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01.04.2008
 

Deutsche Kinokrise

Die fetten Jahre sind vorbei

Von Felix Disselhoff

Und wo bleibt das Happy End? Trotz eines saisonalen Aufschwungs leiden Deutschlands Kinos dauerhaft an Besucherschwund. In Hamburg musste nun ein Traditionshaus schließen - auch weil die Politik lieber auf teure Prestigeprojekte setzt.

Es war ein brutales Jahr: Mit beinahe sechs Prozent Umsatzeinbußen und einem Besucherminus von über acht Prozent fuhr die Kinobranche 2007 eines der schlechtesten Ergebnisse seit langem ein; das derzeitige saisonale Besucherhoch reicht für wenig mehr als kurz durchzuatmen. Bei der Ursachenforschung geben sich die Experten erfinderisch. Das Angebot sei zu groß, das Fernsehen zeige genug gute Filme, das private Heimkino und das Internet ließen potentielle Kinogänger auf der heimischen Couch sitzen. Außerdem sind DVDs viel schneller erhältlich als noch vor fünf Jahren. "Die Legende von Beowulf" geisterte noch im November letzten Jahres über die Leinwand - seit Mitte März gibt es sie überall zu kaufen. Keine Legende ist, dass der Deutsche nur noch 1,5 Mal pro Jahr ins Kino geht. Seit 2002 verloren deutsche Kinos ganze 39 Millionen Besucher. Das hat zur Folge, dass immer mehr Spielstätten geschlossen werden - so wie jüngst der Hamburger Grindel-Ufa-Palast.

Staub der Filmgeschichte

Die Besucher des Hamburger "Grindel" konnten noch ein Gefühl dafür bekommen, was Kino in den Fünfzigern bedeutete: Säle mit sechshundert Sitzen, Stuck an den Wänden, schwere Samtvorhänge, in denen sich der Staub der Filmgeschichte sammelte. Romy Schneider erschien hier zu Premieren, "Doktor Schiwago" hatte hier seine Uraufführung. Doch vergangene Woche öffnete sich hier der Vorhang zum letzten Mal. Bald soll über der Leinwand die Abrissbirne schwingen.

Einer, der bis zum Schluss für sein Lieblingskino gekämpft hat, ist Sven Feddern. Nur hier gab es die neuen Filme in der Originalversion, neue 3-D-Projektoren und die Technik, um die alten 70mm-Breitband-Streifen abzuspielen. Kurzum: ein Mekka für Filmliebhaber. Mit dem "Sneak"-Team sorgte Feddern jeden Montag für 600 ausgebuchte Plätze. In der "Sneak" zeigte das Kino Filme vor dem offiziellen Starttermin. Vorher versteigerte Feddern DVDs, begrüßte neue Gäste und ließ eine thematisch kombinierte "Trailershow" laufen - die Fangemeinde durfte dann den Überraschungsfilm des Abends erraten.

Die "Sneak"-Fans saßen nie still. Ständig diskutierten sie, kommentierten das Geschehen auf der Leinwand. Es gab kein monotones Popcorn-Knirschen, Liebesszenen endeten immer in aufbrausendem Applaus. Die "Sneak"-Gemeinde war ein eingespieltes Team, Liebhaber reisten aus dem fünfzig Kilometer entfernten Buxtehude an. "Ein altes Pärchen wollte sich nach der letzten Vorstellung sogar von ihrem Kino verabschieden. Allein. Die haben hier die Uraufführung von Doktor Schiwago miterlebt", erinnert sich Feddern.

