Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier
Wenn heute Abend in Cannes die Jury-Mitglieder Sean Penn und Natalie Portman oder die Stars des Eröffnungsfilms, Julianne Moore und Mark Ruffalo, auf dem roten Teppich vor dem Palais ins Blitzlichtgewitter treten, wenn Festivalpräsident Gilles Jacob am oberen Ende der Treppe seinen Blick huldvoll über die Menge gleiten lässt wie ein Feldherr vor Beginn der Schlacht über seine Truppen, dann geht es nur um eines: Sehen und Gesehenwerden.
Es geht um strahlendes Lächeln, blendendes Aussehen und den Triumph des Augenscheins. So entschloss sich der listige Programmchef Thierry Frémaux, seinen illustren Gästen gleich zur Eröffnung eine zweitstündige Therapiesitzung zu verordnen: Fernando Meirelles’ Drama "Blindness" handelt von der Erblindung der Menschheit. Was passiert mit uns und der Welt, fragt der Film, wenn wir nicht mehr sehen können, was um uns herum passiert?
Werden wir hinter all dem falschen Schein wahre Schönheit finden? Nein! Ein höllenhaftes Anti-Cannes entwirft der Brasilianer Meirelles in seiner Adaption von José Saramagos Roman "Stadt der Blinden": Dreck türmt sich auf den Straßen, Urin fließt über die Flure, statt auf High Heels über den roten Teppich stolpern die Menschen barfuß durch Haufen von Kot.
Schlimmer noch ist die innere Verlotterung, die immer mehr um sich greift, denn für die moralische Orientierung der Menschen gibt es keinen Blindenhund. Ein von Mark Ruffalo gespielter Augenarzt, der ebenfalls einer rätselhaften Erblindungs-Epidemie zum Opfer fällt, lässt es widerstandlos zu, dass seine Frau (Julianne Moore) – der einzige Mensch, der noch sehen kann – mit anderen Männern schläft, um an Nahrung zu kommen.
Wenn man in Cannes das Kino verlässt, muss man normalerweise sofort eine Sonnenbrille aufsetzen. So düster sind meist die Bilder, die auf der Leinwand zu sehen sind, so grell ist das Licht an der Côte d’Azur. In "Blindness" wird der Zuschauer dagegen oft von gleißenden Einstellungen geblendet. Ob ein weiß gekachelter Boden oder ein Schuss Milch in einer Tasse Kaffee – nahezu jede Gelegenheit nutzt der Film, den Zuschauer dazu zu zwingen, angesichts der Helligkeit die Augen zusammenzukneifen.
Sehen kann sehr schmerzhaft sein, das musste man in den Filmen, die in Cannes gezeigt wurden, oft genug erfahren. Noch schmerzhafter ist es jedoch, wenn ein Regisseur seinen Bildern mit Worten zu Hilfe eilt. Wenn Julianne Moore gegen Ende des Films die Augen schließen möchte, um das ganze Elend nicht mehr sehen zu müssen, fährt der Schauspielerin ein geschwätziger Off-Kommentar in die Parade und erklärt den Zuschauern, was die Figur gerade fühlt und denkt. Wer Filme macht, muss dem Augenschein oft blind vertrauen.
Eine platinblonde Frau mit grellrot geschminkten Lippen, deren Augen hinter einer schwarzen Blende verborgen sind, ziert das Plakat des diesjährigen Festivals. Was sie dahinter sieht, bleibt dem Betrachter verborgen. "Drei Affen", der neue Film des türkischen Regisseurs Nuri Bilge Ceylan ("Uzak"), der morgen im Wettbewerb laufen wird, handelt von einer Familie, die Augen, Ohren und Münder vor der Wahrheit verschließt. Auf dem diesjährigen Festival geht es also offenbar vor allem um das, was man nicht sehen kann oder will.
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