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21.03.2008
 

Komödie "Dan – Mitten im Leben!"

Der Feind vor Deinem Bett

Von Christian Buß

Nee, in die Freundin des eigenen Bruders verlieben geht gar nicht. Aber wer kann schon seine Gefühle kontrollieren? Und wer seine Familie? Steve Carell gelingt in dem Film "Dan – Mitten im Leben!" beides nicht. Zum Glück, denn sonst gäbe es diese doppelbödige Hymne auf Familienbande nicht.

Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, das jede Familie befolgt: Man sucht immer den engsten Raum, um dort die anfallenden Konflikte zu bearbeiten. Die Größe des Hauses ist dabei nicht entscheidend. Selbst in einer Villa treffen sich die Jungen und die Alten ohne vorherige Absprache im Badezimmer, um dort Belehrungen und Beleidigungen austauschen. So bringen die verwandten Kombattanten jenes Mit- und Gegeneinander zur Aufführung, das man beschönigend ein ganz normales Familienleben nennt. Beim Burns-Clan dient als zentrale Anlaufstelle eine winzige Kammer hinter der Küche, eine Mischung aus Bügelzimmer und Müllhalde. Dort wurde beim alljährlichen Familientreffen im schönen Holzhaus am Meer Sohn Dan (Steve Carell) einquartiert, der in dem Loch nun oft und reichlich Besuch erhält.

Zur Hauptstoßzeit versammelt sich schon mal ein gutes Dutzend Leute vor Dans Klapppritsche, um ungebeten Ratschläge und Solidaritätsbekundungen abzusondern. Familie, das ist hier der Feind vor deinem Bett: Während zum Beispiel die Schwester empfiehlt, sich doch mal wieder mit einer Frau zu treffen, erkundigt sich der Bruder besorgt, ob sich Dan wenigstens gelegentlich selbst sein "Rohr putzen" würde. Und auch die Mutter hat ein paar Tipps zur psychosexuellen Hygiene parat.

Nun muss man wissen, dass Dan keine 18 mehr ist, sondern ein verwitweter Mittvierziger, der als Tageszeitungskolumnist kurz vor dem Sprung zu einem großen überregionalen Verlag steht und der zudem Sorge über drei halbwüchsige Töchter trägt. Dem Mann sollte also eine gewisse Souveränität in der Lebensgestaltung zugestanden werden.

Doch so verhält es sich nun mal bei der Wiederzusammenführung von Familien: Zurück im Schoß der Lieben, wird man augenblicklich zum Spielball alter Vorurteile und neuer Spekulationen. Intime Details werden in familiären Zusammenhängen ja gerne als Running Gags präsentiert, Diskretion ist hier eine verpönte Eigenschaft.

Eine Tatsache, die nun für Dan fatale Folgen hat. Denn bei einem kleinen Abstecher in die Stadt lernt er Marie (Juliette Binoche) kennen – die sich nach der Rückkehr als neue Freundin von Bruder Mitch (Dane Cook) erweist. Fortan absolviert man im Vorgarten zusammen familiäre Stretching-Übungen, macht an der Esstafel Konversation – und versucht das Tête-à-tête für sich zu behalten. Aber wie bewahrt man ein Geheimnis in einem Umfeld, wo es keine Geheimnisse geben darf?

Es ist ein sehr amerikanischer Film, den Regisseur Peter Hedges mit "Dan – Mitten im Leben!" gedreht hat. Das winterliche Rhode Island mit seinen verwaisten Buchläden, geschlossenen Andenkenläden und auf Sparflamme beleuchteten Bowlingbahnen fungiert hier als stimmungsvoller Kontrast zum hochtourigen Durcheinander, das von den drei Generationen des Burns-Clans patent angekurbelt wird.

Rituale und Routine, sie bestimmen noch das größte Familienchaos: So wie Mommy und Poppy Burns (verkörpert von den ewig rotwangigen Hollywood-Übereltern Dianne Wiest und John Mahoney) gleichmütig die Peanutbutter-Sandwichs vor dem Ausflug streichen, so führen beim alljährlichen Gesellschaftsabend Großeltern, Eltern und Kinder die immer gleichen Kunststückchen auf; selbst wenn in diesem Film die familiäre Neurosenproduktion mit viel süßer Erdnussbutter geschmeidig gemacht wird.

Seine letzte Familienzusammenführung fürs Kino hatte Peter Hedges ätzender in Szene gesetzt: In der Independent-Perle "Ein Tag mit April Burns" ließ er 2003 die damals noch toll tragikomische Katie Holmes mit grimmig nachgezogenem Kajalstift gegen ihre Eltern in den Krieg ziehen. "Dan – Mitten im Leben" gibt sich da versöhnlicher – und zeigt zugleich eine komplexere familiäre Situation.

Spätpubertät, Midlife-Crisis oder Frühvergreisung? Man weiß nicht so recht, woran der von den Eltern bemitleidete, von den Brüdern freundlich verhöhnte und von den eigenen Töchtern fies verachtete Dan eigentlich leidet. Vielleicht an allem? Eine perfekte Rolle für den wunderbar alterslosen Steve Carell, der bereits mit dem Komödienhit "Jungfrau (40), männlich, sucht…" die männliche Adoleszenz als potenziell bis ins Grab dehnbare Phase dargestellt hat.

Carell gehört zu diesen Menschen, die stets so aussehen als wollten sie heulen, wenn sich ihre Mundwinkel mal zu einem seltenen Lächeln nach oben ziehen. Wie traurig deshalb doch diese Komödie in manchem Momenten daherkommt: Denn als Dan hat Carell eine Menge zu lächeln, wenn er seinem Bruder beim Turteln mit der Begehrten zuschauen oder beim Gesellschaftsspielabend Begeisterung heucheln muss.

Vom deutschen Untertitel dieser amerikanischen Familienfeier sollte man sich deshalb nicht in die Irre führen lassen: "Mitten im Leben!" ist wie so viele Formulierungen zum Thema ein Euphemismus, um den mit der Familie einhergehenden Souveränitätsverlust schmackhaft zu machen.

Wie der Titel lauten müsste? "Dan – Fremd im eigenen Leben!"

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