Von Jenny Hoch
Konsterniert irrt das Paar über den Friedhof. Es ist ein heller, freundlicher Tag, und die beiden sind gekommen, um dem Traurigsten beizuwohnen: einer Kinderbeerdigung. Das Kleine ist gestorben, an Leukämie vermutlich, und die verzweifelte Mutter braucht ihren Beistand. Doch weit und breit ist keine Trauergemeinde zu sehen, auch der Friedhofswärter weiß von nichts. Die aufkeimende Erkenntnis ist verstörend: Das Paar ist mitsamt seinem ehrlichen Mitgefühl übers Ohr gehauen worden. Das Kind existiert nicht, und die Beerdigung erst recht nicht. Wütend schmeißt der Mann den mitgebrachten Trauerkranz am Ende in den Mülleimer.
Wer macht so etwas? Wie krank muss eine Seele sein, die ihre Mitmenschen auf derart perfide Weise manipuliert? Das sind die Fragen, auf die der junge Regisseur Felix Randau in seinem Psychodrama "Die Anruferin" gleich zu Beginn eine unerwartete Antwort hat: Während die Kamera durch das Interieur einer trostlosen leeren Wohnung streift, sich in langen Telefonkabeln verheddert und diese bis zu deren Ende - dem Telefonapparat - verfolgt, ist lediglich eine piepsige Kinderstimme aus dem Off zu hören: "Bitte, bitte erzähl' mir eine Geschichte!"
Der Schock ist groß, als die Kameralinse endlich das Gesicht zu dieser Stimme erfasst: Es gehört einer erwachsenen Frau, die mit verstellter Stimme wildfremde Menschen anruft und diese mit Lügengeschichten in ein kindlich-grausames Spiel aus Anteilnahme und falschen Emotionen verwickelt. Doch die Frau belässt es nicht bei diesen Telefon-Streichen: Sobald sie ihren Opfern weisgemacht hat, da läge ein schwerkrankes Kind einsam im Krankenhaus, besucht sie die mitfühlenden Erwachsenen zu Hause, gibt sich als gramgebeugte Mutter aus, und überbringt ihnen die Nachricht vom Tod des Kindes.
Auf diese Weise hat sich die Wäscherei-Angestellte Irm Krischka (Valerie Koch) ein perfektes Doppelleben aufgebaut. Tagsüber schuftet sie in der Reinigung, hantiert vollkommen emotionslos mit in Zellophan verpackten Wäschestücken und versorgt nach Feierabend zusätzlich ihre bettlägerige Mutter (Franziska Ponitz). Erst abends, wenn ihr die Perspektivlosigkeit und Isoliertheit ihres Lebens unerträglich werden, greift sie zum Hörer und gibt sich mit seltsamer Lust ihren abgründigen Telefonspielchen hin.
Trauma des modernen Menschen
Das geht so lange gut, bis die kommunikationsfreudige Bibliotheksangestellte Sina Braunsdorf (Esther Schweins) in die hermetisch abgeriegelte Welt der Anruferin einbricht. Auch sie glaubt an die makabere Totes-Kind-Geschichte, und weil sie selbst gerade ihren Mann bei einem Unfall verloren hat, hofft sie, in der schroffen und verloren wirkenden Irm eine Schicksalsschwester gefunden zu haben. Zwischen den beiden ungleichen Frauen entwickelt sich bald eine vorsichtige Freundschaft, die jedoch unerbittlich auf die Katastrophe zusteuert.
Angenehm unaufgeregt behandelt "Die Anruferin" das Trauma des modernen Menschen. Der Individualisierungsprozess ist so weit fortgeschritten, dass sich das Ich bereits aufgelöst hat. Irm steht exemplarisch für diese Leerstellen-Existenz. Sie hat ihr Ich, das wird Puzzleteil für Puzzleteil klar, irgendwann in ihrer Kindheit verloren und hängt sich seitdem parasitär an den Gefühlstropf ihrer Mitmenschen, um überhaupt noch etwas zu spüren. Ihr angeblich totes Kind ist nichts als ein Phantom, eine Facette ihrer gespaltenen Persönlichkeit.
Das alles fasst Felix Randau in knappen, präzisen Bildern, bis im letzten Drittel der eigentlich souverän erzählte Film bedenklich aus der Spur rumpelt. Das Problem ist, dass der Regisseur seiner traurigen Hauptfigur unbedingt ein Happy End angedeihen lassen will. Natürlich nicht Hollywood-like mit Friede, Freude, Eierkuchen und einer unerschütterlichen Freundin, die die zerrissene Seele Kraft ihrer Liebe heilt, aber doch sichtlich bemüht um einen positiven Ausklang. Das ist schade, denn so komplex seine Gesellschaftsdiagnose zuvor ausgefallen ist, so simpel gestrickt wirkt dagegen der plötzliche Genesungsprozess dieser multiplen Persönlichkeit.
Es ist der brillanten Newcomerin Valerie Koch (im Kino bisher zu sehen in "Sie haben Knut") zu verdanken, dass diese stellenweise arg konstruiert wirkende filmische Gratwanderung dennoch trägt. Die Schauspielerin versteht es, ihre Figur ambivalent schillern zu lassen: Irm ist zwar ein Opfer, aber nur bedingt eine Sympathieträgerin. Dafür ist sie viel zu durchtrieben. Gleichzeitig ist sie eine Getriebene, die sich nach Liebe und Zuneigung sehnt und die nicht davor zurückschreckt, diese Gefühle mit unlauteren Mittel zu bekommen. Ein Charakter, so vielseitig wie das Leben selbst, eine Frau mit doppeltem Boden.
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