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19.05.2008
 

Cannes-Tagebuch

Das Fest ist Schweigen

Von Lars-Olav Beier

Nachdem sich die "Indiana Jones"-Hysterie in Cannes gelegt hat, regiert beim Filmfestival der Alltag. Und der ist bekanntlich trist: Nie pathetisch und stets respektvoll erzählen Jean-Pierre und Luc Dardenne in "Le Silence der Lorna" vom harten Los einer Emigrantin.

Das Festival von Cannes gibt sich in diesem Jahr ganz nachbarschaftlich und widmet einen inoffiziellen Länderschwerpunkt der Filmnation Belgien. "Be moved by Belgian movies!" (Lassen Sie sich von belgischen Filmen bewegen!) lautet der groß plakatierte Slogan des Benelux-Landes, das zum ersten Mal mit einem eigenen Pavillon an der Croisette vertreten ist.

Der belgische Exportschläger Jean-Claude Van Damme, in Hollywood auch kurz "The Muscles from Brussels" genannt, ist seit jeher ein überaus bewegter Mann, und einige seiner Bewegungen machte er bei seinem PR-Auftritt in Cannes für seinen neuen Filme "J.C.V.D." und "Full Love" gleich vor: Er begeisterte Fans und Journalisten mit Kickbox-Einlagen.

Doch Belgien hat weit mehr zu bieten. "Moscow, Belgium", schon der Titel dieses Films, den der Regisseur Christoph von Rompaey in der Nebensektion "Semaine de de la Critique" vorstellte, zeugt vom neuen belgischen Selbstbewusstsein. Moskau in Belgien? Wird nun, nach der Eroberung des Westens durch Van Damme, der Osten gleich eingemeindet?

Nein, tatsächlich ist Moscow der Name eines Arbeiterviertels in Ghent. Aber damit deutet sich schon an, dass Belgien ein Schmelztiegel ist, aus dem Filmemacher schöpfen können, um große Dramen zu schmieden. In "Le Silence de Lorna", dem neuen Film der zweimaligen Cannes-Gewinner Jean-Pierre und Luc Dardenne, heiratet eine Albanerin (Arta Dobroshi) den Belgier Claudy (Jérémie Regnier), um dessen Staatsangehörigkeit annehmen zu können. Kurze Zeit später will sie sich wieder von ihm scheiden lassen, um einen Russen zu heiraten und auch ihn zum Belgier zu machen.

Geld, ein gefährlicher Stoff

Früher wollten alle Menschen Amerikaner werden, heute wollen alle Belgier werden. Für uns Deutsche wäre die Umstellung gar nicht so groß, wir haben ja im Grunde sogar eine ähnliche Fahne. Albaner oder Russen haben es da natürlich nicht so leicht, und so erzählt "Le Silence des Lorna" vom harten Los einer Emigrantin.

Wie schon in ihrem letzten Film "L’Enfant", mit dem die Dardennes vor drei Jahren die Goldene Palme gewannen, zeigen sie auch diesmal, was Menschen für Geld alles zu tun bereit sind. In "L’Enfant" spielt Jérémie Regnier einen jungen Vater, der seinen eigenen Sohn an Menschenhändler verkauft. Nun spielt er das Opfer: Einen Junkie, den die Titelheldin nur aus Pragmatismus geheiratet hat und der am Ende von Gangstern getötet wird.

Selten sah man zuletzt in einem Film so oft Geld von einer Hand in die andere wechseln. Claudy bittet Lorna, für ihn seine Ersparnisse aufzubewahren, denn er will von seiner Sucht loskommen und deshalb nie größere Summen bei sich haben; als er gestorben ist und sie von ihm schwanger zu sein glaubt, will sie ein Konto für das ungeborene Kind eröffnen, doch der Bankbeamte sagt ihr, sie müsse das Geld auf ihr eigenes Konto buchen.

Am Ende hebt sie es ab und gibt es den Verbrechern, mit denen sie sich eingelassen hat – geradezu erleichtert scheint sie zu sein, als sie es los ist. Das Geld wirkt in diesem Film wie ein gefährlicher Stoff, von dem man kontaminiert werden kann, sobald man ihn anfasst.

War "L’Enfant" ein Film über einen Mann, der alles zu Geld macht und keinerlei Moral hat, so ist Lorna einfach ein guter Mensch, der nicht lügen und betrügen kann. Die Dardennes zeigen eine Frau mit reinem Herzen in einer korrupten Welt; das könnte peinlich sein, pathetisch, kitschig. Doch Arta Dobroshi wirkt als Lorna nie wie eine Heilige, sondern wie eine Frau, die ihrem Gewissen folgt, weil sie nicht anders kann, weil es in ihrer Natur liegt. Und die Dardennes beobachten sie dabei ruhig, konzentriert, aus respektvoller Nähe.

Illegale Müllbeseitigung und menschlicher Abfall

Im Zeichen des Geldes und des Werteverfalls menschlichen Lebens standen in den letzten Tagen einige Wettbewerbsfilme. "Gomorrha", Matteo Garrones Leinwand-Adaption des Bestsellers von Roberto Saviano, erzählt von den Machenschaften der Camorra im Süden Italiens, von Drogenhandel, illegaler Müllbeseitigung und Menschen, die entsorgt werden wie menschlicher Abfall. Der philippinische Beitrag "Serbis" von Brillante Mendoza spielt in einem heruntergekommenen Gebäudekomplex, in dem rund um die Uhr Sexfilme laufen, Jungen und Mädchen auf den Treppen mit ihren Freiern um den Preis ihres Körpers feilschen und eine Familie ums Überleben kämpft.

Doch beide Filme warten mit einer so unüberschaubaren Menge oft kaum unterscheidbarer Figuren auf, dass der Zuschauer den Überblick verliert und sich schwer tut, Mitgefühl zu entwickeln. Garrone und Mendoza laufen Gefahr, ihre Figuren wie Menschenmaterial zu behandeln. Und wenn Mendoza minutenlang mit der Kamera den Körper eines nackten Mädchens abtastet, dann blickt er selbst wie ein geiler Freier auf seine eigene Figur. So schnell kann man zum Ausbeuter werden.

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