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26.05.2008
 

Cannes-Festival

Keine Zeit zum Träumen

Von Andreas Borcholte

Gefängnisalltag und Scheinheirat, Überleben im Slum und in der Schule - die Filme im Wettbewerb des 61. Festival von Cannes bilden schmerzhaft die Realität sozialer Abgründe ab. Kaum eine Rolle spielten die Amerikaner: Konventionelle Erzählkunst ist derzeit nicht gefragt.

Der Euro ist Schuld. Zu teuer war es angesichts des schwachen Dollarkurses für viele kleinere US-Händler und Filmfirmen, die Reise nach Cannes anzutreten. Die Präsenz der Amerikaner beim Festival de Cannes war schon allein aus monetären Gründen geringer denn je. Doch nicht nur der Marché du Film, der wichtigste Kino-Umschlagplatz der Welt, litt in Cannes unter der Abwesenheit vieler Umsatzbringer aus den USA, auch der Wettbewerb hatte in Sachen US-Kino nicht viel zu bieten. Oder besser gesagt: Amerikanisches Kino diente dieses Jahr an der Croisette mehr denn je nur dem einen Zweck: Glamour und Stars nach Cannes zu bringen, damit die Zeitungen Bilder vom roten Teppich drucken, und das kleine Städtchen an der Cote d'Azur mal wieder Mittelpunkt der Welt sein darf.

Sieg des Realismus: Laiendarsteller aus "Entre les murs" feiern den Palmen-Gewinn auf der Croisette:
AP

Sieg des Realismus: Laiendarsteller aus "Entre les murs" feiern den Palmen-Gewinn auf der Croisette:

Die Kluft zwischen den Filmen, die im Wettbewerb des Festivals zu sehen waren und dem Blitzlichtgewitter der Fotografen, die nach Bildern von US-Stars wie Angelina Jolie, Jack Black und Clint Eastwood gierten, könnte tiefer nicht sein, und in diesem Jahr gewann man den Eindruck, dass sich kaum noch jemand die Mühe machte, die Diskrepanz zwischen engagiertem Autorenkino und eskapistischer Glamour-Welt zu vertuschen. In Cannes tauschen Realität und Fiktion die Rollen; immer dokumentarischer bilden die Regisseure das soziale Elend unseres Alltags ab, immer unwirklicher wird dagegen der Rummel um ein paar bekannte Gesichter und schöne Roben auf dem roten Teppich vor dem Palais.

"Wir wollen spüren, dass die Filmemacher sich der Zeit sehr bewusst sind, in der sie leben", diese Parole hatte Jury-Präsident Sean Penn vor Beginn des Festivals ausgegeben, und entsprechend fiel das Votum seines Gremiums am Ende aus. Die Goldene Palme für Laurent Cantets realistisches Schuldrama "Entre les murs" ist eine Konsens-Entscheidung, wie sie Cannes lange nicht erlebt hat. Zwar wurde der französische Film erst am vorletzten Festival-Tag gezeigt, galt aber dennoch unter den noch an der Croisette verbliebenen Kritikern als bester Beitrag des Wettbewerbs. Kaum ein anderer Film hatte diese dokumentarische Wucht, diese Konzentration auf eine Schule und den Kampf eines Lehrers, den zumeist immigrierten Schülern etwas beizubringen.

Alltag, hart und ungeschminkt, abseits gängiger Erzählformen, so kann man die höchst unterschiedlichen Filme des Festivals ganz gut zusammenfassen, denn "Entre les murs" hatte durchaus Konkurrenz, die ernst zu nehmen war. Palmen-Anwärter waren vor allem die belgischen Brüder Dardenne, die mit ihrem bedrückend nüchternen Scheinheirats-Drama "Le Silence de Lorna" die Chance auf einen dritten Sieg in Cannes hatten. Oder der argentinische Regisseur Pablo Trapero, dessen beherzte Frauengefängnis-Erzählung "Leonera" schon früh im Festival für Aufsehen sorgte.

