Von Gregor Peter Schmitz, Washington
Washington - Es gibt eine Reihe von Wegen, Oliver Stones Interesse zu wecken. Man kann ein tragischer Held sein wie John F. Kennedy, dann produziert der Star-Regisseur ein Drama ("JFK"). Oder ein angriffslustiger Kriegsherr ("Alexander"). Oder ein berüchtigter Geheimniskrämer und Gesetzesbrecher ("Nixon").
Manche halten George W. Bush für eine Mischung aus allem. Das allein ist aber nicht der Grund, warum er zum Protagonisten des jüngsten Stone-Streifens wurde. "Bush ist witzig", vertraute der Filmemacher jetzt dem Blatt "Entertainment Weekly" an. "Er albert herum, zieht häufig Gesichter. Er ist nicht wie andere Präsidenten. Damit kann man ein bisschen Spaß haben."
Also sind auch Schmunzler zu erwarten, wenn der Film über das Leben und Wirken des 43. Präsidenten der USA unter dem schlichten Titel "W" am 17. Oktober in die Kinos kommt - mit Josh Brolin in der Rolle Bushs. Am Montag hat Stone die Dreharbeiten in Louisiana begonnen. Vorher gewährte er in einem Exklusivinterview mit "Entertainment Weekly" erste Einblicke in das Drehbuch, das bislang weitgehend unter Verschluss war.
Schließlich hilft ein wenig Geheimniskrämerei bei der Provokation. Und mit Provokationen kennt sich Stone bestens aus: Der Oscar-Preisträger ist auf Kontroversen abonniert wie Steven Spielberg auf Kassenrekorde. Für "Alexander" wollten ihn griechische Patrioten verklagen, weil er ihren Nationalhelden zu einer Art blondem Metrosexuellen verkitscht habe. Stones wilde Verschwörungstheorien in "JFK" über den Mord an John F. Kennedy erregen noch heute erregte Diskussionen unter Cineasten und Polit-Junkies.
Auch in "W" geht es Stone um die ganz großen Fragen. "Wir wissen nicht viel über Mr. Bush außer den kontrollierten Bildern, die wir zu sehen bekommen", sagt er. "Dieser Film will hinter den Vorhang blicken." Denn: Bush sei vielleicht der schlechteste Präsident aller Zeiten. Aber eben auch eine großartige "story". "Es ist die Geschichte eines Typen, der sehr wenige Talente hatte - außer dem, sich selbst zu vermarkten. Dass er aus dem Schatten seines Vaters und seines Familiennamens treten konnte, ist schon bewundernswert."
Den Vater betrunken zum Faustduell aufgefordert
Wie Stone diese "story" erzählen will, bewegt bereits jetzt amerikanische Gemüter. Immerhin wird Bush noch US-Präsident sein, wenn der Streifen herauskommt. Wenige Wochen nach dem geplanten Filmstart wählen die Amerikaner seinen Nachfolger. Die Frage, worin Bushs persönliches Vermächtnis besteht und was für ein Mensch sie acht Jahre lange regiert hat, wird zu dieser Zeit also immer noch eine ganze Menge Leute brennend interessieren.
Die können sich laut "Entertainment Weekly" etwa auf folgende Szenen freuen: Der 26 Jahre alte George W. rast betrunken mit seinem Auto in den Vorgarten der Eltern und fordert seinen Vater - da schon hochangesehener Politiker - kreischend zum Faustduell. Später vertraut der junge Bush nach dem Wahlsieg des Vaters seiner Frau Laura an, er habe auf dessen Niederlage gehofft - denn nun sei dessen Schatten übermächtig (dass er selbst ins Weiße Haus einziehen würde, schien Bush damals nicht für möglich zu halten).
Auch Bushs Präsidentschaft will Stone mit saftigen Details schildern: Zu sehen sein soll, wie Bush beim gemütlichen Football-Gucken vor dem Fernseher fast an einer Brezel erstickt. Wie er seinen Beratern mehr oder weniger originelle Spitznamen verpasst und Schuljungenstreiche spielt: Außenminister Colin Powell wird im Weißen Haus ausgesperrt, Condoleezza Rice klaut Bush die Drops.
