheit, doch noch im ganz großen Politikgeschäft mitzumischen und dabei sogar Gutes zu tun: Die Mudschaheddin für den Aufstand gegen die Russen zu bewaffnen.

So unglaublich es klingen mag, Hollywood-Veteran Mike Nichols ("Die Reifeprüfung", 1967, "Hautnah", 2004) erzählt in "Der Krieg des Charlie Wilson" eine rundherum wahre Geschichte, die auf der Wilson-Biografie des Journalisten George Crile basiert. Der Original-Wilson lebt heute in Lufkin, Texas und saß vom 1973 bis 1996 als eine Art konservativer Liberaler - damals noch kein Widerspruch - im amerikanischen Kongress. Dort festigte er nach Kräften seinen legendären Ruf als Playboy und Lebemann und wurde bald von allen nur noch bewundernd "Good Time Wilson" genannt.

Afghanistan im Alleingang

Sein plötzlicher Auftritt auf dem internationalen Parkett geriet dementsprechend eindrucksvoll: Quasi im Alleingang organisierte dieser Hallodri einen hocheffizienten Feldzug gegen die Sowjets und wurde so zum Strippenzieher einer der größten Geheimdienstoperationen der US-Geschichte.

VIDEOS ZUM FILM

Foto: Universal
Der Krieg des Charlie Wilson
Trailer und Filmausschnitte
Nichols macht aus diesem irrwitzigen Stoff das einzig Richtige: eine brillante Komödie, boshaft, witzig und voller pointierter Dialoge. Letztere verdankt er dem genialen Drehbuchautor Aaron Sorkin, der auch das Skript für die US-Serie "West Wing" schrieb und damit maßgeblich am weltweiten Serien-Boom beteiligt ist. In "Der Krieg des Charlie Wilson" übertrifft er sich noch einmal selbst. Jeder Satz ist ein Treffer, die Pointen zünden mindestens so punktgenau wie die mit amerikanischen Dollars bezahlten Stinger-Raketen, die die afghanischen Bauern auf russische Helikopter feuern.

Auf diese Weise reanimieren Sorkin und Nichols aufs Schönste das beinahe ausgestorbene Genre der Screwball Comedy. Die geballte Star-Power tut ihr übriges: Tom Hanks spielt diesen irrlichternden Helden Wilson mit so viel aufrichtigem Charme, dass man ihn während seiner Wandlung vom Halunken zum Gutmenschen, der sich nach geglückter Mission vergeblich um Geld für Schulen und Krankenhäuser bemüht, richtig lieb gewinnt. Julia Roberts mimt mit platinblonder Perücke seine Komplizin und Bettgefährtin Joanne Herring, eine steinreiche, republikanische Salonlöwin, die nach einem Quickie mit Wilson ihre getuschten Wimpern mit einer Sicherheitsnadel auf Linie bringt. Ebenso brachial setzt sie ihr Geld und ihren Körper nur für ein Ziel ein: Möglichst viele Kommunisten töten.

Zynische Mechanismen der Macht

Den beiden stiehlt jedoch der Dritte im Bunde die Show: Philip Seymour Hoffman reißt als wunderbar cholerischer CIA-Agent Gust mit getönter Brille und Walross-Schnauzer alle Szenen an sich. Doch die Kollegen lassen ihn gewähren und so trägt Hoffman als Mann fürs Grobe einige der witzigsten Szenen des Films und baut im Namen der Waffenbeschaffungs-Mission auch noch ein hanebüchenes Netzwerk aus israelischen Waffenhändlern und arabischen Hintermännern auf.

DER KRIEG DES CHARLIE WILSON
(USA 2007)

Regie: Mike Nichols
Buch: Aaron Sorkin nach einer Vorlage von George Crile
Darsteller: Tom Hanks, Philip Seymour Hoffman, Julia Roberts
Produktion: Playtone
Verleih: Universal
Laufzeit: 102 Minuten
Start: 7. Februar 2008


offizielle Website

Mit allerhand Taschenspielertricks schafft es das schräge Trio, das Budget für Waffen und Geheimdienstoperationen in Afghanistan von fünf Millionen auf eine Milliarde Dollar hochzutreiben. Solange die Mission politischen Entscheidungsträgern in den Kram passt, scheint alles möglich zu sein. Doch sobald sie an ihr Ziel gelangt sind, interessiert sich die US-Regierung nicht mehr für Afghanistan und das Leid der Bevölkerung, sie wendet sich anderen, prestigeträchtigeren Baustellen zu. Der naiv-verdatterte Wilson wird mit einem Orden abgespeist und darf abtreten.

Die Mechanismen der Macht und ihre mitunter grotesken Auswüchse setzt Nichols weder thesenhaft, noch moralinsauer in Szene. Wenn etwa ein erzkonservativer Abgeordnetenkollege Wilsons in einem Flüchtlingslager in Afghanistan steht und zusammen mit bewaffneten Gotteskriegern frenetisch "Allahu Akbar" skandiert, dann bedarf diese bitterböse Szene keiner weiteren Erklärung à la "wie sich die Zeiten doch wandeln können". Nur einmal gestattet Nichols sich einen Kommentar: CIA-Mann Gust sagt, Amerika führe keine religiösen Kriege und dafür liebe er dieses Land. Kurz darauf äußert Wilson einen geradezu prophetischen Gedanken: "Früher oder später wird Gott auf beiden Seiten dieses Krieges stehen".

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