Die Hauptrolle in "Leonera" spielt die Newcomerin Martina Gusman, der man den Preis für die beste Schauspiel-Leistung gewünscht hätte. Sie spielt eine schwangere Studentin unter Mordverdacht, die ihren Sohn unter unmenschlichen Bedingungen im Gefängnis zur Welt bringen muss, aber an der Aufgabe nicht zerbricht, sondern einen Lebensinhalt findet. Von den zahlreichen Müttern und Schwangeren, die den Wettbewerb in diesem Jahr bevölkerten, war Gusman mit ihrem fiebernden Blick voll tiefer Verzweiflung und urtümlicher Überlebenssucht die Überzeugendste.

Das Jury-Votum, einer anderen Film-Schwangeren den Darstellerinnen-Preis zu geben, erstaunt daher: Sandra Corveloni gibt in Walter Salles' Sozial-Saga "Linha de Passe" die vom Leben geplagte Mutter eines Brüder-Quartetts, eine Hauptrolle spielt sie jedoch nicht. Da hätte es neben Gusman andere, würdigere Anwärterinnen gegeben. Zum Beispiel die wundervoll authentische, ebenfalls noch unerfahrene Hauptdarstellerin der Dardenne-Brüder, Arta Dobroshi. Immerhin: Den Regie-Preis konnten die Belgier entgegen nehmen.

Und man will ja auch gar nicht meckern, denn die meisten Entscheidungen der Jury, in der auch die deutsche Schauspielerin Alexandra Maria Lara saß, sind nachvollziehbar und geben ein klares Votum für das aufklärerische Kino Europas ab, das sich der Suche nach Wahrheiten verschrieben hat und dabei auch an die Schmerzgrenzen stößt.

Der italienische Beitrag "Gomorra" zum Beispiel, mit dem großen Preis der Jury ausgestattet, erzählt seine groß angelegte Mafia-Saga eben nicht aus der gewohnten Perspektive der Paten, sondern zeigt sein Panorama ungeheuerer Zustände konsequent von unten, aus dem labyrinthischen Bauch eines heruntergekommenen Sozialbau-Monstrums bei Neapel heraus. Und auch der Darstellerpreis für Benicio del Toro, der in Steven Soderberghs Guerilla-Meditation vier Stunden lang als Che Guevara auftritt, geht allein angesichts dieser Anstrengung schon in Ordnung.

Zu Recht vernachlässigt wurden Filme, die traditionellen Erzählformen folgten und versuchten, der Welt eine Erklärung, wenn nicht gar ein Happy End aufzupressen - und damit in diesem Wettbewerb der Radikalitäten reichlich alt aussahen. Wim Wenders und sein missglücktes Fotografen-Drama "Palermo Shooting" gehörte dazu, ebenso wie die beiden amerikanischen Beiträge "The Exchange" von Altmeister Clint Eastwood und "Two Lovers" von James Gray. Vor allem letztere lieferten - im Falle des Eastwood-Films - akribische Ausstattung und Stars für den Roten Teppich, aber keine neuen Impulse für eine Kinokultur, die sich müht, mit nüchternem Blick den komplexen Verhältnissen globaler Lebenswirklichkeit gerecht zu werden.

Die Traumfabrik Amerikas, das zeigte sich auch in der pragmatischen Programmierung des Animationsfilms "Kung Fu Panda" und der harmlosen Woody-Allen-Posse "Vicky Cristina Barcelona" außer Konkurrenz, liefert derzeit keinen Stoff, der gefragt ist, zumindest nicht beim Publikum, das auch mal ins Kino geht, um sich einer künstlerisch ambitionierten Strapaze auszusetzen. Klar ist, dass kaum mehr als ein Drittel der in Cannes gezeigten Filme den Weg in deutsche, britische oder französische Lichtspielhäuser finden dürfte, von amerikanischen ganz zu schweigen. Die Realität der Kino-Charts spricht, zu sehen an diesem Montag mit dem durchschlagenden Erfolg des vierten Indiana-Jones-Abenteuers, das mit großem Brimborium in Cannes uraufgeführt wurde, eine klare Sprache: Eskapismus lässt den Rubel rollen, Kinokunst findet nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Cannes musste immer beides sein, Hort der Kunst und Umschlagplatz der Massenware, und in diesem verregneten 61. Jahr ist der Spagat zwischen Kunst und Kommerz erneut gelungen. Am Ende war es mit dem ewigen Rebellen Sean Penn ausgerechnet ein Amerikaner, der den Franzosen nach 21 Jahren mal wieder zum Palmen-Gewinn verhalf. Chapeau!

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