Von Christoph Cadenbach
Von Natur aus muss jeder aktuelle Film über "Unsere Erde" auch einer über den Klimawandel sein. Und wo ließe sich das kulturkritische Erhitzungspotential von Polkappenschmelze und Erderwärmung besser verwerten als im Tierfilm? Hier werden die sprachlosen Opfer mit einer filmischen Rhetorik ausgestattet, die die schlimmen Machenschaften der Bestie Mensch zur Sprache bringt.
Das Problem der Naturdokumentation "Unsere Erde": Sie hat eine politische Agenda und kokettiert doch extrem mit ihrer am Blockbuster-Kino orientierten Ästhetik. Sie will agitieren für die gute Sache und überlagert das eigene kritische Projekt mit narkotischer Bilderwut. Am Ende bleibt kaum mehr als der aufgeplusterte Paradiesvogel, der von den Filmern im Tropenwald Neu Guineas beim glücklosen Balztanz beobachtet wurde: viel Tamtam aber kein durchschlagendes Ergebnis – das Vogelweibchen verlässt relativ angeödet den Vorführ-Ast.
Dabei erkennt man schon beim Vorspann, dass es den erfahrenen BBC-Regisseuren Alastair Fothergill und Mark Linfield bei ihrem Riesenprojekt (5 Drehjahre, 200 Drehorte, 40 Kamerateams, 40 Millionen Euro) ums große Ganze ging. Unsere Erde wird da vom Weltall aus gezeigt, hinter dem blaugrünen Planeten blitzt die Sonne hervor - bis in einzelne Einstellungen hinein wird das Genre-Kino im "Armageddon"- oder "Independence Day"-Stil zitiert.
Die klotzigen Hollywoodverweise reißen nicht ab: Die Kamera fliegt schwelgerisch über schneebedeckte Bergkämme, schäumende Flüsse und herbstbraune Täler wie es Peter Jackson ("Herr der Ringe") nicht besser hinbekommen hätte. Später wird, mit 2000 Einzelbildern pro Sekunde, der Beutefang eines Weißen Hais dokumentiert. Das Tier schiebt sich langsam mit einer Robbe zwischen den Zähnen aus dem Ozean, um dann gefühlte fünf Sekunden waagerecht in der Luft zu stehen. Fast kann man die Wassertropfen zählen, so detailverliebt und hochaufgelöst ist das Bild. Die Wachowski-Brüder ("Matrix") hätten ihre Freude daran.
Jagd auf Effekte
Die Hatz eines Geparden bringt das filmische Verfahren von "Unsere Erde" auf den Punkt: Die Raubkatze verfolgt im Zick-Zack eine Gazelle. Die Kamera ist nah dran, man sieht in Zeitlupe die Muskeln unter dem schwarzgepunkteten Fell des Geparden zucken. Der Jäger legt seiner Beute fast zärtlich die Pranke auf den Rücken, drückt das Tier herunter und beißt in seinen Nacken.
Die Close-Ups der wogenden Körper, der aufspritzende Sand, der Sabber an den Lefzen des Geparden, der Todesbiss, der auch ein Kuss sein könnte – diese Bildsprache kokettiert mit der Stilistik des Sexfilms wie noch nie eine Doku zuvor.
Und wie beim richtigen Porno hat auch diese Naturshow nur eine negligeedünne Handlungsstruktur. Der Film springt vom Himalaya in die Kalahari-Wüste hinüber nach Neu Guinea; in den entlegenen Erdregionen werden dann, quasi als Mini-Plots, die Geschichten verschiedener Tierfamilien erzählt: Elefanten auf Wassersuche oder Wale auf Wanderung. Teilweise wirkt das arg verkitscht, vor allem, wenn Sprecher Ulrich Tukur die sachliche Ebene verlässt und mit kindlicher Stimme vom "Jungfernflug der Mandarinenten" erzählt. Da ist man froh, dass die Tiere wenigstens nicht sprechen können wie in "Die Reise der Pinguine".
Fothergill und Linfield haben soviel inszenatorisches Muskelspiel gar nicht nötig. Ihre Aufnahmen brauchen keine künstliche Verniedlichung. Und vor allem brauchen sie keine Musik! Die besten Szenen kommen ohne die donnernde Begleitung der Berliner Philharmoniker aus.
Wenn der Eisbär zu Beginn ohne Musik über das Packeis stapft, knarzt der Schnee so schaurigschön unter seinen Tatzen, dass es einem kalt den Rücken runter läuft. In diesem Moment ist man dichter am Geschehen, als es das beste 800-Zoom-Objektiv bewirken kann.
Und dann wird auch anschaulich, was durch die Erderwärmung alles auf dem Spiel steht: ein Lebensraum, dessen Schönheit und Vielfalt zu zerstören jetzt schon zu den großen Verbrechen der Menschheit gehört.
Natürlich dramatisierten schon Grzimek und Co. ihre Stoffe, sie trauten jedoch ihrem Sujet. Die Effekthascherei, die Vermenschlichung des Tiers hatte Grenzen - und gerade wenn der Mensch grenzenlos wird in seiner Anmaßung, ist ein wenig Zurückhaltung, vielleicht sogar Scheu gegenüber anderen Spezies angebracht. Auch - vor allem - im Film.
Durch die Hollywoodisierung erreichen Fothergill und Linfield am Ende nur eins: Man verlässt das Kino und denkt, man hätte einen Fiction-Film gesehen. Warum also handeln?
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