Von Christian Buß
Heringe, Makrelen oder Kabeljau gehen den Fischern auf der Nordsee immer weniger ins Netz. Wer in dem leer gefischten Gewässer als Kutterbesitzer und Kleinstunternehmer zu bestehen versucht, muss nach anderen Einnahmemöglichkeiten Ausschau halten. So wie der junge schottische Fischersohn Sean (Martin Compston), der sich nach einer weiteren erfolglosen Fangtour im belgischen Ostende nach lukrativer Fracht umsieht. Er hofft auf eine Ladung Zigaretten für seine "Providence" – und wird von einem dubiosen Geschäftsmann mit viel heiklerer Schmuggelware bedacht: Zwei Dutzend Chinesen soll er über die Nordsee nach Schottland verfrachten.
Gespielt wird der Mittelsmann vom Hamburger Regisseur Hark Bohm, der einst mit seinem Drama "Nordsee ist Mordsee" einen Klassiker gedreht hat, dessen brutaler Titel als Motto für diese deutsch-englisch-irische Koproduktion "True North" gelesen werden darf. Menschenmakler Bohm hält ein paar zwingende Argumente für den zaudernden Fischersohn parat: Das Risiko sei gering, der Verdienst hoch, außerdem helfe man doch ganz nebenbei ein paar armen Kreaturen in der Not. Seine eigene Mutter, so der deutschstämmige Zwischenhändler makaber, habe als Jüdin nur deshalb den Krieg überlebt, weil jemand den Mut aufgebracht habe, sie in ein anderes Land zu schmuggeln.
Doch solch ethische Abwägungen sind für den Nachwuchsskipper Sean sowieso unerheblich. Er steht mit dem Rücken zur Wand, der Trawler seines überschuldeten Vaters gehört schon der Bank. Durch die Menschenfracht könnte sich das Schicksal wenden. Also verstaut er in der Nacht mit dem Matrosen Riley (Peter Mullan) die Chinesen im Laderaum, ohne dem Vater (Gary Lewis) davon etwas zu verraten. Der junge Sean scheint alles unter Kontrolle zu haben; auf der aufgewühlten See kann die Kutter-Crew sogar noch mal die Netze mit Fischen voll machen. Gibt es für die Leute auf der "Providence" vielleicht doch noch eine Zukunft auf der Nordsee?
Immer wieder denkt man bei dem Fischer-Drama "True North" an die Filme von Ken Loach ("Riff-Raff"), der den Untergang der britischen Arbeiterklasse wie kein zweiter Regisseur begleitet und verfilmt hat. Das liegt zum einen daran, dass alle Hauptdarsteller ihre ersten großen Auftritte bei Loach hatten. Und zum anderen daran, wie nüchtern und doch dramaturgisch schlüssig "True North"-Regisseur Steve Hudson hier vom letzten Aufbäumen eines Berufsstandes vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt berichtet.
Seine Geschichte bezieht sich auf einen wahren Vorfall, bei dem im Jahr 2000 zwischen Rotterdam und Dover 58 Asiaten ums Leben gekommen sind. Das Schicksal der Elendsflüchtlinge wird von Hudson knapp, aber krass und unmissverständlich in Szene gesetzt. Der Kontakt mit den Fischern beschränkt sich darauf, einmal pro Nacht einen Eimer mit Exkrementen durch eine Luke nach oben zu reichen; später wird auch ein vor Erschöpfung gestorbener Chinese aus dem feuchtkalten Laderaum geborgen. Nur ein kleines chinesisches Mädchen kann sich in die Kombüse stehlen und haust dort wie ein Wesen aus der Zwischenwelt, dessen Existenz sich nur in weg geknabberten Kekspackungen materialisiert. Gespenstisch.
Wie ein Schiff aus einer anderen Zeit bäumt sich stolz die "Providence" im aufgewühlten Meer vor der irischen und schottischen Küste auf – und ist doch nichts anderes als ein Seelenverkäufer, auf dem die Fischer und illegalen Flüchtlinge ohne Chance auf Erfolg den Verhältnissen zu trotzen versuchen. Ehrliches Fischerhandwerk, gibt es das noch? Während der alte Skipper halsstarrig an den Regeln von ehedem festhält, hat der Sohn längst nachgerechnet und weiß, dass man den Kahn und die Mannschaft damit nicht mehr durchbringt.
So spitzt Regisseur und Autor Hudson den Konflikt für sein Globalisierungsdrama vor dem rauen regionalen Setting schlüssig und schonungslos als Vater-Sohn-Drama zu – bei dem die Wahlmöglichkeiten des alten und des jungen Fischers kaum größer erscheinen als die der Elendsflüchtlinge im Schiffsbauch. Wer überleben will in den toten schwarzen Fluten der Nordsee, muss mit dem handeln, was ihm vor den rostigen Bug gespült wird: Fische, Zigaretten oder eben Menschen.
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