"Kulturelle Kleinode werden ausradiert"

Letztes Jahr ließ das zuständige Bezirksamt Eimsbüttel in einer Pressemitteilung verlauten: "Das Kino soll auf Grund einer langfristig fehlenden wirtschaftlichen Perspektive aufgegeben werden." Stammgäste und Kinomitarbeiter schlossen sich daraufhin zusammen und riefen die "Initiative Pro Grindel e.V." ins Leben, die rund 15.000 Unterschriften von Anwohnern und Kinobesuchern sammelte. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU) zeigte Verständnis - für mehr reichte die Zeit allerdings nicht, schließlich war Wahlkampf. Und die parteilose Kultursenatorin Karin von Welck erklärte sich für nicht zuständig. Sie verwies auf die Wirtschaftsbehörde - zum Ärgernis der Kinofreunde. "Für Prestigeobjekte wie die Elbphilharmonie wird eine Viertelmilliarde ausgegeben. Und solche kulturellen Kleinode werden ausradiert. Ich bin sauer auf die Stadt", ärgert sich Feddern. Das bereits 2006 von einem privaten Investorenteam gekaufte, heruntergewirtschaftete Traditionshaus soll nun noch dieses Jahr abgerissen werden - das Kino wird Eigentumswohnungen Platz machen.

Mit der Schließung am vergangenen Mittwoch erreichte die Geschichte der deutschen Ufa-Theater-AG den Tiefpunkt. Ende der Dreißiger spielten über 5000 Kinos unter den Namen der Universum Film AG. Nach 85 Jahren ging das Unternehmen 2002 in Insolvenz. Das "Grindel" trug zuletzt nur noch auf seinen Leuchtreklamen den Namen der Kinokette.

Schuld an diesem Niedergang war auch die deutsche Kinorevolution, die Anfang der Neunziger begonnen hatte: Deutschland wuchs. Und seine Kinos wuchsen mit. Multiplexe mit acht und mehr Leinwänden und mehr als 1600 Sitzplätzen verdrängten die kleinen Kinos. Die wurden zum Sammelbecken für Nischenprodukte, Autorenfilme und Cineasten. Die Massen strömten in neue Hallen aus massiven Stahlträgern und Fensterfronten, angegliedert an Einkaufspassagen oder aus Platzgründen in die freie Landschaft gewuchtet.

Doch im Gegensatz zu all den anderen veralteten Ufa-Kinos wurde Hamburgs Grindelpalast ständig mit neuer Technik ausgestattet, um der Multiplexkonkurrenz standhalten zu können. Geholfen hat auch das nicht. Dass nun nach der Schließung die Bauplanung durch das Bezirksamt vorerst gestoppt wurde, ist schon ein Treppenwitz.

Cinematografische Wollmilchsau

Hamburgs Fördergelder scheinen zur Zeit eher in außenwirksame Leuchtturmprojekte zu fließen, die weniger für Hamburgs Bevölkerung als für die von der Stadt so umworbenen Touristen attraktiv sind. Unter dem Motto "Metropole Hamburg – Wachsende Stadt" will der Senat mit der geplanten Elbphilharmonie international auf sich aufmerksam machen. Bislang waren 241,3 Millionen Euro veranschlagt worden, davon sollte die Stadt 114,3 Millionen Euro beisteuern. Neue Baurichtlinien sorgen nun dafür, dass weitere 20 Millionen dazukommen - auch dafür scheint Geld da zu sein.

Nach Ansicht der Kultursenatorin von Welck zahlt sich die Leuchtturmpolitik international aus: "Die Amerikaner sagen, sie wissen endlich, wo Hamburg liegt. This puts Hamburg on the map." Und wer Kinoförderung mit den architektonischen Großprojekten vergleiche, liege ohnehin falsch: "Bei der Elbphilharmonie handelt es sich um Investitionen in den Bau. Bei der Kinoförderung geht es ja in erster Linie um Betriebskosten", so die Senatorin.

Ein Kino wie das "Grindel" scheint also als cinematografische Wollmilchsau weder in das Konzept Hamburgs noch in das Kinodeutschland des 21. Jahrhunderts zu passen. Zu wenig Arthouse für die Kulturbehörde, zu viel Filme in der Originalversion für synchronsprecherverwöhnte Kinogänger und zu viel Blockbusterkino neben den Multiplexen.

Sven Feddern und das "Sneak"-Team sind jetzt in das kleine aber feine Streit's Filmtheater am Hamburger Jungfernstieg umgezogen. Noch eine Kinoschließung möchte er nicht miterleben. Doch Happy Ends gibt es ja bekanntlich nur im Kino.

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