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06.05.2008
 

Regisseur Andreas Kleinert

Puppenspieler des Grauens

Von Christian Buß

Virtuos erzählt Regisseur Andreas Kleinert von den gesellschaftlichen Schräglagen nach der Wende. Sein Film "Freischwimmer" ist eine Psycho-Groteske über das Böse in der Provinz – die mit einer bitteren Erkenntnis in die Realität zurückführt: Amstetten ist überall.

Andreas Kleinert stochert unzufrieden in seinem Obstsalat. Wie kritisiert man, was eigentlich nicht kritisiert werden darf? "Wie soll ich sagen", setzt er schließlich an, während er das Schüsselchen auf dem Frühstückstisch beiseite schiebt, "ich mag diesen gutherzigen intellektuellen Blick auf spezielle soziale Randbereiche nicht. Arbeitslosigkeit, Abtreibung – dieses redliche Sozialkino, was in Cannes immer wieder ausgezeichnet wird, dabei fühle ich mich ein bisschen unwohl."


Langsam kommt der Regisseur und Autor, der in einem Pensum wie wohl kaum ein zweiter brisante Stoffe fürs deutsche Kino und Fernsehen aufarbeitet, in Fahrt: "Mich stört es, wenn einem die Einfühlung in die Figuren zu leicht gemacht wird. Wenn Gut und Böse übersichtlich angeordnet werden."

Real? Banal!

Dann wettert er: "Es gibt ja momentan im deutschen Film ein Diktat zum Realismus. Deshalb macht es mir Spaß, das jetzt zu kippen." Schließlich fragt er empört: "Wirklichkeit, was ist schon Wirklichkeit?"

Eine sonderbare Frage aus dem Munde jenes Regisseurs, der mit bemerkenswerter Konsequenz und Kontinuität furiose Bilder für den gesellschaftlichen Wandel gefunden hat, der dieses Land die letzten 20 Jahre geprägt hat.

Ausgebildet wurde Kleinert noch zu DDR-Zeiten auf der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, seine ersten Regie-Arbeiten legte er dann im wiedervereinigten Deutschland vor. Mit enormer Stilsicherheit fand er eine filmische Sprache, um vom Systemwechsel zu erzählen.

Man kann sich Kleinert-Produktionen aus ganz unterschiedlichen Jahren anschauen, zum Beispiel das formvollendete Schwarzweißgemälde "Wege in die Nacht" von 1999, in dem Hilmar Thate als ausgemusterter VEB-Direktor in der Berliner U-Bahn ungebeten den Sheriff mimt.

Oder den von Kleinert 2003 gerelaunchten "Polizeiruf 110" aus Mecklenburg-Vorpommern, in dem Henry Hübchen verloren durch die Ruinen des Aufbau Ost taumelt und in einer wunderbar langen Szene seinen klobigen Körper zu Techno-Beats und flackerndem Strobo-Licht hin und her wirft.

Oder das 2006 entstandene Arbeitermelodram "Als der Fremde kam", in dem Götz George einen kraftstrotzenden Gewerkschaftsfunktionär gibt, der den Abend wichsend mit einem Pornovideo verbringt, sich in Sachen Arbeitskampf aber weniger potent zeigt. Einen düstereren Abgesang aufs Proletariat hat man nicht gesehen.

Konzentration aufs Böse

Und der Schöpfer eben dieser ins Monströse ragenden Milieustudien behauptet nun, dass ihn die Wirklichkeit gar nicht mehr interessiere? "Naja, wie soll ich sagen", überlegt der 45-Jährige, "ich hatte wohl mein zynisches Jahr. Ich wollte mich jetzt ganz auf das Böse konzentrieren, auf die menschlichen Untiefen." Ostdeutsche Ödnis oder westdeutsche Stahlwerkskulissen, kurz: der ganze gesamtdeutsche Realitätsmuff hätte da seiner Meinung nach nur den Blick in die seelischen Abgründe der Figuren verstellt.

Deshalb hat Andreas Kleinert seinen neuen Kinofilm "Freischwimmer", eine Psychogroteske im Stile Claude Chabrols, in einer pittoresken westdeutschen Kleinstadt angesiedelt, die in ihrer farbigen Künstlichkeit kaum für echt gehalten werden kann. Sogar das anheimelnde Kirchengeläut kommt hier vom Band, die echten Glocken machen einfach zu klobigen Lärm.

Authentisch ist in diesem Provinzkaff gar nichts, und das örtliche Franz-Kafka-Gymnasium nimmt sich aus wie ein Sichtbeton-Labyrinth, in dem man sich leicht verirren kann. Zwei, die darin heillos gefangen sind, finden aber bald zu einer unheilvollen Allianz zusammen: der Kunstlehrer Wegner (August Diehl), der für den Kleinstadtkleingeist nur tödliche Verachtung übrig hat, und Rico (Frederick Lau), ein schwerhöriger Außenseiter, der in der Umkleidekabine des schuleigenen Schwimmbads mehr als einmal von den Sportskanonen seines Jahrgangs in die Mangel genommen wird. Zusammen basteln sich die beiden eine bizarre Parallelwelt, in der sie die Rache an ihren Peinigern vorbereiten.

So betont artifiziell Andreas Kleinert den Provinzkosmos in "Freischwimmer" ausgestaltete – er ließ sich dabei doch von realen eigenen Ängsten leiten. "Die Geschichte hat viel mit meiner eigenen zu tun", erklärt er ohne Umschweife. "Ich hatte immer Angst vor Sport. Mannschaftsspiele waren das nackte Grauen für mich. Noch heute habe ich Schiss, wenn mir Kinder auf der Straße den Ball zuspielen."

Und die Sozialisation in der DDR hatte daran ihren Anteil: "Da wurde ja erstmal jedes Kind auf eine bestimmte Sportart getrimmt. Zum Glück hatte ich eine tolle Kunstlehrerin, die mir andere Optionen eröffnet hat: diese gute Welt des Denkens und Fühlens gegen die martialische Welt des Kämpfens und der Körperlichkeit."

Doch wohin all die wunderbare Sublimation führen kann, das demonstriert Kleinert, der auch bei radikalen Farb- und Sujetwechseln einen ganz eigenen Kurs verfolgt, nun eben in "Freischwimmer". Denn wer verkörpert hier denn nun wirklich das Böse – die Sportgrobiane oder die Kunst-Sensibilisten?

Die schöpferische Kraft der beiden Aussätzigen jedenfalls gerinnt bald zur mörderischen Energie. Im streng verriegelten Kellerverlies neben dem hübschen Häuschen des Kunstpädagogen werkeln der kleine Frederick und Herr Wegner an einem Puppenkabinett, mit dem sie die Auslöschung der Kleinstadtkleingeister proben.

Dass dieses betont artifizielle Refugium, dieser pechschwarze Seelenkeller der Provinz, nun ausgerechnet an das Horrorverlies im ganz realen Amstetten erinnert, ist vielleicht mehr als ein Zufall. Zeigt sich auf diese Weise doch die traumwandlerische Sicherheit des Sozialreporters und Seelenfilmers Andreas Kleinert: So sehr er sich auch anstrengt, der Wirklichkeit kann er einfach nicht entkommen.

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