Laut Drehbuch soll der Präsident Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair von seinen Gedankenspielen erzählen, Saddam Hussein zu ermorden. Er wird einem Geistlichen anvertrauen, dass er eigentlich gar nichts fürs Weiße Haus kandidieren wollte - aber Gott habe ihn nun einmal dazu auserkoren. Und er wird dem saudischen Botschafter verraten, dass er seit Beginn des Irak-Kriegs auf Süßigkeiten verzichte: "Das ist mein persönliches Opfer, um die Truppen zu unterstützen." Vieles davon ist schon bekannt und wenig skandalträchtig. Doch wäre überraschend, hätte der Film-Krieger Stone nicht noch ein paar explosivere Szenen in petto - etwa über die Details im Vorfeld des Irak-Kriegs, vielleicht auch Rechtsbeugungen im Kampf gegen den Terror. Stone hat sich schon künstlerische Freiheit erbeten: Eine Rede an einem Ort mit einer Rede an einem anderen Ort zu einer Szene zu verschmelzen, sei doch wohl gestattet, argumentierte er.
Solche Sätze machen Bush-Anhänger nervös. Auf konservativen Blogs wird dem umstrittenen Regisseur bereits schlampige Recherche und Parteinahme im Wahlkampf unterstellt. Stone hält entgegen, er habe für die Recherche zig Bücher über Bush durchforstet - und sei an Parteipolitik herzlich wenig interessiert.
Die bekam er aber bei der Besetzung zu spüren. Gestandene ältere Kaliber in Hollywood, die für die Rolle als Bush in Frage gekommen wären, ständen oft den Republikanern nahe, klagte ein Produzent von "W" in "Entertainment Weekly". Die wollten sich nicht für eine mögliche Abrechnung mit dem Präsidenten einspannen lassen. Und demokratisch gesinnte Schauspieler wollten dem nicht einmal einen Film gönnen. Schauspieler Brolin ist aus "No Country for Old Men" bekannt. Die Rolle von Vizepräsident Dick Cheney hat Stone noch immer nicht besetzen können.
Gäste berichteten, Bush habe geweint - mehrfach
Abseits jeder Politik hat Stone aber in einem Punkt Recht: Bislang ist wenig bekannt über die Person Bush. Der Präsident hat sein Privatleben abgeschirmt wie kaum einer seiner Vorgänger. Ist er aber nur als Privatmann zu sehen, muss man meist erstaunt feststellen: Bush, einer der unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten, wirkt dann immer noch ziemlich sympathisch.
Zu besichtigen war das gerade wieder bei der Hochzeit seiner Tochter Jenna in Texas. Die verlief hermetisch abgeschirmt, aber am Tag danach trat Bush vor Reporter und sprach bewegt über die Zeremonie. Gäste berichteten, Bush habe mehrfach geweint - und sei ganz bescheiden und liebenswert aufgetreten. Solche Momente erinnern die Amerikaner daran, wieso sie den Kandidaten Bush 2000 so kumpelhaft und sympathisch fanden. Ob diese Erinnerung wenigstens ansatzweise zurückkehrt, wenn Bush wieder Privatmann wird - und in Filmen wie "W" neben den katastrophalen Fehlentscheidungen seiner Amtszeit auch Bushs private Seite aufblitzt?
Den Produzenten des Stone-Films geht es aber wohl eher um Politik als Privates. Schon ist die Rede davon, Werbespots für den Streifen könnten zeitgleich mit den Wahlkampfspots von John McCain laufen - den die Demokraten im November als Bush-Erben zeichnen wollen.
Vertrieben wird "W" von einer Produktionsfirma, die sonst den kämpferischen Filmemacher Michael Moore betreut. Der will nicht nachstehen: Kürzlich hat Moore einen neuen Bush-kritischen Dokumentarfilm angekündigt.
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